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Endkampf um Libyen : Gaddafi: Ich kämpfe bis zum Sieg oder zum Tod

Rebellen feiern vor der Bab-al-Azizija-Kaserne im Zentrum der Hauptstadt Bild: AFP

Der Chef der Übergangsregierung Dschibril ruft die Libyer zum Zusammenhalt auf. Im Namen des Nationalen Übergangsrats forderte er das Ausland auf, das eingefrorene Auslandsvermögen freizugeben.

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          Muammar al Gaddafi hat in der Nacht auf Mittwoch an die Bevölkerung appelliert, die „Ratten“ aus der libyschen Hauptstadt Tripolis zu vertreiben. Dort haben sich seine Kämpfer in verschiedenen Widerstandsnestern verschanzt, von denen aus sie immer wieder die Regimegegner unter Feuer nahmen. Oberst Gaddafi hatte sich in einer Audiobotschaft an die Libyer gewandt, deren Authentizität nicht zu überprüfen war. Er kündigte an, bis zum Sieg über seine Gegner zu kämpfen oder als Märtyrer zu sterben. Zuvor hatten die Rebellen den Militärkomplex Bab al Azizija eingenommen, der Gaddafi als Hauptquartier diente. Sie wurden dort am Mittwoch immer wieder unter anderem mit Grad-Raketen beschossen, konnten das Gelände aber halten. Gaddafi hatte in der Audiobotschaft behauptet, er habe das Hauptquartier aus „taktischen Gründen“ aufgegeben, weil es die Nato ohnehin zerstört habe.

          Christoph Ehrhardt

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          Wo sich der frühere Machthaber aufhielt, blieb weiterhin unklar. Kurz bevor Gaddafi seine Botschaft verbreitete, hatte der Chef der Übergangsregierung, Mahmud Dschibril, in Doha in Qatar die Libyer aufgerufen, zusammenzustehen. „Wir müssen uns jetzt auf den Wiederaufbau konzentrieren und die Wunden heilen“, sagte er. Im Namen des Nationalen Übergangsrats forderte Dschibril das Ausland auf, in einem ersten Schritt eingefrorenes libysches Auslandsvermögen im Wert von 2,5 Milliarden Dollar freizugeben. Am Mittwochabend wurde Dschibril zu einem Gespräch mit dem französischen Präsidenten Sarkozy in Paris erwartet.

          „Ich würde heute wieder so entscheiden“

          Die Vereinigten Staaten und Europa arbeiten an einem Entwurf für eine neue Libyen-Resolution des UN-Sicherheitsrats, um die Freigabe der Gelder zu ermöglichen und die Wirtschaftssanktionen zu lockern. Diplomaten in New York erwarteten aber ein zähes Ringen, da es um große Summen geht und unklar ist, wer genau die Begünstigten sein sollen. Am Dienstagabend hatte sich der Sicherheitsrat erstmals mit der neuen Lage in Libyen befasst. Der russische Vertreter wiederholte dabei seine Forderung, die Nato müsse ihre Militäraktion sofort einstellen. Vermutlich wegen der unklaren Lage in Tripolis fliegt die Nato nur wenige Luftangriffe, wie einer Mitteilung der Allianz vom Mittwoch zu entnehmen war. In New York werden die Beratungen dadurch erschwert, dass völlig unklar ist, in welcher Weise die libyschen Sicherheitskräfte unterstützt werden sollen. Während sich die UN bisher nur darauf vorbereitet hatten, einen etwaigen Waffenstillstand zu beobachten, stellen westliche Staaten nun die Frage, ob die neue libysche Führung nach dem Sturz Gaddafis nicht in der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung unterstützt werden müsse. Der chinesische Außenminister Yang Jiechi forderte eine Aussöhnung in Libyen. Die UN sollten beim „Wiederaufbau“ die Führung übernehmen.

          Zwei ihrer Kämpfer im Inneren des Gebäudekomplexes
          Zwei ihrer Kämpfer im Inneren des Gebäudekomplexes : Bild: AFP

          In Benghasi teilte die Übergangsregierung mit, sie wolle spätestens von Freitag an die Geschicke des Landes von Tripolis aus führen. In den westlichen Außenbezirken der Hauptstadt herrschte am Mittwoch angespannte Ruhe. Auf den Straßen waren indes nur Männer und Rebellenkämpfer zu sehen. Kleine Gruppen rückten immer wieder aus, um die Truppen Gaddafis zu bekämpfen. Ob Regimegegner die ausländischen Journalisten befreiten, die zuvor von regimetreuen Kämpfern im Hotel Rixos im Stadtzentrum festgehalten worden waren, oder ob diese von den Gaddafi-Truppen freigelassen wurden, war zunächst unklar. In der Nacht auf Mittwoch hatten regimetreue Truppen abermals von Gaddafis Heimatort Sirte aus Scud-Raketen auf die von Rebellen kontrollierte Stadt Misrata abgefeuert.

          Ein Berater des nicaraguanischen Präsidenten Ortega sagte, falls Gaddafi sein Land um Asyl bitte, werde man das „positiv prüfen“. Nicaragua hatte zuletzt versucht, bei den UN in New York die Interessen des libyschen Machthabers zu vertreten, nachdem sich der libysche UN-Botschafter von ihm abgewandt hatte.

          Der libysche Thronfolger Mohammed al Senussi sagte in London, er könne sich nach mehr als zwei Jahrzehnten im Exil eine Rückkehr nach Libyen vorstellen. „Zu sehen, wie die Freiheitsflagge über Tripolis weht, macht mich unglaublich glücklich und stolz auf mein Volk“, sagte der Achtundvierzigjährige der Wochenzeitung „Die Zeit“. Wenn die Menschen es wollten, sei er „bereit zu dienen“. Libyen müsse eine Demokratie werden.

          Außenminister Westerwelle bekräftigte, es sei die richtige Entscheidung gewesen, dass Deutschland dem Militäreinsatz der Nato gegen Libyen im UN-Sicherheitsrat nicht zugestimmt habe. „Ich würde heute wieder so entscheiden“, sagte Westerwelle in Binz auf Rügen. Der frühere Bundeskanzler Kohl hatte unter anderem mit Blick auf die Enthaltung in New York der Zeitschrift „Internationale Politik“ die Frage bejaht, ob der Regierung ein „außenpolitischer Kompass“ fehle. „In einer Zeit, in der in der Welt neue Kraftzentren entstehen, ist es genauso wichtig, neue Partnerschaften zu begründen“, sagte Westerwelle dagegen. Neben Deutschland hatten sich Russland, China, Indien und Brasilien im UN-Sicherheitsrat enthalten. „Das ist keine Bruch, sondern eine Weiterentwicklung“, fügte Westerwelle an.

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