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Piratenpartei : Jung, männlich, gottlos

Linke und avantgardistische Ziele haben sich die Piraten auf ihre Fahnen geschrieben Bild: dapd

Mit maskulinem Charme: Die Wähler der Piratenpartei lassen sich nicht auf einer Links-Rechts-Skala verorten, sind aber dennoch klar zuzuordnen. Wie einst die Wähler der Grünen.

          Im September 2011 wurde in zwei Ländern ein neues Parlament gewählt, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Am 4. September war Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, nach Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung das Schlusslicht unter den neuen Ländern, zwei Wochen später wurde in Berlin gewählt, der größten unter den deutschen Großstädten. Schon mit der Veröffentlichung der Prognosen um 18 Uhr war jeweils klar, dass die FDP in beiden Ländern an der Fünf-Prozent-Klausel gescheitert war. Ansonsten nahm es nicht weiter wunder, dass die Wahlbürger in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin reichlich unterschiedliche Vorlieben hatten - vor allem hinsichtlich der Piratenpartei. In Berlin übertrafen die Piraten mit 130 000 Zweitstimmen und einem Anteil von 8,9 Prozent die kühnsten Erwartungen. Im Nordosten waren auf die Piraten gerade einmal 12 700 Zweitstimmen entfallen. Mit einem Stimmenanteil von 1,9 Prozent gingen die Piraten in der Sammelkategorie „Sonstige“ unter.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Nonkonformistische Urbanität gegen erdenschwere Melancholie - erste Analysen deuteten darauf hin, dass die Piratenpartei ein ureigenes Berliner Gewächs sei: Nach der Bundestagswahl 2005 in Berlin gegründet, im Protest gegen Personen („Zensursula“) und Programme der Bundespolitik (Sperren beziehungsweise Löschen von Kinderpornographie) gewachsen, in der Bundeshauptstadt im September 2009 mit dem besten Landesergebnis weit und breit, jetzt in Berlin erstmals in einem Landesparlament.

          Nichts macht so erfolgreich wie der Erfolg

          Bis in Kleidung und Habitus der Kandidaten hinein schienen die Piraten als Verkörperung des Lebensgefühls jener ersten Generation von Großstadtkindern. Diese Erklärung hatte freilich nicht lange Bestand. Denn kaum ein halbes Jahr später erzielten die Piraten in der ersten Landtagswahl des Jahres 2012 ein Ergebnis, das sich von dem in Berlin nur in Nuancen unterscheidet. Und das nicht irgendwo, sondern im Saarland, dem kleinsten und sozialstrukturell traditionellsten unter den westdeutschen Flächenländern, gewissermaßen dem Vorpommern des Westens.

          Sicher, nichts macht so erfolgreich wie der Erfolg, zumal die Piraten als zunächst ideologisch unbelastete Partei zum Lieblingsthema vieler Medien avanciert waren. Und sicher hatte in Berlin wie im Saarland den Piraten der Umstand Rückenwind verschafft, dass beide Wahlen im vorhinein entschieden schienen. In Berlin war alles andere als eine rot-grüne Koalition praktisch ausgeschlossen, im Saarland hatten sich SPD und CDU vorab auf ein Regierungsbündnis festgelegt. Wer aber in Berlin nicht für einen Senat unter Klaus Wowereit stimmen oder im Saarland „Sie oder Er“ spielen wollte, der blieb zu Hause - oder er zeigte mit seiner Stimme für die Piraten, dass Opposition alles andere als Mist ist.

          Auf diesen Gedanken kamen in Berlin wie im Saarland nicht zuletzt Bürger, die an der Wahl zuvor nicht teilgenommen hatten. In Berlin waren nach Berechnungen von infratest-dimap 23000 der 130000 Piraten-Wähler vormalige Nichtwähler, im Saarland 8000 von 35500. Ähnliche Effekte konnten in den Landtagswahlen der zurückliegenden Jahrzehnte bestenfalls populistische beziehungsweise rechtsradikale Parteien von „Statt-Partei“ oder „Schill“ in Hamburg über die „Republikaner“ und die DVU bis zur NPD erzielen. Doch deutet derzeit nichts daraufhin, dass die Piraten es ihnen auch in der Hinsicht gleichtun könnten, dass sie nach wenigen Jahren wieder von der Bildfläche verschwinden.

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