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Politischer Aschermittwoch Wenn die Welt ein Bierzelt wär

 ·  Beim politischen Aschermittwoch läuft Edmund Stoiber zu alter Form auf. Auch Peer Steinbrück beherrscht das Genre der Volkstümlichkeit.

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© dpa Vergrößern Der ehemalige Ministerpräsident Edmund Stoiber (links) wirkte an diesem Tag wie der Nachfolger des Ministerpräsidenten Horst Seehofer

Am politischen Aschermittwoch ist in Niederbayern, der Heimat dieses Unterhaltungsgenres, erbittert um das knappe Gut der öffentlichen Aufmerksamkeit gefochten worden. Die CSU stemmte sich mit allen verfügbaren Kräften gegen die Konkurrenz der anderen Parteien, mit Edmund Stoiber als Sturmspitze. Er war – entgegen der gewohnten Dramaturgie der Macht – der Hauptredner, auch wenn der Parteivorsitzende Horst Seehofer nach ihm sprach. Dem rhetorischen Furor des Pensionärs Stoiber hatte Seehofer, stimmlich durch eine Erkältung angeschlagen, wenig entgegenzusetzen. Stoiber blieb es in der Dreiländerhalle in Passau vorbehalten, die Urheberrechte seiner Partei am politischen Aschermittwoch zu reklamieren; er erklärte die CSU kurzerhand zur „Aschermittwochspartei“.

Lange Jahre hatte die CSU diesen Tag beherrscht, passend zu den Mehrheitsverhältnissen im Freistaat; die Veranstaltungen der Mitbewerber wurden nur als Beiwerk wahrgenommen. Doch an diesem Aschermittwoch sah sich die CSU von Usurpatoren umgeben, wohin sie auch in Niederbayern blickte. Es brach ein regelrechter Krieg der Zahlen aus, bei dem sich die Parteien gegenseitig vorrechneten, die höchste Besucherzahl angezogen zu haben. Die Zahlen wurden zu einer Art Parallelwährung für die Demoskopie, mit ähnlicher Haltbarkeit: Kaum hatte die SPD, die in ein Zelt nach Vilshofen eingeladen hatte, die Zahl 5.000 ins Spiel gebracht, konterte die CSU mit 7.000, was die SPD wiederum in Zweifel zog, weil so viele Menschen feuerpolizeilich gar nicht in die Dreiländerhalle dürften.

„Eine Traumreise durch Bayern“ mit der CSU

Der Streit entbehrte nicht des historischen Reizes, hat doch die CSU selbst einst den politischen Aschermittwoch von der Bayernpartei okkupiert. Franz Josef Strauß war es, der in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht länger zusehen wollte, dass die Bayernpartei mit einer Mischung aus Bier, Brotzeit und politischen Derbheiten sich als genuin weiß-blaue Kraft ausgab. Die CSU kopierte das Original so genau, dass sie bald selbst als das Original galt und die Bayernpartei in die Bedeutungslosigkeit versank. Der Kunstgriff der CSU in den siebziger Jahren, ihre Veranstaltung von Vilshofen nach Passau zu verlegen, half bei der Aneignung. Dass die SPD in diesem Jahr just in Vilshofen sich nicht damit zufrieden geben wollte, eine Kopie einer Kopie zu sein, sondern frech als Original auftrat, konnte nur auf maximale Gegenwehr der CSU treffen.

Sie kämpft in diesem für Bayern doppelten Wahljahr darum, eine alte Gleichung wieder in Kraft zu setzen: Bayern gleich CSU. Um den Anspruch zu bekräftigen, die Partei zu sein, die nicht für alles, aber vieles verantwortlich ist, was Bayern lebenswert macht, wurde in Passau noch mehr als auf Worte auf Bilder vertraut. Es wurde ein Film gezeigt, in dem Szenen aus Joseph Vilsmaiers „Bavaria - eine Traumreise durch Bayern“ mit Ausschnitten aus Auftritten von Franz Josef Strauß, Edmund Stoiber und Horst Seehofer kombiniert waren. Neuschwanstein, die Zugspitze, die Wieskirche, die CSU und eine Trias aus Strauß, Stoiber und Seehofer – es gehört alles zusammen, lautete die Botschaft, die auch die Wahlkämpfe der nächsten Monate beherrschen dürfte.

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13.02.2013, 18:03 Uhr

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