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Politik der Zentralbanken : Die 10-Billionen-Geldflut

Frisch gedruckt: Die Zentralbanken pumpen in der Krise viel Geld ins System Bild: dpa

Kann die Liquiditätsflut die Weltwirtschaft wieder flott machen? In der Krise haben Zentralbanken die Märkte stabilisiert, jetzt nehmen Risiken und Nebenwirkungen zu. Doch Inflation ist keine automatische Folge.

          Es sind riesige Summen, die von den großen Zentralbanken seit Beginn der Finanzkrise in die Weltwirtschaft gedrückt wurden - und dennoch ist die Welt noch lange nicht wieder auf robustem Wachstumskurs. Anfang 2007, vor Ausbruch der Krise, lag die Geldbasis der Welt bei knapp 10 Billionen Dollar. So groß waren die Bilanzsummen der drei Dutzend größten Zentralbanken. Heute hat sich diese vereinigte Bilanzsumme auf 20 Billionen Dollar verdoppelt. Ziemlich genau die Hälfte entfällt auf die Industrieländer-Zentralbanken in Amerika, Europa und Japan, die in der Krise stärker als die meisten expandiert haben. Die andere Hälfte entfällt auf zwei Dutzend Notenbanken in Schwellenländern und aufstrebenden Volkswirtschaften, vor allem in Asien und Lateinamerika sowie in Osteuropa.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Als die Weltrezession Ende 2008 bis 2009 wütete, senkten die Notenbanker sturzflugartig die Leitzinsen, damit sich die wankenden Banken günstiger refinanzieren können. Seitdem stehen die Leitzinsen auf dem historisch niedrigen Niveau nahe null. Inflationsbereinigt liegen sie in den meisten Ländern im negativen Bereich. Nach dem Lehman-Schock verlegten sich zudem immer mehr Zentralbanken auf „unkonventionelle“ Geldpolitik. Diese „quantitative Lockerung“, meist mittels Aufkauf von Wertpapieren, pumpt direkt Geld in die Märkte. Alle Maßnahmen zusammen verdoppelten die Zentralbankbilanzen und ergaben eine 10-Billionen-Dollar-Injektion.

          Am stärksten hat, absolut gesehen, die amerikanische Zentralbank Federal Reserve (Fed) unter dem Vorsitzenden Ben Bernanke ihre Bilanz ausgeweitet. Seit 2007 hat sie unter anderem in drei Runden der quantitativen Lockerung ihre Bilanzsumme um 287 Prozent erhöht (siehe Grafik). Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Bilanzsumme gut verdoppelt, allerdings sinkt sie seit einiger Zeit, weil Banken mehrere hundert Milliarden Euro zurückgegeben haben, die sie sich zuvor in den Dreijahreskrediten - EZB-Präsident Mario Draghis „Dicke Bertha“ - geholt hatten. Auf diese Weise ist die EZB-Bilanz seit Herbst 2012 von 3,1 auf 2,5 Billionen Euro (umgerechnet fast 4 auf 3,3 Billionen Dollar) gesunken.

          Geldpolitik verliert an Wirksamkeit

          Japanische Zentralbanker wollen weiter gehen. Der gewagte Plan von Haruhiko Kuroda, dem neuen Chef der Bank of Japan, sieht eine weitere Verdoppelung der Geldbasis in zwei Jahren vor - so dass sie rund 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht. Weniger beachtet wurde, wie stark China seine Zentralbankbilanz ausgeweitet hat, um gut 3 Billionen Dollar. Das war neben der Fed die größte Expansion aller Notenbanken der Welt. Ein Sonderfall ist die Schweiz, die zur Abwehr der Franken-Aufwertung in großem Umfang ausländische Wertpapiere aufgekauft hat. In Relation zum BIP hält sie den Rekord der weltweit größten Zentralbankbilanz.

          Notenbanken im Vergleich

          Wohin führt diese Geldpolitik? Aus Basel, dem Sitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), erschallte jüngst ein Weckruf. Die lockere Geldpolitik habe zwar das globale Finanzsystem und die Wirtschaft in der Krise erfolgreich stabilisiert. Jetzt aber verliere sie immer mehr ihre Wirksamkeit. Die negativen Nebenwirkungen einer dauerhaft sehr expansiven Geldpolitik - namentlich eine erhöhte Neigung zum Risiko, mögliche Fehlallokationen von Kapital und die Verlängerung der Schuldenmacherei - würden sichtbar. Billiges Geld von den Zentralbanken kaufe nur Zeit. Man werde die Wirtschaft damit nicht wieder flottmachen, warnt BIZ-Chefvolkswirt Stephen Cecchetti.

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