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Film über Rostock-Lichtenhagen : Dem Monster ins Antlitz schauen

Burhan Qurbani: „Ich werde in Deutschland immer irgendwie als Ausländer wahrgenommen.“ Bild: Jens Gyarmaty

Der junge Regisseur Burhan Qurbani, dessen Debütfilm im Wettbewerb der Berlinale lief, liebt das „gefährliche Kino“. Nun wagt sich der Sohn afghanischer Eltern wieder an ein heikles Thema: Er dreht einen Film über die fremdenfeindlichen Exzesse von Rostock-Lichtenhagen.

          Sage keiner, der deutsche Film habe sich nicht intensiv mit unserer Geschichte beschäftigt, ihre dunkelsten Kapitel eingeschlossen. Wir haben erlebt, wie Bruno Ganz im Führerbunker belfert, haben gehört, wie die angesagtesten Jungschauspieler die Parolen der RAF skandieren. Wir haben, gerade eben erst, gelernt, dass „Unsere Mütter, unsere Väter“ im Krieg zutiefst schuldig wurden und zugleich irgendwie menschlich blieben. Wir haben uns von Kino und Fernsehen zurückführen lassen an die Wegmarken deutscher Historie, von Dresden über München bis Mogadischu.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und doch sind bei dieser filmischen Aufarbeitung Leerstellen geblieben. Eine davon ist Rostock-Lichtenhagen.

          Lichtenhagen, Solingen, Mölln, Hoyerswerda: Dort und an anderen, weniger bekannten Orten war zur längst nicht mehr so hoffnungsfrohen Nachwendezeit der hässliche Deutsche wieder aufgetaucht. Neonazis griffen Asylbewerberheime an und setzten von Ausländern bewohnte Häuser in Brand. Anders als in Mölln und Solingen musste in Rostock-Lichtenhagen niemand sein Leben lassen - was nahezu ein Wunder war: Nur dank einer mit der Kraft der Verzweiflung aufgebrochenen Eisentür hatten sich die von ein paar Deutschen begleiteten 120 Vietnamesen übers Dach aus ihrem brennenden Wohnheim retten können.

          Deutschland am Rand einer Staatskrise

          Ein Massenmord wurde verhindert, ein furchtbares Fanal war es auch so. Wenn es in der deutschen Nachkriegsgeschichte ein Pogrom gegeben hat, dann waren es jene vier Tage, während deren der Rostocker Wohnblock mit dem Sonnenblumen-Mosaik unter dem Beifall von Anwohnern und Katastrophentouristen belagert und attackiert wurde - was das Land, wie Medien es einschätzten, an den Rand einer Staatskrise brachte.

          Diese dunkle deutsche Episode hat es bisher nicht in einen Spielfilm geschafft. Und wer würde sich so etwas auch anschauen, wer dafür eine Kinokarte kaufen wollen? Welcher Regisseur käme auf die Idee, solch eine Geschichte ohne Helden aufzugreifen?

          Der Regisseur heißt Burhan Qurbani. Am Dienstag beginnen die Dreharbeiten für seinen Kinofilm mit dem Arbeitstitel „Wir sind jung. Wir sind stark“. Und wenn man wissen möchte von Qurbani, was er antworten wird auf die Frage, die unweigerlich kommen wird, warum nämlich er, ausgerechnet er die Geschehnisse verfilmen will, dann sagt er: „Bevor es keiner macht, dann doch lieber ich.“

          Qurbani hat das Geschehen nicht bewusst erlebt

          Aus mancherlei Gründen könnte man Qurbani vorhalten, er sei womöglich nicht der Richtige für so ein Projekt, da sein Blick nur einer von außen sein könne. Qurbani ist erst 32 und mithin viel zu jung, um die verhängnisvollen vier Tage ganz bewusst miterlebt zu haben, und er stammt auch nicht aus Ostdeutschland, sondern aus Erkelenz. Und es gibt noch einen, den mit Abstand schlechtesten Grund allerdings, Qurbanis Eignung für dieses so deutsche Drama anzuzweifeln. „Ich werde in Deutschland immer irgendwie als Ausländer wahrgenommen“, sagt der junge Regisseur, der in einem kargen Raum der Teamworx-Produktionsstudios in Berlin-Dahlem sitzt und den Rauch seiner Zigaretten an die hohe Decke pustet. „Ich sehe einfach nicht aus wie ein Deutscher, da kann ich noch so oft sagen, dass ich einer bin. Und auch das kann ich nur zu einem gewissen Grad - ich bin irgendwo auch ein Kanake. Meine Eltern sind Afghanen, das will ich auch gar nicht abschütteln.“

          Wenn man Qurbani freilich eine Weile zuhört, wie er erzählt von seiner Arbeit und seinem Leben, hochkonzentriert und reflektiert, dann wird einem die ganze Idiotie der Frage „Warum ausgerechnet er?“ bewusst; dann weiß man, dass die entscheidende, hier nur rhetorische Frage anders lautet. Nämlich: Wer, wenn nicht er?

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