Der Geschichtspodcast :
Fragen und Antworten zu Fußball-WM 1978: Wenn der Torjubel im Folterkeller zu hören ist

Von
,
Stefan Stahlberg
Lesezeit:
Der argentinische Diktator Jorge Videla bei der Übergabe des WM-Pokals am 25.06.1978
dpa

WM 1978 in Argentinien: Der Militärdiktatur diente das Turnier als Bühne. Doch wurden FIFA und DFB ihrer Verantwortung gerecht? Und wie agiert die FIFA bei der WM 2026?

WM 1978 in Argentinien: Der Militärdiktatur diente das Turnier als Bühne. Doch wurden FIFA und DFB ihrer Verantwortung gerecht? Und wie agiert die FIFA bei der WM 2026? In der Q&A-Folge gehen wir wieder auf die Rückmeldungen der Hörer ein. Gemeinsam mit dem Historiker Stefan Rinke und dem Sportjournalisten Michael Horeni beantworten wir Hörerfragen zu Verantwortung und Wissen von Spielern, Funktionären und Bundesregierung. Was wussten Spieler wie Berti Vogts und was die Funktionäre? Hätte die Bundesregierung Elisabeth Käsemann retten können? Und wie nutzte die Militärjunta im Kalten Krieg den Antikommunismus zur Selbstinszenierung?

Hosts

Michael Götz (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Stefan Stahlberg (Konrad-Adenauer-Stiftung)

Gäste

Stefan Rinke, Professor für die Geschichte Lateinamerikas am Lateinamerika-Institut und an der Freien Universität Berlin

Michael Horeni, Sportjournalist

Ihre Meinung interessiert uns! Schreiben Sie uns gerne an podcast@faz.de oder schicken Sie uns eine Sprachnachricht an +49 172 – 778 2384. Die Fragen und Kommentare unserer Hörer besprechen wir kommenden Donnerstag in der Q&A-Folge – gemeinsam mit unseren Experten. Einsendungen können gekürzt oder auszugsweise im Podcast verwendet werden.

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Literatur

Archetti, Eduardo P.: „Argentina 1978. Military Nationalism, Football Essentialism, and Moral Ambivalence“; in: Tomlinson, Alan, Young, Christopher: National Identity and Global Sport Events. Culture, Politics, and Spectacle in the Olympics and the Football World Cup, Albany: State University of New York Press, 2006, S. 133–147.
Blaschke, Ronny: Buenos Dias Argentina: WM zwischen Triumph und Folter, Artikel auf bpb.de, 10. Juni 2018. Ehrhart, Hans-Georg: Fußball und Völkerverständigung, Artikel auf bpb.de, 4. Mai 2006.
David Gomez: From the Pitch to Power: Football and Politics in Latin America, Konrad-Adenauer-Stiftung, 2026. https://dialogopolitico.org/wp-content/uploads/2026/05/Football-and-politics-in-Latin-America-2026-Dialogo-Politico.pdf
Riekenberg, Michael: Kleine Geschichte Argentiniens, München: C.H. Beck, 2009.

TRANSKRIPT

Dieser Text ist das Ergebnis einer automatischen Transkription gesprochener Sprache und kann kleine Übersetzungsfehler enthalten. Bitte beachten Sie im Zweifel die Original-Audio-Datei anbei.

[00:04 Michael Götz] Herzlich willkommen zu unserer Q&A-Folge von der Geschichtspodcast, dem Podcast der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Konrad-Adenauer-Stiftung. Mein Name ist Michael Götz.

[00:13 Stefan Stahlberg] Und ich bin Stefan Stahlberg. Wir schauen heute zurück auf unsere Folge über die Fußballweltmeisterschaft 1978 in Argentinien. Und die Frage, die uns durch diese Episode getragen hat: Kann Fußball wirklich unpolitisch sein? Und wer profitiert eigentlich von dieser Behauptung?

[00:29 Michael Götz] Wir müssen erst mal vielen Dank an alle sagen, die uns geschrieben und kommentiert haben. Wir haben Ihre Fragen an unsere beiden Experten aus der Hauptfolge weitergegeben. Diesmal bewusst auch an beide, nämlich an den Historiker Professor Stefan Rinke und an den Sportjournalisten Michael Horeni und wir steigen direkt ein.

[00:45 Stefan Stahlberg] Bei der ersten Frage geht es um eine Unterscheidung, zu der uns mehrere Nachrichten erreicht haben.

[00:51 Michael Götz] Es geht Berti Vogts und die Spieler auf der einen Seite und die Funktionäre des DFB sowie die Politik auf der anderen. Die Frage lautet: Ist es historisch fair und richtig, diese beiden Gruppen unterschiedlich zu bewerten? Michael Horeni hat dazu Folgendes gesagt.

[01:05 Stefan Rinke] Das ist sogar notwendig, das zu unterscheiden. Ich hab mit Berti Vogts über 1978 Argentinien später auch mal persönlich noch mal gesprochen und da sagt er auch, dass er damals darüber überhaupt nicht informiert war, dass er gar keine Informationen darüber hatte. Wenn er über den Sachstand in Kenntnis gewesen wäre, hätte er auch damals, sagt er, auch anders reagiert, auch anders formuliert. Das war ihm ein bisschen unangenehm im Nachhinein, wie er sich dazu geäußert hat. Und das ist sehr unterschiedlich im Vergleich zu Hermann Neuberger, der über die Vorgänge ja bestens Bescheid wusste und auch die Frage, was da mit Frau Käsemann dort passiert ist. Das war ja, das war, das war ihm alles bekannt und da muss man schon sehr starke Unterschiede machen. Und da haben die Hörer, die darauf Wert legen, dass man das unterscheiden müsste zwischen Politik beziehungsweise Sportpolitikern oder Funktionären und den Spielern. Der Unterschied, den zu machen, der ist absolut notwendig und berechtigt.

[01:58 Michael Götz] Das ist ein wichtiger Punkt. Vogts wusste offenbar nichts. DFB-Präsident Neuberger war anscheinend gut informiert. In solchen Fällen kann man aber ja oft nicht genau klären, wer wann was wusste.

[02:07 Stefan Stahlberg] Und wer Bescheid weiß und trotzdem schweigt oder aktiv dafür sorgt, dass andere es nicht erfahren, trägt ja auf jeden Fall eine andere Verantwortung als jemand, dem Informationen vorenthalten werden. Das ist jetzt kein Freifahrtschein für die Spieler, aber es ist ein wichtiger Unterschied, find ich.

[02:24 Michael Götz] Und es wirft natürlich auch die nächste Frage auf, nämlich: Was wäre möglich gewesen, wenn man mehr gewusst hätte? Was hätte man denn tun können?

[02:32 Stefan Rinke] Ja, wir hatten ja in der Folge den, ähm, Fall Elisabeth Käsemann erwähnt, also die Tochter des deutschen Theologen Ernst Käsemann, die 1977 in Argentinien verhaftet und ermordet wurde. Und ein Hörer fragt nun sehr direkt, ob die Bundesregierung unter Helmut Schmidt sie hätte retten können und ob sie es womöglich versäumt hat.

[02:55 Michael Götz] Dazu hat uns Professor Rinke ausführlich geantwortet in zwei Teilen. Zunächst zur Frage, wer überhaupt in der Lage gewesen wäre, etwas zu tun.

[03:03 Stefan Rinke] Ich glaube, hier muss man zwischen formaler Macht und politisch symbolischem Einfluss unterscheiden. Die stärksten Handlungsmöglichkeiten lagen eindeutig bei den staatlichen Institutionen, Auswärtiges Amt, Botschaft und Bundesregierung, die alle hätten auf höchster Ebene intervenieren, die argentinische Regierung öffentlich unter Druck setzen und den Fall, äh, internationalisieren müssen und können. Das hätte vielleicht das Schicksal von Elisabeth Käsemann verändert. Der DFB und die einzelnen Spieler hatten keine vergleichbare staatliche Macht, aber sie waren keineswegs bedeutungslos. Das ist ganz klar. Gerade weil die argentinische Militärdiktatur den Fußball und später auch die WM zur internationalen Selbstdarstellung nutzte, waren Sportkontakte ein empfindlicher Punkt. Wenn man zum Beispiel ein Spiel abgesagt hätte, wenn man eine öffentliche Erklärung abgegeben hätte oder wenn man vor Kameras zum Beispiel nachgefragt hätte, was mit der Gefangenen ist. All das hätte, äh, die Propagandawirkung des Regimes empfindlich gestört und hätte auch den Druck sowohl auf die Bundesregierung in Deutschland als auch auf die Junta in Argentinien erhöht. Sport war auch in diesem Fall eben nicht unpolitisch, sondern Teil der politischen Bühne.

[04:20 Stefan Stahlberg] Die eigentliche Handlungsmacht liegt laut Rinke also bei der Bundesregierung. Aber auch der Fußball war alles andere als bedeutungslos. Das Regime brauchte die WM, das haben wir ja in der Folge ausführlich erzählt, als Bühne. Und wer auf dieser Bühne steht, der hat Einfluss. Und dann zur Kernfrage: Hätte Käsemann tatsächlich gerettet werden können? Dazu noch mal Stefan Rinke.

[04:44 Stefan Rinke] Vorsicht ist bei solchen Gegenwartsurteilen immer wichtig. Aber die These ist plausibel, dass ein früheres, entschlosseneres und vor allem auch höherrangiges Eingreifen ihre Überlebenschancen deutlich erhöht hätte. Sie war ja nach ihrer Entführung noch wochenlang am Leben und es, es gab auch Hinweise auf ihre Haft und, und internationale Appelle. Auch spätere Bewertungen aus Politik und Menschenrechtsarbeiten kamen dann zu dem Ergebnis, dass die Bundesrepublik mehr hätte tun können und wohl auch müssen. Deshalb würde ich sagen, nicht der DFB allein hätte Käsemann retten können, aber ein Zusammenspiel aus massiver diplomatischer Intervention, aus öffentlichem Druck und sportpolitischer Weigerung hätte die Handlungskosten für die Junta erhöht. Dass diese Möglichkeiten nicht ausgeschöpft worden, ist der zentrale historische Vorwurf.

[05:33 Michael Götz] Es ist immer nicht so einfach, darüber zu sprechen, wie die Geschichte ausgesehen hätte, wenn sie anders verlaufen wäre, aber es sieht schon danach aus, dass man nicht alles getan hat, was möglich gewesen wäre.

[05:42 Stefan Rinke] Und das ist, glaube ich, dieses Unbehagen, das die Hörer auch in ihren Nachrichten an uns formuliert haben.

[05:48 Michael Götz] Eine weitere Frage, die uns erreicht hat, geht in eine bisschen andere Richtung und betrifft auch die Gegenwart. Nämlich, gibt es so etwas wie eine Informationspflicht für Sportlerinnen und Sportler oder gab es die auch schon früher? Dinge, die man über ein Land wissen muss, in die man reist. Da geht es ja nicht nur die politische Lage, sondern manchmal auch schlicht um die Frage, wie man sich vor Ort richtig verhält, ohne seine Gastgeber vor den Kopf zu stoßen.

[06:09 Stefan Rinke] Das hat sich spätestens verändert unter Klinsmann. Kann mich noch daran erinnern, im Jahr zweitausendvier gab es 'ne Reise in den Iran und auch dort gab es dann auch politische Informationen über die Lage im Iran. Und zu allen politischen Fragen, die in den nächsten Jahren bei der Nationalmannschaft, wo es dann relevant geworden ist, gab es vorher Informationsveranstaltungen für die Spieler. Also das hat sich verändert. Also in den, in den Siebziger Jahren, über die wir ja damals gesprochen haben, über Argentinien, da hat so was nicht stattgefunden. Aber es hat dann zu 'nem späteren Zeitpunkt sind die Spieler über all diese Fragen, auch über Katar und Russland, darüber gab es vorher Informationen.

[06:48 Michael Götz] Das ist auf jeden Fall ein Fortschritt, aber natürlich ist damit noch nicht alles gelöst. Information ist das eine. Was man damit macht, ist eben das andere. Und mir kommt sofort der Gedanke, dass das ja nicht nur die Sportlerinnen und Sportler betrifft, sondern auch die mitreisenden Fans.

[07:02 Stefan Stahlberg] Kommen wir zur nächsten Frage. Die Junta hat sich bewusst als Teil der westlichen Wertegemeinschaft inszeniert und den Antikommunismus als Legitimation genutzt. Hat das damals im Westen verfangen, auch im deutschen Sportjournalismus? Und wurde die Diktatur irgendwie als in Anführungszeichen unsere Seite im Kalten Krieg wahrgenommen? Diese Frage beantwortet uns noch mal Stefan Rinke.

[07:27 Stefan Rinke] Das lässt sich nicht auf einen einzigen Faktor reduzieren. In Argentinien und auch in vielen anderen Ländern Lateinamerikas war Antikommunismus erst einmal ein innenpolitisches Herrschaftsinstrument. Das Militär und auch wirtschaftliche Interessengruppen, auch konservative Eliten, die alle deuteten soziale Proteste und Guerillagruppen, überhaupt auch linke Parteien unter dem Sammelbegriff der Subversion. Damit, äh, wurde ein sehr breites Spektrum politischer Gegner zu Feinden im Innern erklärt. Der Antikommunismus war auch stark ideologisch geprägt. Im Kalten Krieg hat sich die sogenannte Doktrin der nationalen Sicherheit verbreitet und das nicht nur in Lateinamerika. Also nicht mehr nur ein äußerer Feind galt als Bedrohung, sondern vor allem auch der innere Feind in der eigenen Gesellschaft. Damit ließ sich dann Repression oder Folter und sogar Mord als angebliche Verteidigung der Nation legitimieren. Eine bloße Sympathie mit dem Westen trifft es daher nur bedingt. Die Militärregimes verstanden sich zwar als Teil des antikommunistischen Lagers und suchten auch Rückendeckung durch westliche Staaten, aber sie waren nicht unbedingt Anhänger westlicher Demokratie oder liberaler Werte. Es handelt sich, sich vielmehr um eine Verbindung aus innenpolitischem Machtinteresse, autoritärer Ideologie und realpolitischer Einbindung in die westliche Ordnung des Kalten Kriegs. Deshalb war das Schweigen westlicher Regierungen auch so folgenreich, denn die Regimes konnten ihre Gewaltpolitik als Beitrag zum globalen Kampf gegen den Kommunismus darstellen und zugleich internationale Legitimation gewinnen.

[09:14 Michael Götz] Eine Hörerin fragt: „Ist Fußball auf so einer großen internationalen Ebene geradezu verdammt dazu, politisch missbraucht zu werden? Und wenn ja, liegt die einzige Chance auf wirklich unpolitischen Fußball vielleicht im Lokalen, im Vereinsfußball vor Ort?“ Dazu Michael Horeni.

[09:28 Michael Horeni] Na ja, im Lokalen engagiert sich dann eben nur der, der lokale Bäcker, der lokale Metzgermeister sozusagen, da findet alles im kleinen Rahmen statt. Der ist sicher dann deutlich unpolitischer oder er ist unpolitisch und das wird man dort auch sicher so finden, dass der Fußball in dieser Größenordnung, über die wir jetzt sprechen, dass der immer anfällig ist für politische Instrumentalisierung beziehungsweise dass das fast schon immanent ist. Da würde ich auch sagen, das ist in den meisten Fällen so und das haben wir auch bei den letzten großen Turnieren mehr oder weniger durchgängig erlebt, dass es zu politischen Diskussionen kommt und dass die zum Teil sehr, sehr schwierig zu führen sind und sich ja dann auch die Verbände da dort, wenn sie nicht gut vorbereitet sind, wir hatten--wir haben ja darüber gesprochen, wo sie sich zum Beispiel 2018 in Deutschland mit Erdoğan und Özil selbst aufs Glatteis geführt haben oder selbst diesen Dingen nicht gewachsen sind. Das war ja keine politische Diskussion, die aus dem Gastgeberland gekommen ist, auf die man sich sozusagen noch mal auf eine andere Art und Weise vorbereiten kann oder vorbereitet hat. Ich stelle mir aber auch vor, nur theoretisch, wenn sich auch deutsche Fußballspieler, Prominente, sozusagen explizit auch innenpolitisch stark äußern würden, da bin ich auch mal gespannt, wie so eine Diskussion verlaufen würde. Auch das ist ja auch alles vorstellbar. Und bei großen Turnieren ist der, glaube ich, der Lerneffekt jetzt zumindest mal mit Blick auf die deutsche Mannschaft sicher nach den Erfahrungen in Katar so stark, dass man sich so einer politischen Instrumentalisierung oder wenn man es auch selbst vielleicht sogar auch befürwortet hat, dem sich so bereitwillig nicht mehr hingeben wird. Und ich gehe davon aus, dass jetzt bei den Vereinigten Staaten, dass wir wenig politische Äußerungen dazu erleben werden, was natürlich dann auch wieder eine politische Äußerung ist, indem man sich eben nicht äußert. Man kann ja nicht nicht kommunizieren und das wird, glaube ich, in diesem Fall in Amerika sehr stark der Fall sein.

[11:18 Michael Götz] Man kann nicht nicht kommunizieren. Das bringt die Debatte auf den Punkt. Schweigen ist eben halt auch 'ne Haltung. Und das gilt für Spieler genauso wie für die Verbände. Und das führt uns auch schon zur nächsten Frage, die noch einmal nachgebohrt hat, was eigentlich mit Überpolitisierung gemeint ist. Das war der Begriff, den Michael Horeni unserer Hauptfolge benutzt hat und der offenbar für Diskussionsstoff gesorgt hat.

[11:39 Stefan Rinke] Mhm, genau. Eine Hörerin hat uns geschrieben, dass es sich ihr nicht ganz erschließt, inwieweit man von einer Überpolitisierung von Fußball sprechen kann. Und sie fragt, ob man damit nicht in die Karten der korrupten Machenschaften und Mächtigen hinter den Kulissen des Weltfußballs spielt, wenn man von einer Überpolitisierung des ohnehin Politischen spricht. Michael Horeni hat das jetzt konkretisiert, was er damit meint.

[12:06 Michael Horeni] Mein Punkt war bei der Überpolitisierung, da habe ich vor allen Dingen an dieses Spiel in Deutschland 2021 zwischen Deutschland und Ungarn gedacht, wo es eben diese Proteste gab, angeregt als Protest von der Münchner oder zumindest von der lokalen Politik, dieses Spiel als Protest gegen die Maßnahmen der ungarischen Regierung in der Innenpolitik zu benutzen.Und diese, diese Stimmung, die es dort gegeben hat, also man kann das natürlich ins, ins Positive drehen, dass man für Freiheitsrechte, für Minderheitenrechte, für sexuelle Freiheiten, dafür kann man ja alles sein, aber das wurde ja ins Gegenteil, das wurde ja sozusagen im, im, alles negativ ausgelegt, was Ungarn dort gemacht hat und, und beschlossen hat. Und diese Stimmung hat sich massiv während des Spiels gezeigt und das halte ich für 'ne Überpolitisierung, wenn man sich ein Stück weit willkürlich ein innenpolitisches Thema eines Landes bemächtigt, um daraus dann auch innenpolitisch selbst Kapital zu schlagen und dann 'ne Politisierung auch der Zuschauer stattfindet, die sich dann auf das Spielfeld überträgt, dass man kritisch gegenüber Gastgeber Russland sein kann, sein soll, dass man seine politische Meinung zu, zu den USA und zu schwierigen Gastgebern haben kann, die wir sicher alle noch, noch mal haben werden, weil das ist ja nicht die letzte Weltmeisterschaft, die stattfinden wird. Das ist wieder auf einer anderen Ebene, sondern ich meinte das wirklich sehr speziell, wenn es in solche Fragen geht, die dann auch innenpolitisch sehr stark ausgenutzt werden. Und ich hatte auch ein Stück weit den Eindruck, dass das eben auch in der Diskussion um Katar so gewesen ist, dass es dort einen starken innenpolitischen Impuls auch der deutschen Regierung gegeben hat, sich dieses Themas zu bemächtigen und damit auch eine Instrumentalisierung des Fußballs herbeigeführt hat, die stark eben innenpolitisch getrieben war. Und man hat ja auch später das Verhalten dann auch der Regierung gesehen, als wir dann diese, die Schwierigkeiten hatten, als dann Habeck dann auch in Katar aufgetreten ist. Da war ja von, von Kritik an, an dem Regime in dem Moment, wo es um Energielieferung ging, war das kein Thema mehr. Also auch wenn dann eben auch unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden, also wenn der Fußball politischer sein soll als die Politik, dann glaube ich, dann wird's schwierig.

[14:15 Stefan Stahlberg] Eine weitere Frage ist die des Antisemitismus und des Rassismus auf dem Platz und auf den Rängen. Das ist nämlich kein historisches Phänomen. Gefragt wird nach der Rolle von Bildungsprogrammen für Spielerinnen und Spieler. Was wissen wir darüber, ob solche Programme wirken und hilft ein Programm für die Spielerinnen und Spieler überhaupt?

[14:37 Michael Götz] Horini differenziert hier sehr genau zwischen zwei verschiedenen Ebenen.

[14:41 Michael Horeni] Das sind zwei verschiedene Schuhe, das würde ich auch sagen. Also die Spieler, wie gesagt, die werden informiert darüber, wie die politischen Lagen sind, wo die Problemlagen sind und das findet statt. Das ist jetzt 'ne Grundinformation, die geliefert wird. Ob das für 'ne Diskussion reicht, wenn wir bei den Spielern bleiben, es bleibt eben auch jedem Spieler überlassen, ob er sich da politisch äußern will. Es ist ja natürlich auch 'ne berechtigte Frage: Muss sich jeder Fußballspieler zu jedem politischen Problem äußern? Ist das eigentlich seine Aufgabe? Und im Podcast hatten wir jetzt glaube ich auch besprochen, sobald es dort 'ne persönlichen Bezug gibt, ob das jetzt zum Thema Rassismus ist, da ist es ja ganz klar, wenn das 'ne Mannschaft betrifft, wenn das einzelne Spieler betrifft, dass es dort 'nen Bezug zu gibt. Aber wenn es allgemeinere politische Fragen sind, ob das jetzt, wie wir es in Russland hatten, der Invasion oder mit anderen Fragen, die damit zusammenhängen mit Katar, ob da die Spieler die, die richtigen Ansprechpartner für so etwas sind. Da würde ich auch an der einen oder anderen Stelle auch ein Fragezeichen hin machen. Aber in dem Moment, wo sie es tatsächlich selbst betrifft, ist es nicht nur günstig, sondern auch wünschenswert, dass die Spieler sich äußern. Bei der Rassismusfrage, Sie haben das ja auch erlebt, jetzt werden wir internationaler nach diesen verschossenen Elfmetern der Engländer im Finale der Europameisterschaft. Da gab es auch 'ne sehr starke Diskussion gegen Rassismus, die angestoßen worden ist, auch von der englischen Nationalmannschaft, auch vom damaligen Trainer Southgate, die dann auch 'ne starke innenpolitische Wirkung gehabt hat. Das sind natürlich dann noch mal Fragen, die, die tiefer gehen und die die Spieler dann auch wirklich im Kern berühren. Und das ist noch mal eine andere politische Diskussion als 'ne weltpolitische Einordnung von wie ist die Lage in den USA jetzt zum Beispiel.

[16:17 Michael Götz] Und damit kommen wir zur letzten Frage und das ist vielleicht die aktuellste, denn sie betrifft direkt die WM 2026, die ja gerade kurz bevorsteht.

[16:26 Stefan Rinke] Der somalische Schiedsrichter Omar Arthan wurde bei der Einreise in die USA abgewiesen. Er hatte nach somalischen Angaben ein gültiges Visum, laut Berichten sogar einen Diplomatenpass. Er ist einer von zweiundfünfzig von der FIFA nominierten Schiedsrichtern für diese WM und die FIFA hat einfach nur bestätigt, dass Arthan wegen der nicht ermöglichten Einreise jetzt nicht an der WM teilnehmen kann.

[16:50 Michael Götz] Und 2017, als es um die Vergabe der WM ging, hatte die FIFA noch erklärt, es darf keine Diskriminierung bei der Einreise von WM-Teilnehmern geben. Das war eine der Voraussetzungen bei der Ausschreibung. Jetzt hält die FIFA sich raus und erklärt, die FIFA ist nicht an Einwanderungsprozessen der Gastgeberländer beteiligt. Letztlich entscheidet die Regierung des Gastgeberlandes, wer in das Land reisen darf.

[17:12 Michael Horeni] Und da lautet natürlich die Frage: Wieso schafft es die FIFA bei einem internationalen Turnier, das Länder miteinander verbinden soll, nicht einmal die Einreise der Unparteiischen zu gewährleisten und sich dafür einzusetzen?

[17:26 Michael Götz] Michael Horini hat das, äh, sehr klar bewertet.

[17:29 Michael Horeni] Das ist der Informationsstand, den ich auch habe und Sie sagen oder Sie deuten es zu Recht an, das ist ein skandalöser Zustand. Der Verband muss in der Lage sein, Einreisegenehmigungen für alle seine Aktiven, zu denen auch die Schiedsrichter gehören. Das muss auch formell festgeschrieben sein, dass das möglich ist. Das ist 'ne Grundvoraussetzung, um überhaupt ein Sportereignis in ein Land zu vergeben, dass diejenigen, die daran teilnehmen sollen, auch daran teilnehmen dürfen. Außer sie haben sich tatsächlich etwas zuschulden kommen lassen. Das scheint aber in diesem Fall bei dieser Person nicht der Fall zu sein. Ich glaube, es wäre auch der erste Schiedsrichter aus Somalia gewesen, der bei einer Weltmeisterschaft daran beteiligt ist. Das ist ja auch noch mal ein besonderer Aspekt, dass jetzt ausgerechnet nicht möglich ist. Und es scheint ja, wenn man diesen Nachrichtenstand glauben schenken darf, scheint es auch 'ne gewisse Willkür zu sein. Das scheint zumindest nahezuliegen, weil ja keine konkreten Vorwürfe genannt werden, sondern es wird ja nur abstrakt genannt, dass der jetzt nicht diesen Regularien entspricht, die für die Einwanderung notwendig sind und dass sich dieser Stand auch absehbar nicht ändern wird. Aber auf welcher Entscheidungsgrundlage, auf welchem Argument sich nun diese Entscheidung stützt, das ist bisher ja nicht transparent. Normalerweise müsste ein Verband, der autonom sein will oder autonom ist in meisten Fällen, wenn man sich erinnert, welche Hebel die FIFA hat, um, um Markenrechte durchzusetzen für ihre Sponsoren und es jetzt nicht schafft, ihre Teilnehmer vor Ort an den Start zu bringen, dann ist das ein Zustand, der, ja, der ist beispiellos.

[18:56 Michael Götz] Und da schließt sich für mich wieder der Kreis zu 1978. Die FIFA war auch damals nicht ohnmächtig. Havelange stand auf dem Podium in Buenos Aires und dankte der Junta für die hervorragende Organisation. Auch das war eine Entscheidung. Wie gesagt, ich weise noch mal drauf hin. Natürlich sind wir jetzt in einer anderen Lage vor der WM 2026. Darauf haben wir in der Hauptfolge sehr offen hingewiesen.

[19:18 Stefan Rinke] Genau, wir sind in einer anderen Lage. Es hat sich einiges verändert. Die Transparenz, die Geschwindigkeit der Information, die Öffentlichkeit, die Druck aufbauen kann. Was sich aber anscheinend nicht verändert hat, ist die Bereitschaft der FIFA, sich in solchen Fällen, wo es dann mal kritisch wird, ähm, wirklich gegen Gastgeberländer zu stellen.

[19:37 Michael Götz] Damit sind wir jetzt auch am Ende der Fragen angekommen. Vielen Dank an Professor Stephan Rinke und Michael Horini, die sich die Zeit genommen haben, Ihre Fragen zu beantworten und vielen Dank an Sie alle, die uns geschrieben haben. Falls Sie noch weitere Fragen, Beobachtungen oder Einschätzungen haben, schreiben Sie uns gerne an podcast@faz.de.

[19:54 Stefan Stahlberg] Wir verabschieden uns für heute. Bis zum nächsten Mal. Mein Name ist Stefan Stahlberg.

[19:59 Michael Götz] Und ich bin Michael Götz. Machen Sie's gut. Bis zum nächsten Mal.

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