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Mali-Konflikt Auf sich allein gestellt

 ·  Die französischen Truppen in Mali können sich nicht auf die afrikanische Unterstützung verlassen. Es wächst die Sorge, dass der Konflikt eine Nummer zu groß ist.

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© AFP Schwer bewaffnet: Islamisten am Samstag bei Gao

Hauptmann Tiebilé Alhousseyni Touré steht vor einer großen Karte Malis und versucht, die Truppenbewegungen der Islamisten zu erklären. Ständig springt sein Zeigefinger auf der Karte um Dutzende Zentimeter, was einigen hundert Kilometern Distanz im Wüstengelände des Nordens von Mali entspricht. „Das ist alles ein bisschen unübersichtlich“, sagt der Hauptmann entschuldigend. „Aber zusammen mit den Franzosen kriegen wir das schon hin“, prophezeit er dann, und dabei hellt sich seine bis dahin kummervolle Miene schlagartig auf.

In diesen Tagen in Mali ein böses Wort über Frankreich oder die französische Arme zu hören, ist so gut wie ausgeschlossen. Seit dem militärischen Eingreifen Frankreichs gegen den Vormarsch der Islamisten auf die Stadt Mopti in der vergangenen Woche sind die Malier voll des Lobes über ihre alte Kolonialmacht. Tatsächlich hätte nicht viel am Donnerstag vergangener Woche gefehlt, und die Dschihadisten hätten nicht nur Mopti, sondern auch Bamako angegriffen. „Wir haben uns schon gefragt, ob wir jetzt alle Bärte tragen müssen“, sagt Mahmadou Koné, ein bekannter Fernsehjournalist, und er meint das nur halb im Scherz. „Ehrlich: Ohne die Franzosen wäre das hier jetzt ohne Zweifel ein Land unter der Kontrolle von afrikanischen Taliban“, sagt er.

Doch so fulminant die französische „Opération Serval“ in der vergangenen Woche auch begann, so sehr droht sie jetzt zu einem Kampf an unzähligen Fronten zu werden. Seit Mittwoch sind zudem französische Einheiten in heftige Kämpfe in der Ortschaft Diabali 400 Kilometer nördlich von Bamako verwickelt. Die malische Armee behauptet, dort spiele sich Straßenkampf ab. Zu überprüfen ist das nicht, weil alle ausländischen Journalisten systematisch daran gehindert werden, in die Kampfgebiete zu gelangen. Das geschehe zu ihrer eigenen Sicherheit, heißt es im malischen Verteidigungsministerium, das sich offenbar einer entsprechenden Anweisung der französischen Streitkräfte umgehend gebeugt hat.

Gute Bewaffnung, große Mobilität

Ob die Kämpfe der französischen Soldaten am Boden so von Paris geplant waren, ist jedenfalls fraglich. Es scheint vielmehr so zu sein, dass den Franzosen angesichts der lausigen Leistungen der malischen Armee nichts anderes übrig blieb. Die Streitkräfte des Landes sind nicht einmal in der Lage, eine zuvor befreite Ortschaft zu sichern, geschweige denn selbst Angriffe zu starten. Das war in Konna so, von wo die Islamisten nach französischen Luftschlägen in der vergangenen Woche vertrieben worden waren und wohin sie in dem Moment zurückkehrten, als die malische Armee dort auftauchte. „Es erfüllt mich nicht gerade mit Stolz, aber das stimmt leider“, sagt Hauptmann Touré.

Die radikalen Islamisten hingegen, unter ihnen Kämpfer der beiden Terrorgruppen „Al Qaida im islamischen Maghreb“ (Aqim) und „Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika“ (Mujao), setzen sowohl ihre gute Bewaffnung als auch ihre Mobilität gekonnt ein. Dafür ist die gegenwärtige Lage im Ort Diabali ein gutes Beispiel. Als die französische Luftwaffen am Wochenende einen Stützpunkt der Dschihadisten in Léré an der mauretanischen Grenze angriff, war der Feind anscheinend schon lange weg. Dafür tauchten nach Informationen dieser Zeitung am Dienstag alleine 150 Fahrzeuge der Islamisten in Diabali auf. Alle waren mit schweren Maschinenwaffen ausgerüstet - bis hin zu umgebauten Flugabwehrgeschützen. In benachbarten Goumbo nebenan waren es 50 Fahrzeuge, in Sokolo wurden ebenfalls große Kolonnen solcher Kampffahrzeuge ausgemacht.

Die Information über die Truppenstärke der Dschihadisten in Diabali war von den Bewohnern selbst gekommen. Inzwischen aber haben die Islamisten alle Telefonverbindungen gekappt und die Bevölkerung in Geiselhaft genommen. Wie malische Offiziere schilderten, hatten sich die Islamisten in Diabali zuerst in einer katholischen Kirche verschanzt, um den Angriffen der französischen Hubschrauber zu entgehen. Als die französischen Truppen anrückten, hatten sie sich in den Häusern der Bewohner verschanzt und benutzen diese seither als lebende Schutzschilde. Dass es unter diesen Bedingungen keine zivilen Opfer gibt, ist eine Illusion. Womöglich wollen die Franzosen auch deshalb gegenwärtig keine unabhängigen Beobachter. „Wir wisse nicht einmal, mit wem wir es da überhaupt zu tun haben“, sagt der malische Hauptmann Touré. Nach seinen Worten sind unter den Dschihadisten neben vielen Tuareg auch Pakistaner, Saudis und Jemeniten ausgemacht worden. Im Grenzgebiet zu Mauretanien sollen die Dschihadisten überdies ein verstecktes Waffendepot der malischen Armee gefunden und geplündert haben.

2000 Soldaten aus Tschad

Jedenfalls ist die Lage derzeit so unübersichtlich, dass nach Einschätzung des französischen Einsatzkommandos selbst die Stadt Segou auf halber Strecke zwischen Mopti und Bamako nunmehr zur „roten Zone“ zählt, in der jederzeit mit Angriffen gerechnet werden muss. Französische Soldaten besetzten am Mittwoch unweit von Segou die Brücke über den Niger, um sie mutmaßlich vor einem Bombenanschlag zu schützen. Eine Zerstörung dieser Brücke würden die Landwirtschaft entlang des Niger-Flusses und damit die Versorgung von Bamako mit Lebensmitteln kollabieren lassen.

Bald sollen Soldaten aus Tschad kommen, um die Franzosen und Malier zu unterstützen. Die Führung des Landes hat angekündigt, bis zu 2000 Mann zu entsenden. Dem Vernehmen nach ist das tschadische Kontingent, das aus einem Infanterie-Regiment und zwei Unterstützungsbataillonen besteht, schon auf dem Landweg nach Mali unterwegs. Die tschadische Armee gilt als extrem erfahren im Wüstenkampf und benutzt die gleichen Waffensysteme wie die Extremisten: schnelle und extrem geländegängige Pick-Ups mit schweren Maschinenwaffen auf der Ladefläche. Der Verteidigungsminister des Landes sagte, das Kontingent werde „selbstverständlich“ in Abstimmung mit der französischen Armee und der Eingreiftruppe der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) operieren Er lehnte es aber ab, die tschadischen Einheiten unter das Kommando der Ecowas-Truppe zu stellen. Der tschadische Präsident Idriss Déby hatte das operationelle Konzept dieser 3300 Mann starken Truppe vor kurzem als „totales Chaos“ bezeichnet.

Die Ankunft der westafrikanischen Soldaten in Bamako lässt auch weiter auf sich warten. Am Donnerstag sollte ein 200 Mann starkes Vorauskommando aus Nigeria eintreffen. Das Land will sich mit 600 Mann an der Mission beteiligen und stellt damit das einzige einsatzbereite Bataillon. Der Rest der Truppen, die aus Senegal, Niger, Togo, Benin und Ghana kommen sollen, sind dem Vernehmen nach so schlecht vorbereitet und vor allem so schlecht ausgerüstet, dass sie einer Befreiung des Nordens eher im „Weg stehen werden“, wie es ein europäischer Diplomat ausdrückt. Ein ähnlich ernüchternder Befund lässt sich auch mit Blick auf das geplante EU-Trainingsprogramm für die malische Armee erstellen, an dem sich auch Deutschland beteiligen will und das in der kommenden Woche offiziell beginnen soll. Die malischen Soldaten sind alle im Einsatz, viele davon fern der relativ sicheren Hauptstadt Bamako. An eine geordnete Ausbildung, bei denen die Ausbilder den Kampfgebieten nicht zu nahe kommen, was beispielsweise der deutschen Regierung am Herzen liegt, ist überhaupt nicht zu denken.

Knapp eine Woche nach dem Einmarsch französischer Truppen in Mali steht jedenfalls fest, dass die Franzosen in diesem Krieg vorerst auf sich allein gestellt sind. Hilfe können sie bestenfalls von den tschadischen Truppen erwarten. Doch die sind weithin für ihre exzessive Brutalität bekannt, so dass man mit ihnen eigentlich nicht zusammenarbeiten möchte. Und das nährt die Sorge, Frankreich habe sich in einen Konflikt verstrickt, der eine Nummer zu groß für die ehemalige Kolonialmacht ist. Alleine die geografische Ausdehnung des potentiellen Kampfgebietes ist atemraubend groß. Die amerikanische Regierung, so ist in Bamako zu hören, ist jedenfalls trotz ihrer Versicherung, den französischen Einsatz zu unterstützen, alles andere als glücklich damit, wenngleich sie eingesteht, dass es angesichts des Vormarsches der Islamisten keinen Raum mehr für Verhandlungen gab. Die Sorge der Amerikaner speist sich aus einer historischen Erfahrung. Als die französische Armee 1956 den Krieg in ihrer Kolonie Indochina verlor, mussten die Amerikaner einspringen. Daraus wurde der Vietnamkrieg.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

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