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Moskau spricht von „Terrorakt“ : Türkischer Polizist erschießt russischen Botschafter in Ankara

  • Aktualisiert am

Der russische Botschafter Karlow hielt während der Ausstellungseröffnung eine Rede. Bild: AP

Der russische Botschafter in der Türkei ist nach einem Anschlag in Ankara am Montagabend gestorben. Der Attentäter war ein türkischer Polizist. Moskau spricht von einem „Terrorakt“ und will gemeinsam mit der Türkei ermitteln.

          Die Schüsse trafen den russischen Diplomaten von hinten. Botschafter Andrej Karlow eröffnete in Ankara gerade eine Ausstellung „Russland, wie es von den Türken gesehen wird“, da brach er am Rednerpult tödlich getroffen zusammen. Aufnahmen zeigen, wie der Attentäter, ein 22-jähriger türkischer Polizist im Zivilanzug, immer wieder „Allahu Akbar“ - Gott ist groß - ruft, während Karlow leblos auf dem Boden liegt.

          Das Attentat auf den Botschafter bedeutet eine Belastungsprobe für das russisch-türkische Verhältnis, das sich nach monatelangem bitteren Streit gerade erst wieder normalisiert hat. In ersten Reaktionen behielten aber selbst außenpolitische Moskauer Hitzköpfe die Nerven: Es werde keine Abkühlung in den Beziehungen geben, sagte Leonid Sluzki, Vorsitzender des Außenausschusses in der Staatsduma.

          Der Attentäter schrie auch „Vergesst nicht Aleppo“ und „Vergesst nicht Syrien“. Russland hat sich mit seinem Militäreinsatz zugunsten von Präsident Baschar al-Assad, mit der gnadenlosen Rückeroberung von Aleppo viele Feinde gemacht. „Das war eine Rache an unserem Land für Syrien und gleichzeitig ein Versuch, Russland und die Türkei gegeneinander aufzuhetzen“, sagte der Verteidigungspolitiker Franz Klinzewitsch aus dem Parlamentsoberhaus, dem Föderationsrat.

          Gemeinsame Ermittlergruppe

          Kremlchef Wladimir Putin hat nach der Ermordung des russischen Türkei-Botschafters eine intensive Suche nach den Drahtziehern angekündigt. „Wir müssen wissen, wer die Hand des Mörders führte“, sagte er nach Angaben der Agentur Interfax am Montag in Moskau. Als Antwort auf den Mord werde Russland seinen Kampf gegen den Terror verstärken. „Die Banditen werden es zu spüren bekommen.“

          Türkische Polizisten unmittelbar nach dem Attentat in der Umgebung des Tatorts in Ankara

          Putin ordnete die Bildung einer Ermittlergruppe an, die gemeinsam mit türkischen Behörden die Bluttat untersuchen soll. Der Mord sei eine Provokation, die das zwischenstaatliche Verhältnis stören soll. Gemeinsam mit Außenminister Sergej Lawrow und den Geheimdienstchefs Sergej Naryschkin und Alexander Bortnikow beriet der Präsident über die weiteren Schritte. Ähnlich wie Putin äußerte sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan fast zeitgleich in einer TV-Ansprache.

          Vor wichtigem Syrien-Treffen

          Der Anschlag kam einen Tag, bevor Russland erstmals in einem neuen Format die nächsten Schritte im Syrien-Krieg beraten will. In Moskau sollten sich die Außenminister und die Verteidigungsminister aus Russland, der Türkei und des Irans versammeln. Dabei sind Russland und der Iran Verbündete von Assad, die Türkei soll den Anwalt der syrischen Opposition geben.

          Russlands Präsident Putin berät sich nach dem Attentat mit Außenminister Lawrow (l.) und den Geheimdienstchefs Naryshkin (r.)und Bartnikov.

          Für den russischen Außenminister Sergej Lawrow sind damit die Mächte mit tatsächlichem Einfluss auf Syrien versammelt. Alle drei Länder kämpfen mit größeren Truppenkontingenten in Syrien. Er wolle „im Detail, konkret mit denen reden, die real auf die Verbesserung der Lage im Land Einfluss nehmen können“, sagte Lawrow

          Die „westlichen Partner, die sich vor allem mit Rhetorik und Propaganda beschäftigen“, gehörten nicht dazu. Amerika als Kommandomacht der internationalen Koalition bleiben außen vor, auch die Europäer. Diese Möglichkeit, die eigene Macht zu demonstrieren, wollte sich Moskau nicht entgehen lassen. Unter anderen Umständen hätte die Ermordung eines Botschafters wohl scharfe Sanktionen nach sich gezogen. Die Dreierkonferenz findet trotz des Attentats statt.

          Erst kürzlich wieder angenähert

          Die Beziehungen zwischen Russland und der Türkei hatten sich erst in den vergangenen Monaten von einer schweren Krise erholt. Das türkische Militär hatte im November 2015 einen russischen Bomber im syrischen Grenzgebiet abgeschossen. Moskau antwortete mit harten Sanktionen. Russische Unternehmen durften keine türkischen Arbeiter mehr einstellen, zudem brauchten Türken nun ein Visum für Russland.

          Ein Brief des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan an Kremlchef Wladimir Putin im Juni 2016 half, die Wogen zu glätten. Erdogan bat die Hinterbliebenen des getöteten Piloten um Verzeihung. Der Kreml wertete das als eine offizielle Entschuldigung, selbst wenn die türkische Führung dementierte.

          Doch nach diesem diplomatischen Schachzug entspannten sich die Beziehungen. Beide Seiten schlossen neue Wirtschaftsverträge. Auch in seiner harten Reaktion auf den Putschversuch vom Juli fühlte sich Erdogan von Putin eher verstanden als von der kritischen EU. Der Tod von Botschafter Karlow soll die Annäherung nicht gefährden.

          Russland und die Türkei: ein Jahr der Konflikte

          Am 24. November 2015 stürzte die Beziehung zwischen Russland und der Türkei in eine schwere Krise. Türkische F-16-Kampfflugzeuge schossen eine russische Suchoi Su-24 mit der Begründung ab, der Jet habe unerlaubt türkisches Gebiet überflogen. Moskau bestritt das und wies auch die Darstellung zurück, der Pilot sei gewarnt worden.

          Als Vergeltung erließ Russland umfangreiche Wirtschaftssanktionen. Die Einfuhr von türkischem Obst und Gemüse wurde verboten, russischen Unternehmen wurde die Einstellung türkischer Arbeiter verboten. Auch Charterflüge in die Türkei mussten eingestellt werden - für den türkischen Tourismus ein schmerzhafter Einschnitt.

          Im Juni 2016 endete die Eiszeit, als der Kreml über einen Brief des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan an Kremlchef Wladimir Putin berichtete. Aus russischer Sicht enthielt das Schreiben die geforderte Entschuldigung für den Abschuss. Die türkische Regierung beharrt darauf, Erdogan habe zwar die Hinterbliebenen des getöteten Piloten, nicht aber die russische Regierung um Verzeihung gebeten. Seither nähern sich die Türkei und Russland über wirtschaftliche Kooperationen wieder an.

          Ein politisches Streitthema zwischen Moskau und Ankara bleibt Syrien. Russland unterstützt Präsident Baschar al-Assad, die Türkei will dessen Rücktritt. Trotz Meinungsverschiedenheiten im Syrien-Konflikt bekräftigten beide Regierungen aber ihren Willen zum Dialog über die Lage in dem Bürgerkriegsland. Am vergangenen Freitag kündigte Putin neue Syrien-Gespräche unter der Führung Russlands und der Türkei an.

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