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Westen und Meinungsfreiheit : Die freie Welt legt sich selbst einen Maulkorb an

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Der Leiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ Laurent Sourisseau „Riss“ im Juli 2015 in Sao Paulo Bild: dpa

Nicht nur in autoritären Regimen, auch im Westen steht die Grundlage der Aufklärung, die Meinungsfreiheit, unter Beschuss. Allenthalben setzen sich Konformismus und Herdendenken durch. Ein Gastbeitrag.

          Als ich vor einigen Jahren an einer Tagung des dänischen Vereins für freie Debatte in Kopenhagen teilnahm, musste mein Name im Voraus der Polizei gemeldet werden. Der Verein, der aus einer bunt zusammengewürfelten Gruppe von Universitätslehrern, Journalisten, Aktivisten und gewöhnlichen Menschen besteht, kommt regelmäßig in einem informellen Rahmen zusammen, um über Bücher und politische Streitthemen zu diskutieren. An diesem kalten Dezemberabend fand das Treffen in einer gemütlichen Privatwohnung statt, und die Gesprächsthemen waren ein kürzlich erschienenes Buch über die Geschichte der Meinungsfreiheit in Dänemark und die Biografie eines Politikers, der während des Zweiten Weltkriegs mit den Deutschen kollaboriert hatte. Bei Glühwein und Snacks führten dort gut 15 Gäste eine Reihe von Debatten, die bis in die frühen Morgenstunden dauerten.

          Es waren keine besonders aufregenden Themen, und normalerweise finden die Treffen des Vereins nicht unter dem wachsamen Auge der dänischen Sicherheitsdienste statt. Doch an diesem Abend befand sich unter den Gästen der schwedische Karikaturist Lars Vilks, der 2007 drei Zeichnungen publiziert hatte, auf denen ein Hund mit den Gesichtszügen des Propheten Mohammed dargestellt ist. Seither erhält Vilks ständig Todesdrohungen und lebt unter polizeilichem Schutz. Bei Vilks' letztem Aufenthalt in Kopenhagen – 2015 zu einer Tagung über „Kunst, Blasphemie und Meinungsfreiheit“ – überfiel ein muslimischer Terrorist die Versammlung, tötete einen 35-jährigen Filmemacher und verletzte drei Polizisten. Am folgenden Tag versuchte der Täter, eine Kopenhagener Synagoge zu überfallen. Bevor er selbst von der Polizei erschossen wurde, tötete er einen vor der Synagoge postierten jüdischen Wachmann.

          Vilks ist nicht der einzige, der unter dieser Last zu leiden hat. Bei demselben Besuch in Kopenhagen traf ich mich kurz mit Flemming Rose, dem Zeitungsredakteur, der 2005 die berüchtigten Mohammed-Karikaturen veröffentlichte. Nahezu 15 Jahre, nachdem eine Gruppe opportunistischer Imame als Reaktion auf ein paar Bilder eine weltweite Einschüchterungs- und Bedrohungskampagne startete, steht Rose immer noch unter dem Schutz der dänischen Polizei, die auch im Umfeld des Cafés, in dem wir uns trafen, unauffällig mehrere Polizisten postiert hatte.

          Seit er 2007 drei Zeichnungen publizierte, auf denen ein Hund mit den Gesichtszügen des Propheten Mohammed dargestellt ist, erhält der schwedische Karikaturist Lars Vilks Todesdrohungen und lebt unter polizeilichem Schutz.

          Als ich neben dem freundlich exzentrischen Vilks saß, war mir durchaus bewusst, dass mehrere Polizisten in Zivil dort in der Wohnung und davor Posten bezogen hatten, und so konnte ich ein wenig nachempfinden, wie es sich anfühlen mag, jeden wachen Augenblick befürchten zu müssen, dass ein mordgieriger Fanatiker ihn zu deinem letzten macht. Der Feuerüberfall von 2015 war nicht der erste Anschlag auf Vilks Leben gewesen. 2009 vereitelten die Behörden einen Anschlagsplan, an dem drei amerikanische Bürger, darunter eine Frau namens „Jihad Jane“, und eine Gruppe im Ausland geborener Iren beteiligt waren. Im folgenden Jahr griffen mehrere muslimische Extremisten Vilks während eines Vortrags über Meinungsfreit an, den er an einer schwedischen Universität hielt. Einige Tage später wurde sein Haus von Brandstiftern angezündet. Am Ende dieses Jahres hinterließ ein muslimischer Selbstmordattentäter in Stockholm eine letzte Botschaft an Schweden, in der er die „törichte Unterstützung“ des Landes „für das Schwein Vilks“ beklagte. Und nur wenige Wochen vor unserer Begegnung brannte eines seiner bekanntesten Werke, eine aus mehreren hölzernen Türmen bestehende Installation auf einer schwedischen Halbinsel, vollständig nieder. Vilks reagierte locker auf diesen Zerstörungsakt und meinte: „Das ist eine knallharte Aktion und eine ziemlich brutale Form von Kunstkritik.“

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