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Analyse zum Militärputsch : Burma, das geschundene Land

Burmas Staatsrätin Aung San Suu Kyi verlässt die Bühne nach einer Rede (Aufnahme von 2017). Bild: Soe Zeya Tun/Reuters

Schon Corona hat die Schwächen in der Entwicklung Burmas gnadenlos offengelegt. Nach dem Staatsstreich steht die EU nun vor einem Scherbenhaufen in der Region, Peking gewinnt weiter an Einfluss.

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          Nach der Festnahme von Staatsrätin Aung San Suu Kyi und Präsident Win Myint am Montagmorgen in Burma (Myanmar) scheint das Militär durchregieren zu wollen. Seine Macht hat es nie abgegeben, das Volk aber hatte bei der Wahl im November den Einfluss der Generäle deutlich weiter verringert. Das Land trieb dabei immer tiefer in eine Wirtschafts- und Corona-Krise. Selbst Ausländer, die seit langen Jahren in dem Land gearbeitet hatten, verließen es spätestens vor einigen Wochen und zogen sich etwa nach Singapur zurück.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Nach dem ersten Militärcoup seit 1988 rief die Partei von Suu Kyi, die Nationale Liga für Demokratie (NLD) am Montagmorgen in Asien die internationale Gemeinschaft dazu auf, die „Demokratie in Myanmar“ zu schützen. Die Telefonleitungen nach Burma wurden am Morgen in Asien unterbrochen, der Zugang zum Internet sollte folgen. Dabei war zunächst noch offen, wie weit die Militärs gehen und welchen Weg sie wählen würden, um ihre Macht zu sichern.

          Die Militärs haben ihren Einflussverlust nicht verwunden. Ihr Putsch trifft Burma in einem Moment der Schwäche. Mit offiziell gut 140.000 Corona-Fällen steht es zwar auf den ersten Blick noch relativ gut da; der Vergleich mit Nachbarländern wie Thailand mit knapp 19.000 Ansteckungen oder gar Vietnam mit nur 1800 Infektionen relativiert dieses Bild aber.

          Die burmesische Wirtschaft leidet massiv. Über Wochen hatten in der Metropole Rangun zahlreiche Geschäfte, Schulen und Kindergärten geschlossen. Viele der Fabriken, insbesondere im Textilbereich, haben ihre Arbeiter entlassen. Der Tourismus ist am Ende. Immer wieder kam es zu Berichten, dass Menschen in den Slums gezwungen seien, Reptilien, manchmal auch Ratten zu essen. Die Katastrophe zog sich über Monate hin.

          Die Europäische Union spürt nun den neuen, alten Wind: Ihre Diplomaten sprachen immer noch von der Perspektive, nach Singapur und Vietnam schließlich ein Freihandelsabkommen mit dem ganzen südostasiatischen Staatenbund Asean abzuschließen, dem Burma angehört. Doch schon die zweitgrößte Volkswirtschaft der Region, Thailand, wird von zivilgewandeten Militärs und einem mehr als umstrittenen König geführt. Und mit Indonesien, als Demokratie und führende Wirtschaftskraft der Region, gerät Brüssel über die Auseinandersetzungen um Palmöl und nun auch Nickel immer weiter aneinander.

          China profitiert

          Gewinner des Umsturzes wird hingegen einmal mehr Peking sein. Der riesige Nachbar bestimmt schon seit Jahrzehnten mit dem Militär den nördlichen Teil Burmas. Offiziere erhalten keine Pension, wohl aber Schürfrechte an Minen, deren Aushub sie dann nach China verschachern. Die aufständischen Gruppen mit ihren eigenen, oft gut ausgerüsteten Kräften, mit denen Suun Kyi nie ein Ausgleich gelang, werden von den Chinesen gefördert – auch um den Handel mit Waffen, Drogen und Frauen am Leben zu erhalten.

          Unter dem Siegel der Infrastrukturinitiative der Neuen Seidenstraße entstehen entlang der burmesischen Grenze weitere Zocker- und Prostitutionsstädte für Chinesen. Mit den Generälen an der Macht gerät Burma in sofortige Abhängigkeit seines „natürlichen“ Partners China, das keinerlei Berührungsängste zeigt, sondern von einem strikt geführten Regime im rohstoffreichen Nachbarland mit strategisch wichtigem Zugang zur Bucht von Bengalen und damit Indiens Vorhof profitiert und es entsprechend schnell fördern wird.

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