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Die Woche der Angela Merkel : 20.000 Kilometer und kaum Schlaf

  • Aktualisiert am

Eine Woche zwischen Krieg und Frieden: Angela Merkel am Sonntag nach ihrer Ankunft in Washington Bild: dpa

Solch eine Woche hatte auch Angela Merkel noch nicht. Als Ukraine-Unterhändlerin der westlichen Welt fliegt sie zwischen Ost und West gut 20.000 Kilometer hin und her. Tage zwischen Krieg und Frieden.

          7 Min.

          An diese Woche wird sich Angela Merkel auch noch erinnern, wenn sie nicht mehr im Kanzleramt ist. Eine Woche, um im Ukraine-Konflikt mit seinen mehreren Tausend Toten doch einen Friedensplan zu schaffen. Am Ende steht eine Einigung auf Waffenruhe. Die wichtigsten Schauplätze: Berlin, Kiew, Moskau, Washington, Minsk. Die großen Gesprächspartner: die Präsidenten aus Frankreich, der Ukraine, Russland und den Vereinigten Staaten. Ein Protokoll.

          Donnerstag, 5. Februar: Berlin, Kiew

          Anfang einer langen Woche: Am Donnerstag, 5. Februar, empfängt Angela Merkel im Kanzleramt den deutschen Astronauten Alexander Gerst. Kurze Zeit später fliegt sie nach Kiew zu Präsident Poroschenko.

          Kurz vor Mittag will die Regierung in Berlin darüber informieren, was beim bevorstehenden Washington-Besuch der Kanzlerin wichtig wird. Das ist vor solchen Reisen üblich. Doch der Termin wird kurzfristig abgesagt. Irgendetwas muss passiert sein. Die Auflösung kommt bald: Merkel startet zusammen mit Frankreichs Präsident François Hollande eine Friedensmission für die Ukraine. Noch am Abend will sie nach Kiew. Große Überraschung. Klar ist: Das kann auch scheitern. Merkel geht ein Risiko ein - für sie untypisch.

          Vor dem Abflug trifft sie sich noch mit dem deutschen Raumfahrer Alexander Gerst. Er hat eine schwarz-rot-goldene Flagge mitgebracht, die mit ihm 2566 Mal um die Erde geflogen ist. Zurückgelegte Strecke: mehr als 100 Millionen Kilometer. Das wird Merkel bei aller Reisediplomatie niemals schaffen. Aber auf mehr als 20.000 Flugkilometer bringt sie es in den nächsten Tagen schon.

          Am Abend dann beim ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko im Präsidialamt, zusammen mit Hollande. Poroschenko drückt ihr einen der Blumensträuße in die Hand, wie man sie in Kiew auf den Straßen kriegt. Das Papier lässt er darum. Ein Abendessen zu dritt. Von der Unterhaltung wird kaum etwas bekannt.

          ***

          Freitag, 6. Februar: Berlin, Moskau

          Krisendiplomatie im Kreml: Am Freitag, 6. Februar, trifft Merkel gemeinsam mit Frankreichs Präsident Hollande im Kreml auf Russlands Präsidenten Putin

          Zurück im Kanzleramt, nach einer kurzen Nacht. Nach einem Termin mit dem Iraker Haider al-Abadi sagt Merkel zum ersten Mal etwas zum Zweck ihrer Bemühungen. „Wir tun das, was wir glauben, was in dieser Stunde unsere Aufgabe ist: nämlich alles, was in unserer Kraft steht, zu versuchen, um dem Blutvergießen ein Ende zu bereiten.“ Dann geht es mit dem Kanzler-Airbus „Konrad Adenauer“ nach Moskau. Die meisten Plätze bleiben leer. Merkel nimmt nur die engsten Mitarbeiter mit. Am Flughafen Wnukuwo-2 ist es schon dunkel. Es schneit etwas. Weiter mit Blaulicht in die Stadt. Die russische Presse nennt Merkel „Angela Mira“. Zu deutsch: „Friedensengel“.

          Im Kreml wartet Staatschef Wladimir Putin. Er bringt Merkel und Hollande gleich in sein Arbeitszimmer. Die üblichen Bilder vom Händeschütteln gibt es nicht. Auf dem runden Tisch nur ein Rosengesteck, Kugelschreiber für jeden und die Kopfhörer für die Übersetzung. Zwischendurch wird dann doch noch ein Termin für die Kameras eingeschoben. Alle wirken angespannt.

          Nach fünf Stunden ist das Gespräch vorbei. Kurz nach Mitternacht melden die Sprecher eine „konstruktive“ Atmosphäre. Keine Details. Grundlage für alles Weitere: ein deutsch-französisches Papier, mit dem die Minsker Vereinbarung vom September endlich umgesetzt werden soll. Putin bringt Merkel persönlich zum Flughafen.

          ***

          Samstag, 7. Februar: Moskau, München, Berlin

          Am Tag darauf, es ist Samstag, der 8. Februar, spricht die Kanzlerin auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Hier berät sie sich mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), der in dieser Woche ein ähnlich hohes Flugpensum wie sie absolviert

          Merkel fliegt direkt nach München zur Sicherheitskonferenz, einer der wichtigsten Termine für die weltweite außenpolitische Gemeinde. Sie landet gegen 2 Uhr in der Nacht. Das Tagungshotel „Bayerischer Hof“ ist ausgebucht. Sie weicht aus ins „Westin Grand“.

          Auf der Konferenz wird sie mit Applaus empfangen. Jetzt muss Merkel etwas sagen: Alle warten auf ein Zeichen, wie es in Moskau gelaufen ist. Sie sagt: „Auch nach den Gesprächen ist ungewiss, ob sie Erfolg haben.“ Viele sind enttäuscht. In der Diskussion muss Merkel ihr Nein zu Waffenlieferungen verteidigen, vor allem Amerikaner und Briten machen Druck. „Militärisch ist das nicht zu gewinnen, das ist die bittere Wahrheit“, sagt die Kanzlerin. Sie wirkt erschöpft.
          Anschließend informiert sie Poroschenko und den amerikanischen Vizepräsidenten Joe Biden über die Gespräche mit Putin. Dann noch andere Termine mit den wichtigsten ausländischen Gästen. Am Nachmittag zurück nach Berlin.

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