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Anti-Terror-Kampf : Bei IS-Rückkehrern misst Trump mit zweierlei Maß

  • -Aktualisiert am

Der amerikanische Präsident Donald Trump Anfang Februar bei einem Treffen der Anti-IS-Koalition in Washington Bild: AP

Donald Trump droht den Europäern damit, Terroristen freizulassen, wenn diese nicht in ihre Heimatländer zurückkehren dürfen. Gleichzeitig verweigert er einer amerikanischen IS-Anhängerin die Einreise.

          Tausende Männer und Frauen aus dem Ausland schlossen sich in den vergangenen Jahren dem „Islamischen Staat“ (IS) an. Nicht nur in Europa steht man nun vor der Frage, ob die Terroristen wieder in ihre Heimatländer zurückkehren und dort vor Gericht gestellt werden sollen – und wie das funktionieren kann. In den Vereinigten Staaten macht zur Zeit der Fall von Hoda Muthana Schlagzeilen, einer der „IS-Bräute“, wie sie von vielen Medien bezeichnet wird.

          Muthana bat die amerikanischen Behörden um Aufnahme, nachdem sie von kurdischen Truppen festgesetzt worden war. Die Mutter eines 18 Monate alten Sohnes wurde 1994 in Hackensack in New Jersey geboren. Zuletzt lebte sie in Birmingham in Alabama, 2014 flog sie nach Syrien und schloss sich von dort aus dem „Islamischen Staat“ in Syrien an. In Raqqa heiratete sie nacheinander IS-Mitglieder aus Australien, Tunesien und Syrien, zwei davon wurden bei Kämpfen getötet.

          Im Jahr 2015 soll Muthana den Terror des „Islamischen Staates“ aktiv unterstützt haben, indem sie über ihren Twitter-Account zu Gewalttaten im Ausland aufrief. „Amerikaner, wacht auf!“, hieß es da unter anderem. „Macht Drive-by-Shootings, vergießt all ihr Blut, oder mietet einen großen Lastwagen und überfahrt sie alle.“

          Außenminister Mike Pompeo sagte am Mittwoch, dass die 24 Jahr alte Frau keine amerikanische Bürgerin sei und deswegen nicht das Recht habe, ins Land zurückzukehren: „Sie hat dafür keine rechtliche Grundlage, keinen gültigen amerikanischen Pass, kein Recht auf einen Pass und auch kein Visum, um in die Vereinigten Staaten zu reisen.“ Kurz danach twitterte Präsident Donald Trump: „Ich habe Außenminister Mike Pompeo angewiesen, Hoda Muthana nicht mehr ins Land zu lassen. Er teilt meine Meinung.“

          Muthanas Familie kommt aus dem Jemen, ihr Vater war Diplomat. Tatsächlich gilt das amerikanische Staatsangehörigkeitsrecht qua Geburt nicht automatisch auch für Diplomatenkinder, weil sie nicht unter das Recht des Landes fallen. Allerdings sagte Muthanas Anwalt, dass ihr Vater einige Wochen vor ihrer Geburt aus dem diplomatischen Dienst ausgeschieden sei. Das würde sie zu einer regulären Bürgerin der Vereinigten Staaten machen. Vor ihrer Abreise nach Syrien soll sie noch einen neuen Reisepass beantragt haben.

          Hoda Muthana

          Zur Zeit ist Muthana in einem syrischen Flüchtlingslager interniert und sprach mit mehreren ausländischen Medien. Inzwischen bereut sie angeblich, sich dem IS angeschlossen zu haben. In einem Interview mit dem britischen „Guardian“ sagte Muthana, sie habe „gehungert und Gras gegessen“. Auf die Frage, was sie den amerikanischen Behörden gern sagen würde, antwortete sie: „Ich würde sie bitten, mir zu verzeihen, dass ich so ignorant war. Ich war sehr jung und unwissend, ich war 19 als ich entschied, das Land zu verlassen.“

          Muthana sagte auch, sie sei Opfer einer „Gehirnwäsche“ geworden und wisse heute, dass sie einen großen Fehler gemacht habe. Durch ihre strenge Erziehung habe sie sich dem Islam immer stärker zugewandt und zeitweise alles geglaubt, was sie gelesen habe. Hassan Shibly vom Council on American-Islamic Relations in Florida, der die Familie vertritt, wollte Verständnis für Muthana wecken: „Am Ende war Hoda eine leicht zu beeindruckende, naive, verletzbare junge Frau, die Opfer von Gehirnwäsche und Manipulation wurde“, sagte er in einem Interview.

          Die IS-Terroristen gingen ähnlich vor wie Menschen, die Kinder vergewaltigten oder für Gangs rekrutierten, sagte Shibly. Muthana wolle nun für ihre Taten büßen und bitte darum, vor ein amerikanisches Gericht gestellt zu werden.

          Wiederaufnahme „in Handschellen“

          Seamus Hughes, der an der George Washington Universität den Terror des IS erforscht, sagte, es gebe angesichts der Verbrechen des „Islamischen Staates“ „Tausende legitime Gründe“, die Motive und Rechtfertigungen von Muthana und anderen anzuzweifeln. Es sei falsch, die Frauen auf „IS-Bräute“ zu reduzieren und ihren Anteil an den Verbrechen nicht zu erkennen, sagte Hughes. Die Vereinigten Staaten hätten dennoch die Pflicht, sie wieder aufzunehmen, allerdings „in Handschellen“.

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