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Rechtsterrorismus : Das Puzzle von Zwickau

  • -Aktualisiert am

V-Mann bis 2000: Tino Brandt wird 1995 nach einem Überfall von Thüringer Nazis auf das Planetarium in Jena in Gewahrsam genommen. Bild: dpa

Die Chronologie der Ermittlungen gegen den NSU zeigt, wie knapp die Terroristen mehrfach ihrer Verhaftung entgingen.

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          Seit Wochen werden allenfalls Bruchstücke über die jahrelangen Ermittlungen gegen die Mitglieder des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) bekannt. Mehr und mehr lassen sich diese Stücke nun wie Mosaiksteinchen zu einem Bild zusammenfügen, auf dem sich vermeintliche und echte Ermittlungspannen voneinander unterscheiden lassen - und sichtbar wird, wie knapp die NSU-Mitglieder mehrmals ihrer Verhaftung entkommen sind.

          Mit der Aufarbeitung der Ermittlungsarbeit ist in Thüringen derzeit eine Kommission unter dem Vorsitz des ehemaligen Vorsitzenden Richters des 1. Strafsenats am Bundesgerichtshof Gerhard Schäfer betraut. Gleichzeitig sind die geheim tagende Parlamentarische Kontrollkommission des Landtags sowie dessen Ausschüsse für Justiz und Inneres mit der Aufklärung befasst.

          Im Wesentlichen wurde das Trio, das später den Kern des NSU bildete, seit Mitte der neunziger Jahre von den Behörden immer wieder überwacht. Ein wichtiger Informant des Thüringer Verfassungsschutzes war bis zum Jahr 2000 der V-Mann Tino Brandt, der den rechtsextremen Thüringer Heimatschutz (THS) führte und später stellvertretender Landesvorsitzender der NPD in Thüringen war. Zum THS gehörten auch das Trio des späteren NSU, Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe.

          Offenbar sah niemand eine Fluchtgefahr

          Im zweiten Halbjahr 1997 bat das Landeskriminalamt Thüringen den Verfassungsschutz des Landes, Böhnhardt in Jena zu observieren. Dem waren erste Bombenfunde in Jena vorausgegangen, mit denen der Rechtsextreme, der damals schon wegen Diebstahls und Erpressung verurteilt war, in Verbindung stehen sollte. Die Verfassungsschützer stellten fest, dass sich Böhnhardt und Mundlos allerlei Verdacht erregende Utensilien beschafft hatten, etwa Brennspiritus, und diese unter dem Schutz eines unverkennbar konspirativen Verhaltens in einer Garage „An der Kläranlage“ in Jena deponiert hatten. Das Landeskriminalamt erwirkte einen Durchsuchungsbeschluss.

          Gerhard Schäfer, der Chef der Thüringer Untersuchungskommission

          Als die Beamten am 26. Januar 1998 zunächst eine erste Garage neben Böhnhardts Wohnung durchsuchten, fanden sie dort nichts Außergewöhnliches vor. Anschließend fuhr Böhnhardt mit dem Auto davon und blieb verschwunden. Er war zu diesem Zeitpunkt schon zu einer mehrjährigen Haftstrafe auch wegen Volksverhetzung verurteilt. Der Antritt der Haft war aber noch nicht angeordnet, und offenbar sah niemand eine Fluchtgefahr. Als die Beamten kurz darauf die andere Garage durchsuchten, fanden sie Sprengstoff und Rohrbomben. Es wurde sogleich die Fahndung ausgelöst, aber ohne Erfolg. Zwei Tage später erging ein Haftbefehl.

          Die Polizei setzte Zielfahnder ein. Auch der Verfassungsschutz beteiligte sich an der Suche. Zum Beispiel gingen im Februar 1998 Lichtbilder des Trios an alle Verfassungsschutzämter in Deutschland. Damals gab es Hinweise, dass sich das Trio mit dem Auto des späteren Thüringer NPD-Vizes Ralf Wohlleben nach Sachsen abgesetzt habe. Ein entscheidender Hinweis für die Behörden kam im September 1998 aus Brandenburg. Vertreter der Verfassungsschutzämter aus Brandenburg, Thüringen und Sachsen trafen sich in Potsdam und berichteten auch den Polizeibehörden über die neuen Erkenntnisse. Das Thüringer Landeskriminalamt, ebenfalls auf der Suche nach dem Trio, verlangte schriftliche Hinweise, um seinerseits aktiv werden zu können. Diese zu übermitteln, waren die Brandenburger aus Furcht um ihre Quelle nicht bereit. Damit wurde möglicherweise eine Chance vertan, die Terroristen zu verhaften.

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