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Friedensnobelpreis : Leuchtturm Tunesien

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Ein Demonstrant mit einer tunesischen Flagge während der Revolutionsfeierlichkeiten Bild: Reuters

Zivilgesellschaft statt Milizenherrschaft. Der Friedensnobelpreis für das tunesische „Quartett für den nationalen Dialog“ stärkt die Kräfte in Nahost, die auf Pluralismus und Teilhabe setzen – und nicht auf autoritäre Lösungen von oben.

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          Die Überraschung war groß: Nicht für Angela Merkel oder Papst Franziskus, sondern ausgerechnet für ein weithin unbekanntes Bündnis tunesischer Gewerkschafter, Anwälte, Industrieller und Menschenrechtler hat sich das Friedensnobelkomitee in Oslo als diesjährigen Preisträger entschieden.

          Allein die Tatsache, dass Aktivisten eines Landes aus der von Staatszerfall und Bürgerkriegen zerrissenen arabischen Welt belohnt werden, ist Zeichen genug: Eingezwängt zwischen Algerien und Libyen, wo die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) seit Monaten Gelände gut macht, hat es die Regierung nationaler Einheit in Tunis geschafft, das Abgleiten ins völlige Chaos zu verhindern.

          Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, haben die Anschläge auf das Bardo-Museum in Tunis im März und auf ein Hotel im Badeort Sousse im Juli gezeigt.

          In einer Region, wo Politik oft als Nullsummenspiel verstanden wird, in der die Wahlsieger alle Rechte für sich beanspruchen und dem Verlierer nichts lassen, bedeutet der Preis für das tunesische Nationale Dialogquartett ein Signal für den Kompromiss.

          Und es stärkt die Zivilgesellschaft des kleinen Landes: Für seinen „entscheidenden Beitrag zur Schaffung einer pluralistischen Demokratie in Tunesien“ im Zuge der arabischen Aufstände 2011 ehrte das Nobelkomittee denn auch die Gewerkschaft UGTT, den Verband von Industrie, Handel und Handwerk (UTICA), die Liga für Menschenrechte (LTDH) und den Nationalen Anwaltsverein. Das Quartett habe als Vermittler und Triebkraft für die friedliche demokratische Entwicklung in Tunesien gewirkt.

          Auszeichnung aus Oslo : Tunesische Demokratie-Bewegung bekommt Friedensnobelpreis

          Sicherlich, der Trend in Nordafrika und der Levante geht in eine andere Richtung: Milizenherrschaft und Erstarken autoritärer Regime prägen das Bild, von Libyen über Ägypten bis Syrien, Irak und Jemen.

          Daran wird auch ein Erfolg der auf Dialog zwischen Islamisten und Vertretern des alten Regimes des 2011 gestürzten Machthabers Ben Ali auf Dauer nichts ändern.

          Doch als Leuchtturm, der signalisiert, dass auch andere Wege möglich sind als die von Gewalt und gegenseitigem Ausschluss, hat Tunesien durchaus seine Bedeutung. Deshalb war die überraschende Entscheidung aus Oslo nicht so falsch, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

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          Im Überblick : Nobelpreisträger von 1901 bis 2020

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