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Syrische Kurden : Frei, aber verwundbar

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Nur wenige kehren zurück: Ein syrischer Flüchtling auf dem Weg aus der Türkei nach Tall Abyad, seiner Heimat im kurdisch kontrollierten Norden Syriens Bild: AFP

Nach den jüngsten Erfolgen im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ reicht das Territorium der syrischen Kurden vom Euphrat bis zum Tigris. Doch die Dschihadisten schlagen an allen Fronten zurück.

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          Mit einem Handgriff sind die Sturmgewehre entriegelt. „Dort drüben, ein Mann, lauft los!“, ruft der Kommandeur des kleinen Stoßtrupps. In Sekundenschnelle springen drei Kämpfer des „Assyrischen Militärrats“ von der Ladefläche ihres Pritschenwagens und eilen den schmalen Schotterweg entlang. Ihre Waffen halten sie auf das flache Haus gerichtet, hinter dem sich jemand bewegt hat. Der Wind pfeift durch die Blätter der Bäume am Wegrand, Vögel zwitschern, und aus der Ferne hört man das Rauschen eines Kampfflugzeugs. Keine dreißig Kilometer entfernt, in der Provinzhauptstadt Hassakeh, bombardiert die syrische Luftwaffe Stellungen des „Islamischen Staats“ (IS). Selbstmordattentäter hatten dort vor kurzem mit Sprengstoff beladene Lastwagen in Kontrollpunkte des Regimes gefahren.

          Die Sorge, dass Schläferzellen auch in das kleine Dorf südwestlich der syrischen Kreisstadt Tall Tamr eingesickert seien, entpuppt sich als unberechtigt: Friedlich hebt der verdächtige bärtige Mann die Hand zum Gruß und hält den jungen Milizionären ein Schreiben mit dem Stempel der örtlichen Kurdenverwaltung entgegen. Es ist die Erlaubnis, in seinen Heimatort Tall Tal zurückzukehren. Auf einer Wiese vor seinem Haus grast eine Kuh, Schafe streifen auf der Suche nach etwas Essbarem über das von der heißen Juli-Sonne ausgedörrte Areal, im Schatten döst ein Truthahn. Rasch setzt die Frau des Hauses in einem Kessel Wasser auf, um Tee für die bewaffneten Gäste zu kochen.

          Verwesungsgeruch liegt in der Luft

          Nur ein paar Schritte entfernt, auf einem Acker am Ortsrand, liegen Haarbüschel, Knochen und der Schädel eines IS-Kämpfers, der bei der Rückeroberung des Dorfs durch assyrische und kurdische Einheiten vor wenigen Wochen getötet wurde. Verwesungsgeruch liegt in der Luft, leere Getränkedosen auf dem Boden. Im Februar war der 41 Jahre alte Bauer Hassan Abd al Razak Salih von hier mit seiner Familie Hals über Kopf in das nahe gelegene Abd-al-Aziz-Gebirge geflohen – nur Stunden bevor die Männer des „Islamischen Staats“ in die kleine Gemeinde einfielen.

          Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) kontrollieren das Grenzgebiet zur Türkei - so wie hier in Tal Abyad, der „IS“ ist voresrt zurückgedrängt

          Wie überall im Norden Syriens, wo es den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und ihren christlichen sowie muslimischen Verbündeten zuletzt gelang, die Dschihadisten zurückzudrängen, haben diese auf dem Rückzug eine Spur der Zerstörung hinterlassen: Das Wohnzimmer von Salahs Familienhaus ist verwüstet, die Matratzen auseinandergerissen. Der Kühlschrank liegt umgekippt auf dem Boden. Die Eindringlinge haben ein Bild der Kaaba in Mekka übersprayt. Und von den Wänden prangt das Logo der islamistischen Terrorgruppe. Das gleiche Bild bietet sich im Nachbarhaus.

          Verdeckt von einer Plastikplane haben die sunnitischen Gotteskrieger im Hof einen zwei Meter tiefen Verschlag gegraben, in dem sie sich im Falle eines Angriffs verschanzen konnten. Verstreut auf dem Boden liegen Patronenhülsen. Assyrische Christen hätten hier gewohnt, sagt Salih, und zieht ein zerkratztes Marienbild aus den Trümmern hervor. Noch ehe er seine eigenen Angehörigen in Sicherheit gebracht habe, habe er dafür gesorgt, dass die christlichen Nachbarn fliehen konnten. Schließlich sei bekannt, wie die Krieger von IS-Chef Abu Bakr al Bagdadi mit Andersgläubigen umsprängen.

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