LeserBriefe : 19. November 2025

Gastbeitrag von Niall Ferguson und Moritz Schularick +++ Wehrpflicht-Debatte +++ Geld für Afghanen
Wie die Zeitenwende gelingen kann
Dem Beitrag „Arsenal der Demokratie“ von Niall Ferguson und Moritz Schularick in der F.A.Z. vom 3. November kann man nur zustimmen und auf intensive Auswertung in der Bundesregierung hoffen. Das derzeitige Schneckentempo unserer Industrie im Wiederaufbau von Bewaffnung und Ausrüstung der Bundeswehr muss dringend und schnellstens überwunden werden, denn angesichts der überdimensionierten russischen Rüstung und des verstärkten Aufbaus der russischen Streitkräfte ist keine Zeit zu verlieren. Es muss Russland die Option verwehrt werden, durch schnelles Handeln in sehr begrenzten Operationen die Unfähigkeit der NATO, geschlossen und entschlossen zu reagieren, zu belegen.
Solche Optionen bestehen bei dem derzeitigen schleppenden Tempo angesichts der Uneinigkeit der Europäer und der bedauerlichen Unberechenbarkeit der USA, und das nicht erst ab 2030. Mit europäischem Handeln allein, wie es die Verfasser fordern, ist es nicht getan, denn in Schlüsseltechnologien hinkt Europa einfach hinterher, vor allem in der Integration und Vernetzung von Systemen und deren Verbindung mit Künstlicher Intelligenz. Es muss also für eine Übergangszeit dort gekauft werden, wo schnell das beste Material verfügbar ist. Gleichzeitig muss, wie die Verfasser es fordern, eine nach vorne gerichtete europäische Innovationslawine gestartet werden.
Dazu ist ein Element erforderlich, das die Verfasser nicht erwähnen: Von der Bundeswehr ist zu verlangen, ein nach vorne gerichtetes Bild künftiger Kriege zu entwerfen und daraus die Forderungen an das Wehrmaterial der Zukunft abzuleiten. Die Erfahrungen aus der Ukraine können dort mehr als hilfreich sein. Allein die Tatsache, dass in der Ukraine in einem Brigadesektor in einem Monat mehrere Tausend Drohnen verschossen werden, zeigt, dass wir noch nicht verstanden haben, was moderner Krieg mit teilautonomen Waffensystemen bedeutet. Hinzu kommt das Nachahmung verdienende System der Ukraine, erste Tranchen ausgelieferter Waffensysteme nach ersten Einsatz im Kampf kontinuierlich weiter zu verbessern, statt, wie bislang üblich, auf die Bestellung großer Stückzahlen und deren Auslieferung in mehreren Jahren zu setzen. Die Konsequenz könnte sein, künftige Waffensysteme modular aufzubauen und trotz mancher Probleme für die Logistik von Auslieferungtranche zur Auslieferungtranche zu verbessern.
Das von den Verfassern angeregte „Defence Industrial Board“ sollte deshalb ergänzt werden um ein „Future Military Requirements Board“. Angesichts der vielfältigen Felder schnellen technischen Fortschritts von neuen Werkstoffen, der Nanotechnologie und der Künstlichen Intelligenz ist die Zeit vorbei, in der man Waffensysteme nach Abschluss ihrer ersten Entwicklungsstufe in relativ großer Stückzahl bestellt und dann im Einsatz feststellt, dass sie schon überholt sind. Würde man derartige Schritte gehen und zusätzlich die durchaus mögliche weitere Beschleunigung der Beschaffungsverfahren und die erforderliche Flexibilisierung der Bewilligungsverfahren im Parlament einleiten, dann könnte man vermutlich in der Rüstungsindustrie die überfällige Zeitenwende einleiten. Wenn Deutschland wirklich in Europa führen will, dann sollte es, wie die Verfasser es fordern, Vorreiter werden.
Dr. h. c. Klaus Naumann, General a. D., Otterfing





