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Krieg im Nordirak : Zwischen allen Fronten

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Kurdische Kooperation: PKK-Kämpfer im nordirakischen Makhmur unterstützen ihre einstigen Rivalen der Peschmerga gegen die Dschihadisten Bild: REUTERS

In Kirkuk, der reichsten Stadt des Iraks, ist der Treibstoff knapp. Die Dschihadisten kontrollieren eine wichtige Nachschubroute. Viele setzen auf die Hilfe Amerikas, um sie endlich zu vertreiben.

          Im Büro von Nadschat Hussein geht es zu wie in einem Taubenschlag. Als Vorsitzender des Ausschusses für Öl- und Gasfragen im Provinzparlament von Kirkuk ist er ein gefragter Mann. Sein Assistent hat gerade die Tür geschlossen, da klopft schon wieder ein neuer Besucher an. Er seine schiebt seine Pistole etwas tiefer in die Hosentasche und öffnet. Auf dem Flachbildschirm über dem Eingang laufen derweil Nachrichten mit Bildern aus den umkämpften Gebieten: Bombeneinschläge nahe des Mossul-Staudamms, Razzien irakischer Spezialeinheiten, triumphierende kurdische Peschmerga-Kämpfer. Als der Abgeordnete eine halbe Stunde später endlich eintrifft und den Krawattenknoten zurecht gerückt hat, fällt prompt der Strom aus. „Das ist Kirkuk“, sagt Nadschat Hussein im Dunkeln, wischt sich mit einem Taschentuch die Schweißperlen von der geröteten Stirn und lacht. Er habe länger als geplant in einer Krisensitzung gesteckt, das bitte er zu entschuldigen. Auch der Gouverneur der umkämpften Provinz hat an dem Treffen teilgenommen. Es ging um die Sicherheitslage und die andauernde Treibstoffknappheit. Seit der Offensive der Terrorgruppe Islamischer Staat im Juni hat sich Preis für den Liter mehr als verdoppelt.

          Dass ausgerechnet die wegen ihrer riesigen Ölvorkommen reichste Stadt des Iraks unter Benzinmangel leidet, ist eine direkte Folge des Vorpreschens der Extremisten. Den Kämpfern von Abu Bakr al Bagdadi war es schon im Frühjahr gelungen, die Pipeline, die quer durch die Provinz zur Raffinerie von Baidschi führt, unter ihre Kontrolle zu bringen. Seitdem kann Treibstoff nur noch auf dem brandgefährlichem Landweg nach Kirkuk gelangen: Rund neunzig Kilometer lang ist die Route – und sie führt fast ausschließlich durch das Herrschaftsgebiet der Terroristen. Solange die nicht vertrieben sind, gibt es aus Baidschi kein Benzin.

          Anders als rund um den Mossul-Staudamm im Nordwesten des Iraks aber weist in Kirkuk nichts auf eine Offensive zur Vertreibung der Dschihadisten hin. Am Nachmittag sind die Straßen leer gefegt. Um Strom zu sparen, öffnen viele Händler ihre Läden erst am Abend. Die Lage ist angespannt, immer wieder kommt es zu Bombenanschlägen und Razzien in den Unterkünften der vielen Flüchtlinge, die im Juni aus Takrit, Baquba und Falludscha nach Kirkuk geflohen waren. Islamistenzellen sollen sich eingenistet haben in den arabischen Vierteln der Stadt, die mehrheitlich von Kurden, aber auch von Turkmenen und Christen bewohnt wird. Nun stehen die arabischen Sunniten im Verdacht, stillschweigende Sympathisanten der sunnitischen Extremisten zu sein.

          Auf der Flucht: Angehörige der Glaubensgemeinschaft der Schabak zwischen Kirkuk und Arbil

          Der Glaube, dass die kurdischen Peschmerga-Einheiten, die nach dem Rückzug der irakischen Armee im Juni in Kirkuk eingerückt waren, allein einen Angriff der Dschihadisten aufhalten könnten, hat sich seit der Offensive des „Islamischen Staats“ im Sindschar-Gebirge zerschlagen. „Wir können Gott danken, dass es den Maschrua-Kanal gibt“, sagt der Ausschussvorsitzende Nadschat Hussein. Der noch zu Zeiten Saddam Husseins errichtete Wasserweg markierte bislang 25 Kilometer westlich von Kirkuk die Grenze zwischen Bagdadis Kalifat und dem Restirak. Nur vereinzelt kam es hier zu Scharmützeln – aber das muss nicht ewig so bleiben. „Sollte der Islamische Staat versuchen, den Kanal zu überqueren, könnten wir die Terroristen nur mit Hilfe aus Washington zurückschlagen“, sagt Hussein.

          Wen man auch anspricht im Nordirak, man hört nur gutes über die Amerikaner: Ohne die Luftangriffe der F-18-Kampfflugzeuge, die nach langen Kämpfen die Rückeroberung des strategisch wichtigen Mossul-Staudamms ermöglicht hatten, hätten die Dschihadisten weitere Gemeinden eingenommen, heißt es immer wieder. Weil Bagdadis Männer mehr als 150 Sprengfallen gelegt hatten, seien die Peschmerga nur im „Schneckentempo“ vorangekommen, sagt ein hoher kurdischer Regierungsberater, der die Operation vor Ort verfolgte. Die besten Einheiten, über die der Islamische Staat verfüge, seien zum Schutz des Staudamms abgestellt gewesen, doch nun müsse sich die Terrororganisation erst einmal neu gruppieren.

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