Home
http://www.faz.net/-gpg-6wrts
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

David McAllister Unten durch

 ·  Der niedersächsische Ministerpräsident David McAllister will nicht wie sein Vorgänger sein. Er mache lieber Urlaub an der Nordsee als auf Ibiza, sagt er. Er habe eine Allergie gegen rote Teppiche. Und doch holt Wulff ihn überall ein.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (6)

Achtundzwanzig Minuten hat der Jahresausblick gedauert. David McAllister legt zufrieden die Armbanduhr um. Gleich dürfen ihm die Mitglieder der Landespressekonferenz Fragen stellen zum Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven oder zum Studiengang islamische Theologie in Osnabrück. Vorher sagt der niedersächsische Ministerpräsident noch, er würde sich wünschen, dass „wir uns auch 2012 gegenseitig kritisch begleiten“. Gegenseitig? Er stockt kurz, korrigiert sich: „Natürlich Sie mich“. Es lässt sich hier, im Restaurant des Landtags, fast kein Satz mehr sprechen, der nicht irgendwie schräg klingt. Manche Kollegen hätten ja auch gar keine Mailbox, fügt McAllister noch schnell hinzu. Die Kollegen lachen.

Aber dann stellen sie Fragen. Es geht nicht um Containerterminals oder Integrationspolitik, sondern allein um eines, um einen: Christian Wulff. Hat er als Ministerpräsident von Niedersachsen das Parlament getäuscht? Wann wird die Landesregierung die hundertsechzig Fragen der Opposition dazu beantworten? Und überhaupt, was sagt David McAllister zu der Affäre, der Nachfolger und „Ziehsohn“ Wulffs? Der Vierzigjährige kann locker und witzig sein, aber jetzt zieht er die Augenbrauen zusammen und fixiert den Fußboden. Er verspricht volle Transparenz, genaue Aufklärung und das so schnell wie möglich. Schon zur nächsten Landtagssitzung in der bevorstehenden Woche sollen die Fragenkataloge beantwortet sein. McAllister könnte es dabei belassen, aber er schießt einige Pfeile ab. „Mich lädt niemand nach Ibiza ein. Und ich mache sowieso lieber Urlaub an der Nordsee im Strandkorb in Cuxhaven“, frotzelt er. Von Freundschaft mit seinem Vorgänger will er nicht sprechen: „Christian Wulff war für mich Förderer, Kollege, Vorgesetzter.“ Und dann sagt er noch, er habe „eine Allergie gegen rote Teppiche“.

Nachrücken in Wulffs Positionen

Nachdem die Journalisten abgezogen sind, raucht McAllister eine Zigarette am Hintereingang des Landtagsrestaurants. Er ahnt, was ihm blüht in den folgenden Tagen, womöglich Wochen. Nicht das „Jahr der Sachpolitik“, das er eben ausgerufen hat, sondern vorgezogener Wahlkampf. SPD und Grüne wittern die Chance, die Regierung zu stellen. Sie sprechen vom „System Wulff“, das immer noch intakt sei. Vor allem der „Club 2013“ ist ins Gerede gekommen, ein Zusammenschluss von Unternehmern und Privatpersonen, den Wulff einst ins Leben rief, um Spenden für den nächsten Landtagswahlkampf zu sammeln. Kommen Politik und Wirtschaft einander zu nahe? „Wenn ich da hingehe, dann ist das dienstlich. Ich gebe auch keine exklusiven Informationen der Landesregierung weiter“, rechtfertigt sich McAllister. Für ihn sei das vergleichbar mit einer Einladung der IHK. Im Übrigen seien ihm „hundert Spenden à tausend Euro lieber als eine Spende von 100.000 Euro“.

In ruhigeren Minuten macht sich auch McAllister so seine Gedanken über den Mann, ohne den er heute nicht in der Staatskanzlei säße. Im Wahlkampf 1994 schuftete er als Student für den Oppositionsführer aus Osnabrück. Mit seinem Privatwagen karrte er Annette Schavan durch Niedersachsen, die als Bildungsministerin auserkoren war. Daraus wurde nichts, Gerhard Schröder gewann die Wahl. Im Sommer 2002, als Wulff seinen dritten Anlauf nahm, machte er den jungen Landtagsabgeordneten mit schottischen Wurzeln zu seinem Generalsekretär. Der Sieg 2003 wurde auch McAllister zugeschrieben, der von da an in Wulffs Positionen nachrückte: erst als Fraktionschef, dann als Parteivorsitzender, schließlich im Juli 2010 als Ministerpräsident.

Keine Party mehr

Über private Beziehungen habe er mit Wulff nie gesprochen, sagt McAllister. Er war zweimal im Haus in Großburgwedel, das inzwischen ganz Deutschland kennt. Seit Ausbruch der Kreditaffäre hat er einmal mit Wulff telefoniert, ihn zur vollständigen Transparenz aufgefordert. Mehr will er nicht sagen über das Gespräch, lässt aber durchblicken, wie sehr er sich über die Kommunikationsstrategie des Bundespräsidenten wundert.

Von denen, die Wulff aus Oppositionszeiten kennen, schütteln viele den Kopf über seinen Weg in den vergangenen Jahren. Von Persönlichkeitsveränderung ist die Rede, manchmal auch von zwei Gesichtern. Immer wieder wird das Jahr 2006 als Wegscheide genannt: Da verließ Wulff seine Frau und zog mit Bettina Körner zusammen, der studierten PR-Beraterin. Der Ministerpräsident nahm immer mehr Showtermine wahr, zeigte sich mit Schauspielern und Wirtschaftsführern, die zum Freundeskreis seines Vorgängers zählten. Auf Parallelen zu Schröder wird verwiesen: Mann aus einfachen Verhältnissen, neue Beziehung mit einer viel jüngeren Frau, erwachende Lust an den schönen Dingen des Lebens, neue Freunde. Möglicherweise habe Wulffs Sprecher und Vertrauter Olaf Glaeseker versucht, das Erfolgsmodell Schröder zu kopieren, heißt es.

Von 2007 an feierten Niedersachsen und Baden-Württemberg einmal im Jahr eine große Party, den „Nord-Süd-Dialog“. Schirmherren waren die Ministerpräsidenten Wulff und Günther Oettinger. McAllister nahm Ende 2009 an der Sause mit 900 Gästen in einem Terminal des Flughafens Hannover teil. Er erinnert sich noch daran, wie es plötzlich unruhig wurde, weil der Stargast des Abends eintraf, die amerikanische Schauspielerin Faye Dunaway. McAllister fühlte sich unwohl. Am selben Abend machte Wulff Veronica Ferres mit ihrem heutigen Lebensgefährten Carsten Maschmeyer bekannt. Ein Jahr später gab es keine Party mehr. Der neue Ministerpräsident zog einen Schlussstrich.

Schlüsselstellen neu besetzt

Nun muss sich McAllister mit den bohrenden Fragen der Opposition zu den Partys seines Vorgängers herumschlagen. Sie hegt den Verdacht, Glaeseker habe aus der Staatskanzlei heraus Sponsoren eingeworben, obwohl diese gegenüber dem Landtag von einer „Privatveranstaltung“ gesprochen hatte. Deren Veranstalter, der mit Wulff befreundete Eventmanager Manfred Schmidt, soll allein 2009 mehrere hunderttausend Euro verdient haben.

In den Akten der Staatskanzlei finden sich dazu nach Angaben des Regierungssprechers aber nur zwei Schreiben. Eines weist auf den Termin hin, das andere informiert die Landespressekonferenz. Gut möglich, heißt es, dass Glaeseker Akten mitgenommen habe. Alle Versuche, Kontakt zu ihm aufzunehmen, sind gescheitert. Glaeseker ist abgetaucht, seit Wulff ihn vor Weihnachten entließ. Die Staatsanwaltschaft Hannover prüft, ob sie gegen den früheren Journalisten wegen Vorteilsnahme ermittelt. Da geht es um Urlaube in Feriendomizilen von Manfred Schmidt.

Zu Wulffs Zeiten war Glaeseker ein vielbewunderter Mann in der Staatskanzlei, weit mehr als ein Sprecher, ein Spin Doctor. Heute reden Mitarbeiter dort äußerst distanziert über ihn. „Ich hätte nicht für Glaeseker arbeiten können“, sagt einer. McAllister hat Schlüsselstellen der Staatskanzlei neu besetzt mit Leuten seines Vertrauens, die meisten sind Juristen wie er selbst.

„In dem Stil, Politik zu machen, unterscheiden wir uns“

Es ist Mittag geworden. In Hannover beschwert sich die Opposition, dass die Staatskanzlei nicht schon in einem Ausschuss am Vormittag neue Fragen beantworten wollte, die sie erst am Vorabend vorgelegt hatte. McAllister legt Krawatte und Jackett ab, schwingt sich in seinen Dienstwagen. Es geht nach Osnabrück - ausgerechnet, Wulffs Heimat. Aber die Reise war schon geplant, bevor der Hauskredit zur Affäre wurde.

McAllister findet, dass die ganze Aufregung in Hannover gar nicht passt zu seinem Land: „Niedersachsen ist ein Land von Maß und Mitte. Ball flachhalten, bescheiden bleiben und Schritt für Schritt ganz vorsichtig aufholen, so dass die Bayern und Baden-Württemberger das gar nicht merken“, so beschreibt er seinen Regierungsstil. Vielleicht hätte Wulff das ähnlich gesagt, bevor er Nord-Süd-Partys feierte. McAllister will sich die Erfolge seines Vorgängers aber nicht kaputtreden lassen. Er verknetet die Finger, feine Finger. Wulff habe das Land seit 2003 enorm nach vorne gebracht. „So gut wir politisch zusammengearbeitet haben, in dem Stil, Politik zu machen, unterscheiden wir uns“, sagt er.

Termine ohne Glanz und Gloria

David McAllisters Stil wurde in Bad Bederkesa geprägt, einem Städtchen mit 5000 Einwohnern im Landkreis Cuxhaven. Da zog er mit elf Jahren hin, nachdem sein Vater - ein schottischer Beamter in Diensten der Rheinarmee - pensioniert worden war. Dort ging er aufs Gymnasium, gründete er als Schüler einen Ortsverband der Jungen Union, zog er erst in den Kreis-, dann in den Landtag ein, wurde er mit 30 Jahren Bürgermeister. Den Luftkurort empfindet er als Heimat und Rückzugsort. Die lange Autofahrt nach Hannover, Familie nur am Wochenende, das nimmt er in Kauf.

Nahe Bederkesa lebt auch der Mann, den McAllister für seinen wahren politischen Ziehvater hält, Martin Döscher. Bei dem früheren Landtagsabgeordneten und Landrat lernte er, worauf es ankommt in der Kommunalpolitik: Leute mit Namen ansprechen, frei reden, Mehrheiten organisieren. Und: „Wenn man irgendwo neu hinkommt, erst mal die Klappe halten und zuhören.“ Heute erzählt ihm Döscher, 77 Jahre alt, mehrmals die Woche, was in seinem Wahlkreis los ist, wie die Leute denken. Da hat McAllister auch erfahren, dass die CDU-Basis nicht gut zu sprechen ist auf Wulff. Schon die Scheidung haben ihm viele nachgetragen. „Bei uns ist Wulff unten durch“, sagt Döscher. Aus anderen Kreisverbänden der ländlichen, daher konservativen CDU hört der Ministerpräsident Ähnliches.

In Osnabrück absolviert McAllister das Brot-und-Butter-Geschäft eines Ministerpräsidenten: Er trifft den Landrat, den Oberbürgermeister, trägt sich in Goldene Bücher ein. Es sind Termine ohne Glanz und Gloria, bei denen es um lokale Probleme geht. Hier gibt es Ärger mit der Genehmigung eines Einkaufszentrums, dort wird ein Schirmherr für das Gedenken an die Varusschlacht gesucht. Wulff, die Opposition in Hannover, die brodelnde Gerüchteküche in der Landeshauptstadt, das ist an diesem Nachmittag weit weg.

Rote Boxsack als Geschenk der Opposition

Am Abend redet McAllister beim Neujahrsempfang der IHK. Der Raum ist gut gefüllt mit Leuten, die Wulff gewogen sind. Der SPD-Oberbürgermeister lehnt es ab, etwas über den bekanntesten Politiker der Stadt zu sagen. Ein Mann von der örtlichen CDU fordert, jetzt müsse die Berichterstattung über Wulff aber endlich mal aufhören. McAllister kennt die Stimmung in Osnabrück. Er lobt Wulffs Engagement für das örtliche VW-Werk, stellt Produktionserweiterungen in Aussicht. Mehr sagt er nicht zum Bundespräsidenten.

Kurz vor zehn fährt McAllister zurück, nach Bederkesa. Am nächsten Tag wird er 41, da will er wenigstens mit seiner Frau frühstücken, die Töchter in den Kindergarten und zur Schule bringen. In der Staatskanzlei stößt er später mit den Mitarbeitern an. Den Sekt hatte er in seiner Dusche neben dem Büro gelagert. Dort steht auch der rote Boxsack, den ihm die Opposition zum Amtsantritt geschenkt hat. Noch musste er ihn nicht herausholen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge