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Wahl in Köln : Unter keinem guten Stern

Bild: dpa

Nach dem Messerangriff auf die parteilose Kandidatin Henriette Reker wählt Köln heute einen neuen Oberbürgermeister. Schon seit Wochen stand die Abstimmung unter einem schlechten Vorzeichen.

          Es ist kurz nach elf Uhr am Samstagmorgen. Bernd Petelkau, der Vorsitzende der Kölner CDU, steht am Rande des Wochenmarkts im Stadtteil Braunsfeld und ringt um Fassung, als er das Gespräch auf seinem Mobiltelefon annimmt. „Wir warten hier auf die Beamten der Mordkommission.“ Kaum zwei Stunden ist es her, dass ein Mann die parteilose Kandidatin Henriette Reker mit einem Messer schwer verletzte. Einen Tag vor der Kölner Oberbürgermeisterwahl. Die Kölner Sozialdezernentin Reker wird nicht nur von der CDU, sondern auch von den Grünen und der FDP unterstützt. Sie gilt als Favoritin.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Gemeinsam wollten einige ehrenamtliche Kommunalpolitiker der drei Parteien am Samstagmorgen mit Henriette Reker in den letzten Stunden des Wahlkampfs noch einmal ihre Runden drehen, um mit Marktbesuchern ins Gespräch zu kommen. Endspurt sozusagen. Rosen wollten sie verteilen. Doch Reker war kaum in Braunsfeld an dem gemeinsamen Wahlstand von CDU, Grünen und FDP angekommen, als ein Mann auf sie zukam. Sofort ging er mit einem Messer auf sie los.

          „Es ging alles unglaublich schnell“, sagt Petelkau. Geistesgegenwärtig griffen sich einige der Helfer Partei-Sonnenschirme, um den Angreifer abzuwehren. „Es waren dramatische Szenen“, sagt der Kölner CDU-Vorsitzende. Vermutlich verlor der Mann beim Handgemenge seine Tatwaffe, die Petelkau als Militärmesser mit gezackter Klinge beschreibt. Doch der Attentäter soll ein zweites, kleineres Messer hervorgezogen haben. Er verletzte insgesamt vier Wahlkampfhelfer Rekers. Dann gelang es einem Bundespolizisten, der sich privat dort aufhielt, den Attentäter niederzuringen.

          In der ersten Aufregung erzählen Augenzeugen, der Mann habe Reker mit dem langen Messer in den Bauch gestochen. Später besucht der amtierende Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters den Tatort. Er weiß zu berichten, dass die Sozialdezernentin an der Luftröhre verletzt worden ist. Sie musste operiert werden. „Die Operation von Frau Reker ist sehr gut verlaufen“, teilte Professor Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin der Uniklinik Köln, am Samstagabend mit.

          „Ich musste es tun. Ich schütze euch alle.“

          Nach und nach zeichnet sich ab, was den Attentäter zu seiner Tat veranlasst haben könnte. „Der Täter sagte unmittelbar nach dem Angriff: ‚Ich musste es tun. Ich schütze euch alle“, berichtet Petelkau. „Ich dachte: Mein Gott, das ist ein Psychopath.“ Ein anderer Augenzeuge war unmittelbar davon überzeugt, dass es sich um eine „politisch motivierte Tat“ handeln müsse. Anders lasse es sich nicht erklären, dass der Attentäter nicht weggelaufen sei, sagt Jürgen Strahl, der für die CDU im Kölner Rat sitzt. 

          Auch die Polizei schließt aus ihren ersten Ermittlungen auf ausländerfeindliche Motive des 44 Jahre alten Angreifers. „Zum jetzigen Zeitpunkt deuten die Zeugenaussagen (...) darauf hin, dass in der Tat fremdenfeindliche Motive des Täters ausschlaggebend waren“, sagte der ermittelnde Oberstaatsanwalt Ulf Willuhn am Samstagnachmittag in Köln. Der festgenommene Täter habe sich entsprechend geäußert, so die Ermittler. Allerdings schließen die Ermittler auch eine psychische Störung bei dem Mann nicht aus. Als Sozialdezernentin ist Reker für die Unterbringung von Flüchtlingen in der Domstadt zuständig.

          „Ein Angriff auf uns alle“

          Offensichtlich sind es solche höchst beunruhigenden Erkenntnisse, die auch die sonst so zurückhaltende Social-Media-Nutzerin Hannelore Kraft dazu veranlassen, schon kurz nach der Tat im Internetdienst Twitter zu formulieren: „Das ist ein Angriff auf uns alle.“ Sie „hoffe und bange“ mit den Verletzten, schreibt die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin und stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD. Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner, der sich in der ungewöhnlichen Kölner Reker-Allianz auch persönlich für die parteilose Kandidatin einsetzte, schreibt, es handele sich um „eine feige und irrsinnige Tat, die letztlich allen gilt, die sich für die Demokratie engagieren“.

          Die Wahl eines neuen Kölner Oberbürgermeisters steht allerdings schon seit Wochen unter keinem guten Stern. Eigentlich hätten die Bürger der viertgrößten Stadt Deutschlands wie die Bürger vieler anderer Kommunen in Nordrhein-Westfalen schon am 13. September entscheiden sollen, wer ihre Verwaltung künftig steuert.

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