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Wahl in Sachsen-Anhalt : Die FDP als Alternative zur AfD

„Auch wir sind eine Protestpartei“: FDP-Spitzenkandidat Frank Sitta vor einem Wahlplakat in Magdeburg Bild: dpa

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt will die FDP dem Rechtsruck im Land die Stirn bieten - und sich damit als liberales Gegenangebot zur AfD positionieren. Doch die derzeit bei vier Prozent in Umfragen liegende Partei hat es schwer.

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          Die Geschichte der FDP seit 1990 lässt sich phänotypisch in drei Phasen einteilen: Zunächst die Klaus-Kinkel-Phase, in der die Freien Demokraten zwar solide, aber auch etwas behäbig wirkten. Dann kam die FDP der Möllemanns, Westerwelles und Niebels, die es mit großspurigen Auftritten gelang, nicht nur den Eindruck des Behäbigen, sondern auch den des Soliden nachhaltig beiseite zu wischen.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Frank Sitta, der Spitzenkandidat der Freien Demokraten in Sachsen-Anhalt, zählt sich zu einer neuen, dritten Phase der FDP. „Ich identifiziere mich stark mit Christian Lindner“, sagt der 37 Jahre alte Politiker. Sitta benennt offensiv, was ihm an der FDP der Vergangenheit missfiel. „Die FDP war Partei der Besitzstandswahrenden, die wollte, dass alles so bleibt, und das unter dem Deckmantel der Freiheit.“ Sitta möchte, dass Wähler bei der FDP künftig nicht mehr Leute im Kopf haben, „die vor der ererbten Villa im Schaukelstuhl sitzen und anderen erklären, was Freiheit ist“, sondern stattdessen eine „Chancenermöglicherpartei“. Bei der Landtagswahl am 13. März will Sitta so an die Erfolge jüngerer FDP-Politiker anknüpfen, die ebenfalls auf einen solchen Imagewandel gesetzt haben: Christian Lindner in Nordrhein-Westfalen, Katja Suding in Hamburg, zuletzt Lencke Steiner in Bremen.

          Sitta passt auch insofern in diese Reihe, als er in seinem bisherigen Berufsleben ebenso wie Lindner eher unternehmerischen Geist als nachhaltigen unternehmerischen Erfolg bewiesen gestellt hat. Nach dem Studium der Politikwissenschaft in Halle habe er eigentlich Lobbyist werden wollen, sei dann aber wegen einer Erkrankung des Vaters in Halle geblieben. Dort betreibt Sitta, der zuvor in Leipzig einen Techno-Club betrieben hat, eine kleine Firma für Kongress- und Eventmanagement. Mit 37 Jahren strebt Sitta nun einen Wechsel in die Politik an.

          Spitzenkandidat betrachtet Rechtsruck mit Argwohn

          Im Wahlkampf wollte Sitta mit Slogans wie „In jeder Garage kann ein Unternehmen stecken“ ganz auf die Bild- und Sprachwelt junger Start-up-Unternehmen setzen. Wie andere Parteien musste inzwischen jedoch auch die FDP erkennen, dass in Sachsen-Anhalt noch stärker als irgendwo sonst die AfD dem Wahlkampf ihre Themen diktiert. Sitta hat sich darauf eingestellt und beweist dabei, dass er scharfzüngig formulieren kann. Die zuletzt auf 15 Prozent taxierte AfD habe nicht mehr zu bieten als „Problembewunderung“ und werde das politische System vom Magdeburger Landtag aus wie einst die DVU „mit jeder Menge Blödsinn“ beschäftigen, während die FDP wie in der Vergangenheit wieder solide parlamentarische Arbeit leisten werde.

          Die Frage wird sein, wie wichtig das potentiellen AfD-Wählern im Land ist. Denn auch Sitta macht in Sachsen-Anhalt eine Verrohung der politischen Kultur aus. „Ein latenter Rassismus verschafft sich hier gerade Luft.“ Die Mitte verschwinde, dafür interessierten sich nun Leute für Politik, die sich zuvor nicht für sie interessierten. „Leute, die kein Komma setzen können, aber die weltpolitische Lage erklären.“ Auf AfD-Veranstaltungen begegne einem dieser Typus Mensch häufig. „Mit zur Faust geballten Gesichtern“, wie Sitta sagt.

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