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Juan Carlos verlässt Spanien : Felipe und der lange Schatten des Vaters

Juan Carlos (Mitte) mit seinem Sohn Felipe und dessen Frau Letizia. Bild: AFP

Der frühere spanische König Juan Carlos hat wegen der Korruptionsvorwürfe gegen ihn das Land verlassen. König Felipes Kampf um die Zukunft der spanischen Monarchie ist damit noch nicht zu Ende.

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          Der Abschiedsbrief beginnt mit den Worten „Majestät, lieber Felipe“. Er ist nur 16 Zeilen lang. Als das Königshaus ihn am Montagabend veröffentlichte, hatte Juan Carlos Spanien schon verlassen – unbemerkt durch eine Hintertüre des Zarzuela-Palasts. 58 Jahre hatte er dort mit seiner Familie gewohnt. Sein Sohn Felipe wuchs in der königlichen Residenz am Stadtrand von Madrid auf, wie seine Enkelin Leonor, die Kronprinzessin.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Viel weiter als jetzt konnte sich Juan Carlos nicht von seiner Familie und dem Land entfernen, in dem er fast vierzig Jahre König war: Am Dienstag mehrten sich die Hinweise darauf, dass er sich vorerst in der Dominikanischen Republik niederlässt. Dort lebt Pepe Fanjul, einer seiner engsten Freunde, den er auch schon als seinen „Bruder“ bezeichnete. Der Kubaner spanischer Herkunft ist im Zuckergeschäft reich geworden. Treffen die Meldungen zu, wird es Juan Carlos auf der Karibikinsel nicht schlechtgehen. Pepe Fanjul besitzt dort ein Luxusresort und mehrere Villen.

          Größer kann der Sicherheitsabstand zwischen den beiden spanischen Königen kaum sein. Es ist Tradition, dass sich Felipe nicht öffentlich zu Familienangelegenheiten äußert. Aber dem knappen Kommuniqué aus dem Königshaus ist seine Erleichterung anzumerken. Es übermittelt dem Vater den „aufrichtigen Respekt und Dankbarkeit für seine Entscheidung“. Andernfalls hätte der Sohn den schmerzhaften Schritt unternehmen und Juan Carlos auffordern müssen, die Familienresidenz zu verlassen. Der politische Druck war von Tag zu Tag gewachsen, seit immer mehr Einzelheiten zu den Korruptionsvorwürfen gegen den Monarchen bekanntwurden. Die bisherigen Brandmauern, die Felipe errichtet hatte, um die Monarchie zu schützen, waren nicht mehr hoch genug.

          Das lag auch an Ministerpräsident Pedro Sánchez. So deutlich wie kein Regierungschef zuvor hatte er über den emeritierten König gesagt: „Die beunruhigenden Informationen verstören uns alle.“ Das Königshaus müsse den Spaniern ein Vorbild sein. Am Dienstag trat der Sozialist dann als überzeugter Monarchist vor die Öffentlichkeit und bekundete seinen „absoluten Respekt für die Entscheidungen des Königshauses“, das sich von einem möglicherweise verwerflichen Verhalten eines Mitglieds distanziere. In Spanien habe es Korruption gegeben, die jedoch nicht das politische System in Frage stelle. Geurteilt werde nicht über Institutionen, sondern über Personen. Für wichtig hält er, dass Juan Carlos gesagt habe, er stehe „wie jeder andere Mensch der Justiz zur Verfügung“.

          Lesen Sie hier einen aktuellen Text über den Sommerurlaub der Königsfamilie – ohne Juan Carlos.

          Sánchez’ Stellvertreter Pablo Iglesias hatte zuvor schon zufrieden mitgeteilt, dass in der spanischen Gesellschaft die „Debatte über den Nutzen der Monarchie“ zunehme. Juan Carlos’ Abreise nannte er – wie andere linke Politiker – eine „Flucht“, die eines Staatschefs nicht würdig sei und die Monarchie kompromittiere. Katalanische Separatisten und baskische Nationalisten reicht die Distanzierung zum emeritierten Monarchen nicht aus. Er müsse sich wegen der Korruptionsvorwürfe der spanischen Justiz stellen, verlangt der katalanische Linksrepublikaner (ERC) Gabriel Rufián. Notfalls sollte man Juan Carlos den Reisepass entziehen. Hämisch ist unter Befürwortern einer katalanischen Republik die Hoffnung zu hören, dass er sicher nicht der letzte Bourbone sein werde, der flieht.

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