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Bundestagswahl : Macht und Mitte

Der Ausgang der Bundestagswahl ist spannender denn je Bild: dpa

Langweilig soll der Wahlkampf gewesen sein. Wirklich? Wie es ausgeht, weiß niemand. Und war Peer Steinbrück wirklich öde? Hat Angela Merkel tatsächlich „asymmetrisch demobilisiert“?

          Langweilig? Was bitte soll an diesem Wahlkampf langweilig gewesen sein? Landauf, landab wird das geschrieben. Langeweile ist die immer gleiche Variable in Wahlkampfanalysen und Gemaule. Doch wie in der Algebra ist auch hier die Variable keine Eigenschaft der Gleichung, sondern eine des Betrachters. Desinteresse. Oder abwegige Erwartungen.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie kann es langweilig sein, dass niemand weiß, ob die Regierung bleibt? Dass eine neue Partei, die „Alternative für Deutschland“, Aussicht hat, ins Parlament einzuziehen – was die Verhältnisse wahrlich zum Tanzen bringen könnte? War Steinbrücks Wahlkampf etwa langweilig? Was hätte der Mann denn noch anstellen sollen? Ist es öde, dass die Grünen plötzlich eine Päderasten-Debatte am Hals haben? Und wer Angela Merkels Kampagne langweilig fand, pardon: Der hat sie einfach nicht gecheckt.

          Manche meinen, die Kanzlerin habe den Wahlkampf gleichsam verweigert. Unfug. Sie hat damit, im Gegenteil, sogar sehr zeitig begonnen, schon im Frühjahr, als sie über ihre Filmvorlieben, Männer, Kochen und dergleichen redete. Über Politik hat sie ja nicht geschwiegen. Aber die Schneekönigin zeichnete ihr kühles, hartes Image in diesen Tagen weich und wärmer, ohne dabei zu schmelzen. Und anders als die meisten anderen Politiker hat sie sich auf den Wahlplakaten des Spätsommers ein paar Falten stehen lassen. Auch das macht sie etwas weicher, etwas wärmer. Um Kompetenzwerte braucht sie sich nicht zu kümmern, den Sachverstand spricht ihr schon lange keiner ab.

          Wahlkampfabschluss am Samstag in Berlin

          Tja: das ist Wahlkampf. Und mit „asymmetrischer Demobilisierung“ hat er nichts zu tun. Auch davon ist ja überall zu lesen. Mit asymmetrischer Demobilisierung ist gemeint, dass die Kanzlerin Wähler absichtlich von den Urnen fernhalte – aber eben mehr von der Konkurrenz als von den eigenen Anhängern. Angeblich sollen Ronald Pofalla und Angela Merkel das für den Wahlkampf 2009 ausgeheckt haben. Doch in Wirklichkeit stammt der Begriff von Matthias Jung, dem Chef der Forschungsgruppe Wahlen. Er wurde erst nach der Wahl eingeführt, und er taugt vor allem dazu, die böse Niederlage der Unionsparteien 2009 zu beschönigen. In Wahrheit hatte nicht Merkels Wahlkampf die mehr als zwei Millionen Wähler vertrieben, die damals, etwa halbe, halbe, zur FDP abgewandert oder gar nicht erst wählen gegangen waren. Es war ihre Politik. Die sogenannte „Modernisierung“, ohne Rücksicht auf die Stammwähler der Union.

          Dass Angela Merkel eine gute Wahlkämpferin ist, konnte bislang sowieso keiner behaupten. Ihre Ergebnisse waren stets miserabel. Kanzlerin wurde sie mit der Prozentzahl, die Helmut Kohl das Amt kostete, und das war für die Union bis dahin der Tiefpunkt der Nachkriegsgeschichte – 1949 einmal außer acht gelassen, weil da kaum einer die CDU richtig kannte. Trotzdem konnte Merkel sich in die große Koalition retten. Sich, nicht die Union. Für die ging es vier Jahre später noch tiefer in den Keller, ein Zerstörungsprozess, der sie nun tatsächlich in die Nähe der Dreißig-Prozent-Schwelle, des 49er-Wahlergebnisses, trieb. Der Rückhalt bei den Wählern, den die Union in Jahrzehnten aufgebaut hatte, war verspielt. Merkel konnte nur Kanzlerin bleiben, weil die vertriebenen CDU-Anhänger massenhaft bei der FDP Zuflucht gesucht hatten, die dann mit der Union koalierte.

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