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Nach den Anschlägen in Brüssel : Der islamisch-christliche Dialog bleibt unverzichtbar

  • -Aktualisiert am

Papst Benedikt XVI lebte es vor: Er traf Vetreter des Islam, um „sich gegenseitig besser zu verstehen“. Bild: dpa

Auch wenn es nach den Anschlägen in Brüssel schwer fällt: Zu Versöhnung und Verständigung zwischen den Religionen gibt es keine Alternative. Ein Gastbeitrag.

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          Unter Berufung auf ihren Glauben morden fanatische Islamisten nicht allein mehr in Syrien, Irak oder Nigeria, sondern sogar mitten im Herzen Europas, erst in Paris, jetzt in Brüssel. Zuerst gilt hier unser Mitgefühl allen Opfern dieses Anschlags und ihren Angehörigen. Dann aber müssen wir nachdenken, wie wir mit dieser Gewalt umgehen. Eine Antwort ist: Nach Brüssel ist der islamisch-christliche Dialog wichtiger denn je. Warum das aus christlicher Sicht – wir stehen in der Karwoche und kurz vor Ostern – notwendig ist, müssen wir den Menschen erklären. Denn es ist ja verständlich, dass viele Menschen in Europa auf diesen und andere Anschläge mit Angst, Abwehrreflexen und Rufen nach Abschottung reagieren.

          Prälat Klaus Krämer ist Präsident des Internationalen Katholischen Missionswerks „Missio“.

          So tritt uns politisch der Islam heute vielfach als Religion der Gewalt gegenüber – wie sollte da ein interreligiöser Dialog möglich und fruchtbringend sein? Das Christentum, so sagen einige, sei durch das läuternde und reinigende Feuer der Aufklärung gegangen, und darum heute eine Religion des Friedens und der Versöhnung. An der Wurzel des Islams stehe ein Religionsstifter, der zugleich Heerführer und Kriegsherr war, sagen andere, während doch Jesus Christus lehrte, auch die Feinde zu lieben und den Verfolgern Gutes zu tun. In der Tat: Mit Blick auf das Kreuz Christi können die Christen aller Zeiten lernen, zu lieben statt zu hassen, lieber zu leiden als andere leiden zu machen, eher zu sterben als zu töten. Die Märtyrer der Christenheit wurden gehasst ohne zu hassen, nahmen für ihren Glauben den Tod auf sich ohne selbst zu töten.

          Der Karfreitag hält auch angesichts der Ereignisse in Brüssel eine Botschaft bereit: Angesichts von Hass, Verfolgung und Vorurteilen mag es menschlich betrachtet schwer, politisch betrachtet vielleicht sogar widersinnig sein, an Versöhnung und Verständigung festzuhalten. Und doch gibt es aus christlicher Sicht dazu keine Alternative: Es ist die Treue zum Evangelium selbst, die Christen dazu verpflichtet, in jedem Menschen ein geliebtes Kind Gottes zu sehen, das in der Annahme dieser Liebe seine Erlösung erfährt. Dazu aber braucht es den „Dialog des Lebens“, in dem zum Beispiel Christen in muslimischen Gesellschaften des Orients seit Jahrhunderten schlicht und einfach durch ihr Leben die Botschaft Christi bezeugten und bezeugen. Sie wollten nie in geschlossene, homogene Reservate gesperrt und abgesondert von ihren muslimischen Brüdern und Schwestern leben, sondern „Kirche im Islam“ sein, wie der melkitische Patriarch Gregorios III. formuliert. „Ihr seid das Salz der Erde“ und „Ihr seid das Licht der Welt“, sagt Jesus und macht Christen damit klar, dass sie keine selbstgenügsame Existenz leben dürfen, sondern eine Rolle für die Gesellschaften haben, in denen sie leben.

          Wieviel Konsens ist notwendig?

          Zum „Dialog des Lebens“ gehört der Dialog über ethische Fragen: Mehr denn je fordern die Entwicklungen der Globalisierung und der internationalen Verflechtungen von der Menschheit eine Verständigung über Gerechtigkeit, Solidarität, Entwicklung und Frieden. Das entzieht dem Extremismus langfristig den Nährboden. Dass unsere Gesellschaften vielfältiger und „bunter“ werden, macht einen intensivierten Dialog über Koexistenz-Regeln unausweichlich: Wieviel Verschiedenheit in Glaube, Weltanschauung und Lebensstil vertragen unsere Rechtsstaaten und unser gesellschaftlicher Frieden? Wieviel Konsens in den Werten, Rechtsauffassungen und gesellschaftlichen Visionen ist notwendig, damit die Zentrifugalkräfte unsere Gesellschaften nicht zerreißen?

          Bei seinem Besuch in Deutschland lud der emeritierte Papst Benedikt XVI. in der Berliner Nuntiatur die Vertreter des Islams ein, „dass wir als Menschen des Glaubens unseren besonderen Beitrag für den Aufbau einer besseren Welt leisten“. Diese Einladung ist heute aus mehreren Gründen wichtig: Erstens weil sie Christen und Muslimen in Erinnerung ruft, dass sie für ihr Wirken in der Welt eine Verantwortung vor Gott tragen, zweitens weil sie die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit allen bekundet, die am Aufbau einer besseren Welt mitarbeiten – und drittens, weil sie den Blick darauf lenkt, dass die terroristischen Gewalttäter und islamistischen Fanatiker nur eine Minderheit innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft sind. Die Einladung zum Dialog und zur Zusammenarbeit in der Weltgestaltung ist auch unverzichtbar, weil wir der großen Mehrheit der friedliebenden Muslime damit unsere Solidarität zeigen im Ringen um die Deutungshoheit über den Islam als Religion. Wenn in diesem Ringen jene siegen, die aus dem Islam eine totalitäre Ideologie zu machen versuchen, dann ist der viel zitierte „Clash of Civilizations“ tatsächlich unvermeidbar.

          Eine weitere Ebene im interreligiösen Dialog darf – so schwierig sie scheinen mag – nicht ausgeklammert werden. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil haben die Päpste auch den Dialog über theologische Fragen gesucht, das gemeinsame Fragen nach der Wahrheit Gottes und des Menschen. In vielen Ländern der Welt ist diese Form des Dialogs undenkbar. Umso dringlicher ist sie dort, wo sie möglich ist. In gegenseitiger Achtung und Wertschätzung dürfen Christen und Muslime darüber nachdenken, worin der Wille Gottes für Seine Schöpfung besteht, und wie Religion der Würde des Menschen dienen kann. Bei seinem Besuch im Diyanet, dem türkischen Amt für Religionsangelegenheiten in Ankara, erinnerte der frühere Papst  Benedikt XVI. einst an den „sakralen Charakter der Würde des Menschen“ und forderte zur christlich-muslimischen Zusammenarbeit auf, „um so der Gesellschaft zu helfen, sich dem Transzendenten zu öffnen“. Der Blick auf Gott und auf die gottgegebene Würde des Menschen wird heute von jenen Kräften verdunkelt, die anstelle des Dialogs die Sprache der Gewalt gewählt haben. Brüssel mahnt uns, nicht selbst die Sprache der Abgrenzung und Gegengewalt zu wählen.

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