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Madeleine Albright: Winter in Prag : Benes und die Rechte der Unschuldigen

  • -Aktualisiert am

Bild: Siedler Verlag, München 2013

Die frühere amerikanische Außenministerin Madeleine Albright lüftet das Geheimnis ihrer Familie und ihrer Kindheit in Prag und London vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg.

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          Die Geschichte ihrer Familie war Madeleine Albright, Bill Clintons Außenministerin von 1997 bis 2001, jahrzehntelang verborgen geblieben. „Ich hatte keine Ahnung, dass ich aus einer jüdischen Familie stammte, geschweige denn, dass über zwanzig Verwandte von mir den Holocaust nicht überlebt hatten. Ich war in dem Glauben an eine Geschichte meiner tschechoslowakischen Heimat aufgewachsen, die geradlinig und längst nicht so verworren wie die Realität war.“ Ihr Vater, ein ehemaliger tschechoslowakischer Diplomat, der in der amerikanischen Emigration mehrere Bücher über seine frühere Heimat publiziert hatte, starb 1977. Erst 20 Jahre später erfuhr seine Tochter, als sie im Alter von 59 Jahren an die Spitze des State Departments berufen wurde, aus einem Artikel der Washington Post, was ihr die Eltern verschwiegen hatten.

          Mit ihrem 2012 in den Vereinigten Staaten publizierten und nun auf Deutsch vorliegenden Buch unternahm sie den Versuch, das Geheimnis ihrer Familie und ihrer Kindheit zu ergründen und in den Kontext der tschechoslowakischen Geschichte von der Sudetenkrise bis zum kommunistischen Putsch vom 25. Februar 1948 zu stellen. Marie Jana Korbelová wurde am 15. Mai 1937 in Prag geboren. Der Vorname hielt dem großmütterlichen Kosename „Madla“ nicht stand, der sich in „Madlen“ und schließlich „Madeleine“ verwandeln sollte. Kurz nach ihrer Geburt zog die Familie nach Belgrad, wo ihr Vater als Presseattaché der tschechoslowakischen Botschaft arbeitete. Nach dem Münchener Abkommen vom 30. September 1938 wurde er aus Belgrad abberufen. Zehn Tage nach dem deutschen Einmarsch im März 1939 verließ er mit Frau und Tochter Prag und schloss sich den tschechoslowakischen Emigranten in London an. Jan Masaryk, der Außenminister der Exilregierung, machte ihn zu seinem Sekretär. Der junge Diplomat rückte in den inneren Kreis um Edvard Benes auf und unterhielt freundschaftliche Kontakte zu dessen engsten Mitarbeitern, unter ihnen Hubert Ripka und Prokop Drtina, aber auch zu den kommunistischen Exilanten Vlado Clementis und Eduard Goldstücker.

          Dem Rat tschechischer Freunde folgend, „ließen sich meine Eltern an einem Nachmittag Ende Mai 1941 in einer Zeremonie in der Herz-Jesu-Kirche katholisch taufen. Ich wurde damals ebenfalls getauft, kann mich aber nicht erinnern.“ Der Agnostiker Josef Körbel, der in einer tschechisch assimilierten, religionsfernen Familie aufgewachsen war, konvertierte nicht nur, sondern modifizierte auch seinen Namen. Aus Körbel wurde Korbel, mit der Betonung auf der zweiten Silbe, denn das klang nicht so deutsch. Es könnte der Wunsch ihrer Eltern gewesen sein, vermutet Madeleine Albright, „die Identität unserer Familie als tschechoslowakische Demokraten zu unterstreichen. Unsere Heimat war überwiegend christlich, und viele Tschechen und Slowaken setzten die jüdische Kultur zu Unrecht mit den Feinden ihrer nationalen Aspirationen gleich.“

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