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Kerry in Japan : Eine historische Geste in Hiroshima

Bild: AFP

Zum ersten Mal nach 71 Jahren hat ein amerikanischer Außenminister in Hiroshima der Opfer des Atombombenabwurfs gedacht. Eine Verbeugung blieb John Kerry schuldig.

          Auf diesen Moment hat Japan lange gewartet. Zum ersten Mal hat ein amerikanischer Außenminister am Mahnmal in Hiroshima für die Opfer des amerikanischen Atombombenabwurfs vom 6. August 1945 einen Kranz niedergelegt. Eine Entschuldigung werde John Kerry nicht überbringen, hatte das Außenministerium in Washington schon vorab geklärt. Doch die Geste des Respekts vor den Opfern bleibt.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Um 11.45 Ortszeit kommt Bewegung in das Spalier der Schulkinder, die Fähnchen schwenkend den Weg zu Mahnmal säumen. Langsam schreiten die Außenminister der Siebengruppe (G7) vom Museum in Richtung Kenotaph, des leeren Grabs, das im Friedenspark als Mittelpunkt des Gedenkens dient. 292.000 Opfer werden offiziell der Atombombe in Hiroshima zugerechnet. Kerry schert aus der Truppe der Außenminister aus und schüttelt ein paar Hände der Kinder. Dann stehen die Minister vor dem Kenotaph und legen jeder auf Gestellen einen Kranz nieder. Kerry deutet eine kurze Verneigung des Kopfes an, während Japans Minister Fumio Kishida und die meisten anderen G-7-Minister sich aus Achtung vor den Toten verbeugen – so wie es in Japan üblich ist.

          Anschließend besuchen die Minister den sogenannten Atomic Bomb Dome, eine frühere Ausstellungshalle, deren Ruine als Mahnmal für den Atombombenabwurf erhalten blieb. Kerry soll den Besuch am A-Bomb-Dome kurzfristig vorgeschlagen haben. Die Japaner, eigentlich an ein strenges Programm gewöhnt, zeigen sich flexibel.

          Die Gedenkstätte sei „eine schonungslose, harsche und zwingende Ermahnung nicht nur an unsere Verpflichtung, die Bedrohung durch unsere nukleare Waffen zu beenden, sondern auch daran, all unsere Anstrengungen umzuwidmen, um den Krieg an sich zu vermeiden“, schreibt Kerry in das Gästebuch des Atombombenmuseums. „Jeder sollte die Kraft der Gedenkstätte sehen und fühlen.“

          Die G7-Außenminister und die Außenbeauftragte der EU gedenken der Opfer des Atombombenangriffs in Hiroshima.

          Die japanische Regierung und viele Japaner hoffen, dass auch der amerikanische Präsident Barack Obama dieser Aufforderung noch Folge leistet. Andere amerikanische Präsidenten wie Jimmy Carter waren schon in Hiroshima, aber immer nach ihre Dienstzeit.

          Obama wird Ende Mai zum Gipfeltreffen der Siebenergruppe in Ise-Shima kommen und die Regierung in Washington erwägt, ob er am Rande des Treffens auch Hiroshima besuchen solle. Obama hatte die Nichtverbreitung von Kernwaffen zu einem Thema seiner Präsidentschaft gemacht. Ein Besuch in Hiroshima aber ist mit viel Symbolik befrachtet. Viele Japaner und auch Überlebende des Bombenabwurfs klagen, dass die Atombombe am Ende des Weltkriegs mehr Machtdemonstration als militärische Notwendigkeit gewesen sei. In Amerika dagegen gelten die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki als damaliges Mittel der Wahl, um den Krieg im Pazifik zu beenden.

          Kerrys historischer Besuch kommt zu einer Zeit, in der Amerika und Japan ihre militärische Zusammenarbeit stärken. Japan hat im vergangenen Jahr neue Sicherheitsgesetze beschlossen, die unter strengen Bedingungen mehr Auslandseinsätze im Rahmen der kollektiven Verteidigung und in Friedensmissionen der Vereinten Nationen erlauben. Japan lebt dabei unter dem nuklearen Schutzschirm der Vereinigten Staaten, hält aber in drei Prinzipien die Formel hoch, keine Atomwaffen zu besitzen, herzustellen oder auf seinem Boden zuzulassen.

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