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Türkische Truppen in Syrien : Ein Feldzug allein genügt nicht

Kurden demonstrieren im Norden Syriens gegen die türkischen Angriffe auf Afrin Bild: EPA

Die langfristigen politischen Erfolgsaussichten der „Operation Olivenzweig“ sind in Syrien schlecht. Es dürfte den Türken schwerfallen, in Afrin durchsetzungsstarke Statthalter zu installieren. Die Kurden werden ihre Selbständigkeit verteidigen.

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          Als die Kurden in Syrien ihren größten Erfolg auf dem Schlachtfeld errangen, fiel kein einziger Schuss. Im Sommer 2012 zog sich das von vielen Seiten bedrängte Regime des syrischen Diktators Baschar al Assad aus den drei mehrheitlich von Kurden besiedelten Gebieten im Norden Syriens zurück. Der Abzug verlief derart reibungslos, dass im längst brodelnden Bürgerkriegsstaat sofort der Verdacht aufkam, es müsse eine Abmachung zwischen dem Regime und den Kurden gegeben haben. Erhärtet wurde dieser Verdacht durch den Umstand, dass der Abzug der Regierungstruppen nicht vollständig war. In Qamischli im Nordosten des Landes, der größten syrischen Stadt mit kurdischer Bevölkerungsmehrheit, behielt Damaskus entscheidende Objekte unter Kontrolle: den Flugplatz, einige Amtsgebäude, zwei zentrale Stadtviertel und ein Militärlager. Die Kurden haben diese Regierungsstützpunkte mitten in ihrem Gebiet nie angegriffen.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Das wirkt seltsam, passt aber ins größere Bild des Kriegsgeschehens, wenn man sich vor Augen führt, wie isoliert die kurdisch kontrollierten Gebiete Syriens waren. Die Türkei wandte sich von Beginn an gegen einen kurdischen „Terrorkorridor“ an ihrer Südflanke und schloss die Grenze. Die war zunächst zwar noch recht durchlässig für Schmuggler, besonders nachts, doch seit der Fertigstellung einer hohen Betonmauer im vergangenen Jahr ist das anders – die Türkei hat gegen die syrischen Kurdengebiete de facto eine Blockade verhängt. Auch mit dem anderen Nachbarn, der autonomen Kurdenregion im Nordirak, hatten die neuen kurdischen Machthaber im Norden Syriens keine guten Beziehungen. Im Nordirak herrschte damals noch der konservative Stammesführer Massud Barzani, der auf gute Beziehungen zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan angewiesen war, um sein staatsähnliches Gebiet zu regieren. In den syrischen Kurdengebieten dagegen hatte die Partei der Demokratischen Union (PYD) die Macht übernommen, die mit ihren bewaffneten „Volksschutzeinheiten“ (YPG) ideologisch und personell eng mit der in der Türkei aktiven kurdischen Terrorbande PKK verknüpft ist. Um es sich mit Erdogan nicht zu verderben, ließ Barzani deshalb oft die Grenzen zu den syrischen Kurdengebieten sperren.

          Kurdische Selbstverwaltung in Syrien

          Zur feindseligen Türkei im Norden und dem schwierigen Barzani im Osten kam später noch der Siegeslauf der multiethnischen Terrortruppe des „Islamischen Staates“ im Süden. Woher also sollten die Kurden in Syrien Medikamente, Treibstoff und Munitionsnachschub für die Waffen beschaffen, die von der Regierungsarmee bei ihrem Abzug zurückgelassen worden waren? Verkürzt lautet die Antwort: vom alten Regime in Damaskus. Die kurdischen Machthaber in Nordsyrien haben das nie glaubwürdig bestritten. Salih Muslim, Chef der PYD, erzählt gern, die Truppen Assads seien aus „Syrisch-Kurdistan“ abgezogen, weil man sie dazu „gedrängt“ habe. Tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass beide Seiten ein Arrangement zur Machtteilung eingingen.

          Fest steht, dass seit 2012 im Norden des Bürgerkriegsstaates etwas entstanden ist, was es so zuvor noch nie gegeben hatte in Syrien: eine kurdische Selbstverwaltung. Die PYD und ihre bewaffneten Einheiten riefen 2012 drei „Kantone“ aus: Das Gebiet Cizire mit der Hauptstadt Qamischli im Osten, Kobane im Zentrum und Afrin im Westen. Später schlossen sich die drei Kantone, von denen nur Cizire und Kobane eine direkte Landverbindung miteinander haben, zu einer „Föderation“ zusammen, die etwa 17 Prozent des syrischen Staatsgebietes umfasst. Viele Kurden bezeichnen das Gebiet als „Rojava“, was im politischen Sinne „Westkurdistan“ bedeutet – und darauf hinweist, dass sich Gebiete, in denen Kurden die Mehrheit stellen, auch im Irak, der Türkei und Iran befinden.

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