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Parlamentswahl in Ägypten : Im Staube des Herrschers

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Leben von der Hand in den Mund: Wahlplakate in den Straßen von Gizeh vor den Toren Kairos. Bild: AP

In Ägypten findet heute die erste Parlamentswahl seit dem Putsch Sisis statt. Den meisten einfachen Ägyptern geht es nicht besser als während der Herrschaft der Muslimbrüder.

          Badria Ghandour hat ihre Entscheidung längst gefällt. „Auf gar keinen Fall werde ich am Sonntag wählen gehen“, sagt die kräftige Ägypterin auf der Couch ihrer kleinen und vollgestopften Wohnung. „Das kommt überhaupt nicht in Frage.“ Auch alle Versuche ihres Mannes Muhammad, sie zur Abgabe ihrer Stimme zu überreden, sind vergebens. Energisch stößt sie ihm den Ellenbogen in die Seite. „Für mich gibt es bei dieser Wahl nichts abzustimmen“, sagt Badria. „Wenn du gehen willst, begleite ich dich gerne, aber ein Kreuzchen mache ich nicht.“

          Wie in vielen anderen Städten Ägyptens sind auch über die staubigen Straßen in dem armen Viertel Faisal Haram im Gouvernement Gizeh die Transparente der Kandidaten gespannt, die auf einen der lukrativen Sitze im neuen Parlament von Kairo spekulieren: fahle Männergesichter mit grauen Haaren, die alles ausstrahlen außer Aufbruchstimmung. Eselskarren und braune Tuk-Tuks, die dreirädrigen Taxis der Armen Ägyptens, holpern über die ungeteerten Wege. Vor vielen Hauseingängen stapelt sich der Müll, barfuß spielen Kinder Fußball. Dreieinhalb Jahre nach der Auflösung des ägyptischen Unterhauses durch das Verfassungsgericht im Juni 2012 glaubt hier am Westufer des Nils kaum einer mehr daran, dass sich durch die Politik etwas verändern könnte.

          Erschöpft sei sie, sagt die 57 Jahre alte Badria Ghandour. Sie setzt Kaffee auf in der kleinen Küche ihrer Dreizimmerwohnung. Eine Achterbahnfahrt habe Ägypten durchgemacht seit dem Sturz von Präsident Husni Mubarak, erzählt sie. Das Land sei in den folgenden fünf Jahren immer schmutziger und chaotischer geworden. Zwar könne man langsam kleine Fortschritte sehen, aber von den großen Hoffnungen, die der Aufstand am Tahrir-Platz Anfang 2011 versprach, sei nichts übrig.

          Und auch all die Regierungen, die seitdem bisweilen im Vierteljahrestakt ausgewechselt worden sind, hätten nichts verändert, sagt die resolute Mutter von drei erwachsenen Kindern. Sie leidet an Atemstörungen, Bluthochdruck und Wasser in den Beinen. Hunderte Pfund im Monat verschlingen die Rechnungen für Arztbesuche und Medikamente. Aber statt sich um die Verbesserung des maroden Gesundheitssystems oder die miserablen und überfüllten Schulen zu kümmern, wirtschafteten die Herrschenden weiter in die eigene Taschen, sagt Badria.

          „Ich kriege Kopfschmerzen von Politik“

          Im September hatte Ministerpräsident Ibrahim Mehlib mitsamt zweier Dutzend seiner Minister wegen Korruptionsvorwürfen den Dienst quittiert. Zuvor waren sie vom Präsidenten Abd al Fattah al Sisi vor laufenden Kameras rundgemacht worden: „Sie hatten mir versprochen, zu arbeiten wie ein Bulldozer, der neue Straßen baut, aber wo ist dieser Bulldozer?“

          Das Ansehen der politischen Klasse, gegen die viele der neunzig Millionen Ägypter 2011 aufbegehrten, hat das nicht gerade befördert. „Ich kriege Kopfschmerzen von Politik, deshalb schaue bei dieser Wahl nur zu“, sagt Badria. Wenn sie mal eine Anstellung hat, dann arbeitet sie als Haushaltshilfe und Kinderfrau. Ihr monatliches Einkommen beträgt dann umgerechnet vierhundert Euro.

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