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Europa und Asien : Rückkehr an den Rand

Sieht aus wie Gras, hat aber viel Mühe gekostet und verspricht nun reiche Ernte: Reis Bild: Plainpicture

Wächst die Welt wirklich zusammen? Asien und Europa sind immer noch Paralleluniversen. Die vergangenen zehn Jahre markieren nicht nur den Aufstieg Asiens, sondern auch den Abstieg Europas.

          Als vor zehn Jahren der Umzug nach Asien näherrückte, reiste ich nach Delhi, um mich von meinem Vorgänger einweisen zu lassen. Ob ich etwas aus der Heimat mitbringen solle, hatte ich gefragt und zur Antwort erhalten: italienische Salami und deutsches Graubrot. Mit diesen beiden Preziosen in der Hand klingelte ich an der Tür im Diplomatenviertel Chanakyapuri, es war ein brütend heißer Tag. Ein Inder öffnete, der weder nach Butler aussah noch nach Koch oder Fahrer, aber alle drei Funktionen in sich vereinte. Er führte vorbei an einer Reihe von Reitstiefeln ins Schlafzimmer des Hausherrn. Es war der einzige Raum, in dem die Klimaanlage funktionierte. So verbrachte ich den ersten Abend in meinem neuen Berichtsgebiet auf einer Bettkante und teilte unter kühlem Gebläse eine italienische Wurst.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Am nächsten Tag wurde ich einem Bekannten vorgestellt, dem „Defence Correspondent“ der bengalischen Tageszeitung „The Statesman“. Wir trafen uns an der Bar des Oberoi und saßen bei einem Whisky in grau gewordenen Clubstühlen. Weil in diesen Tagen Indien und Pakistan wieder knapp einem Krieg entgangen waren, drehte sich das Gespäch um die Anzahl der in beiden Ländern lagernden Atomsprengköpfe, und ich versuchte, ein informiertes Gesicht aufzusetzen. Ich bekam eine Ahnung von meinem neuen Leben: Es hatte mit Dienern und Notrationen zu tun, mit einem extremen Klima und einem drohenden Nuklearkrieg in der Nachbarschaft.

          Hunger, Korruption und autoritäre Herrschaft

          Immerhin war es anders als das alte Leben. Zu Hause wohnte man in wohltemperierten Altbauwohnungen, philosophierte über Deutschlands wiederentdeckte Bürgerlichkeit und wartete, ob Kanzler Schröder in seiner zweiten Legislaturperiode so etwas wie einen politischen Einfall haben würde. Der 9/11-Schock hatte etwas nachgelassen, der dot.com-Crash war halb verdaut, Europa ging es nicht blendend, aber von elementaren Zweifeln, gar einer Sinnkrise war zu Hause nichts zu spüren.

          Asien im Sommer 2002 war aus deutscher Sicht ein undefinierter Kontinent, mit wenig Glanz, ein paar vereinzelten Erfolgsgeschichten und vielen Berichten über Hunger, Korruption und autoritäre Herrschaft. Einige im Westen raunten, dass sich inmitten dieses Chaos das wirtschaftliche und politische Zentrum des 21. Jahrhunderts herausbilden würde, aber verbreitet war die Sichtweise noch nicht. „Ewig werden die Asiaten ihre Plastikschraubenzieher auch nicht verkaufen können“, war einer der Sätze, mit denen ein Korrespondent in diesen Jahren in die Ferne verabschiedet wurde.

          Zumindest von Delhi aus betrachtet schienen die Skeptiker recht zu haben. Zukunft war anderswo. Leprakranke krochen auf den Straßen und klopften an die Autotür. Die Nahrungsaufnahme, selbst in großen Hotels, glich russischem Roulette: Früher oder später war der Magen verdorben, ein Zustand, für den das Wort „Delhi-Belly“ im Umlauf war. An Staub, Dreck und Schmiere musste man sich gewöhnen. „India Shining“ (Indien strahlt) hieß bald der Wahlslogan der regierenden Hindunationalisten. Sie verloren die Wahlen krachend.

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