https://www.faz.net/-gpf-893xc

Messerattacke vor Kölner Wahl : Angegriffene Spitzenkandidatin ist außer Lebensgefahr

  • Aktualisiert am

Der Ort des Angriffs: Bei der Messerattacke wurde Kölns OB-Kandidatin Henriette Reker schwer verletzt. Bild: Reuters

Die Notoperation der schwer verletzten Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker ist gut verlaufen, sie schwebt nicht mehr in Lebensgefahr. Auch über den Messerstecher und den Ablauf der Attacke gibt es neue Informationen.

          Die nach einem Messerangriff schwer verletzte Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker ist nach einer Notoperation laut den behandelnden Ärzte außer Lebensgefahr. „Die Operation von Frau Reker ist sehr gut verlaufen“, teilte Professor Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin der Uniklinik Köln, am Samstagabend mit. „Wir haben keinen lebensbedrohlichen Zustand mehr.“ Professor Karl-Bernd Hüttenbrink, Direktor der Klinik für Hals- Nasen- und Ohrenheilkunde der Uniklinik, sagte zur Prognose für die 58-jährige Reker: „Wir halten zum jetzigen Stand und bei normalem Verlauf die vollständige Wiederherstellung der Gesundheit von Frau Reker für wahrscheinlich.“ Die Ärzte wollten sich frühestens am Sonntagnachmittag wieder zum Zustand Rekers äußern, sagte ein Sprecher der Uni-Klinik.

          Erste Ermittlungen lassen auf ausländerfeindliche Motive des 44 Jahre alten Angreifers schließen. „Zum jetzigen Zeitpunkt deuten die Zeugenaussagen (...) darauf hin, dass in der Tat fremdenfeindliche Motive des Täters ausschlaggebend waren“, sagte der ermittelnde Oberstaatsanwalt Ulf Willuhn am Samstagnachmittag in Köln. Der festgenommene Täter habe sich entsprechend geäußert, so die Ermittler. Als Sozialdezernentin ist Reker für die Unterbringung von Flüchtlingen in der Domstadt zuständig.

          Der Täter war am Samstag, einen Tag vor der Oberbürgermeisterwahl in der viertgrößten Stadt Deutschlands, an einem Wahlkampfstand auf Reker losgegangen. Der festgenommene Mann mit deutscher Staatsangehörigkeit hatte nach Angaben der Ermittler zwei Messer bei sich und griff Reker gezielt an. Am Tatort spielten sich dramatische Szenen ab. Ein Beamter der Bundespolizei, der in seiner Freizeit auf dem Markt war, griff laut Polizei als erster ein und überwältigte den Attentäter. Neben Reker wurden auch eine Kölner CDU-Politikerin, eine FDP-Ratsfrau und zwei Bürger, die sich zufällig am Wahlkampfstand aufhielten, verletzt.

          Der Mann habe die deutsche Staatsangehörigkeit und sei seit längerer Zeit arbeitslos. Nachbarn und Personen aus seinem Umfeld hätten ihn als unauffälligen Zeitgenossen beschrieben, sagte Norbert Wagner, Leiter der Direktion Kriminalität bei der Polizei Köln. „Er lebte alleine in seiner Wohnung.“ Die Behörden schlossen nicht aus, dass der Mann unter psychischen Störungen leidet.

          Der Kölner CDU-Vorsitzende Bernd Petelkau, der Augenzeuge des Angriffs war, sagte der „Rheinischen Post“, vor dem Angriff habe der Mann gerufen: „Ich rette Messias. Das ist alles falsch, was hier läuft, ich befreie Euch von solchen Leuten.“ Nach der Attacke sei er dann ganz ruhig stehengeblieben und habe gesagt: „Ich musste es tun. Ich schütze Euch alle.“

          Nach Angaben der Polizei ist der Messerstecher polizeilich bislang nie aufgefallen. Es gebe auch keine Erkenntnisse, dass der Angreifer in einer Partei oder Organisation aktiv sei, sagten die Ermittler. Das Internetportal Spiegel Online berichtete am Abend allerdings, der aus Bonn stammende Täter habe sich Anfang der Neunzigerjahre wahrscheinlich in den Reihen der rechtsextremen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) bewegt, die später verboten wurde.

          Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) sprach von „ersten Anzeichen für eine politisch motivierte Tat“. In die Ermittlungen sei auch der Verfassungsschutz eingebunden.

          Wahl findet wie geplant statt

          Die Wahl findet trotz des Angriffs wie geplant am Sonntag statt. Wahlleiterin Gabriele Klug appellierte an die Kölner, auf jeden Fall wählen zu gehen. Die Tat löste über die Parteigrenzen hinweg Entsetzen aus. NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) teilte mit: „Diese feige und verabscheuungswürdige Tat ist auch ein Anschlag auf die Demokratie in unserem Land und damit auf uns alle.“ Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki sagte: „Es ist erschütternd, dass eine solch sinnlose Gewalttat den Wahlkampf überschattet.“ Die Parteien stellten den Wahlkampf ein.

          Die parteilose Reker wird von CDU, Grünen und FDP unterstützt und liegt laut jüngster Umfrage im Rennen um die Macht im Rathaus vorn. Rekers SPD-Konkurrent Jochen Ott schrieb bei Facebook: „Ab sofort werde ich meinen Wahlkampf unterbrechen, bis ich weitere Informationen über ihren Gesundheitszustand habe.“

          Eigentlich sollte schon Mitte September in Köln gewählt werden. Die Bezirksregierung hatte aber die Stimmzettel beanstandet, das Votum wurde um fünf Wochen verschoben.

          Weitere Themen

          Nawalnyj in Moskau festgenommen

          Opposition in Russland : Nawalnyj in Moskau festgenommen

          Der bekannte russische Kremlkritiker Alexej Nawalnyj ist eigenen Angaben zufolge abermals verhaftet worden. Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang zu Protesten für freie Regionalwahlen.

          Sonderermittler Mueller bricht das Schweigen Video-Seite öffnen

          Russland-Affäre : Sonderermittler Mueller bricht das Schweigen

          Robert Mueller wird vor dem Kongress zur Russland-Affäre aussagen. Den Demokraten dürfte es vor allem darum gehen, dem wortkargen Sonderermittler mehr zu entlocken, was die Rolle von Präsident Donald Trump angeht und Material für ein mögliches Impeachment-Verfahren sammeln.

          Topmeldungen

          Boris Johnson : Alles andere als irrwitzig

          Der neu gewählte Tory-Vorsitzende und künftige Premierminister Boris Johnson ist nicht „mad“. Verrückt ist nur die Lage des Landes – drei Jahre nach dem Brexit-Referendum. Ein Kommentar
          Der radikale Konzernumbau der Deutschen Bank führt zu Milliardenverlusten im zweiten Quartal 2019.

          In drei Monaten : Die Deutsche Bank macht 3,1 Milliarden Euro Verlust

          Das größte und wichtigste deutsche Kreditinstitut will und muss sich radikal verändern. Die Belastungen durch den Umbau des Konzerns führen zu tiefroten Zahlen. Besonders betroffen ist die einst bedeutendste und berüchtigtste Sparte des Unternehmens.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.