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Der Fall der Mauer : Es musste so kommen

Zwischen Obersuhl und Untersuhl am 12. November 1989. Bild: Mirko Krizanovic

Der Fall der Mauer war letztlich keine Überraschung. Der Druck wurde immer größer, die Menschen kämpften auf der Straße für ihre Freiheit. Und nicht zu vergessen: Manche haben immer an die Einheit geglaubt.

          7 Min.

          Nein, ein Versprecher führte nicht zum Fall der Mauer. Zwar hat die berühmte Pressekonferenz Günter Schabowskis am 9. November 1989, auf der eine schon beschlossene Ausreiseregelung gleichsam für sofort vollziehbar erklärt wurde, ohne Zweifel den Sturm auf die Grenze ausgelöst und zur Öffnung der Schlagbäume geführt. Die Äußerung war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Aber das Fass war eben schon zum Rand gefüllt.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

          Und zwar nicht nur in der Rückschau. Gerade in jenem Jahr war der Druck immer größer geworden. Tausende DDR-Bürger waren schon über Nachbarländer geflohen. In der Prager Botschaft der Bundesrepublik hatten zahlreiche DDR-Bürger Zuflucht gefunden. Die Züge mit ihnen fuhren schließlich durch die DDR in die Bundesrepublik. Das sorgte für Aufruhr. Der Dresdner Hauptbahnhof wurde blockiert. Autos brannten.

          Die Lage war angespannt. Der Staat reagierte nicht wie in China, aber durchaus mit Gewalt. Dabei waren die Revolutionäre friedlich. Und die Revolution ging nicht von Berlin, sondern von Leipzig aus. Mancher erzählte, Autos aus nördlichen DDR-Bezirken seien im Süden nicht betankt worden, weil der Norden in der Wendezeit gleichsam ausgefallen sei. Entscheidend auch für die Grenzöffnung im November waren die Montagsdemonstrationen im Oktober in Leipzig. Was in der Kirche begann, wurde zur politischen Kundgebung auf der Straße.

          Aufforderung richtet sich auch an staatliche Organe

          Zwar war die Staatssicherheit überall. Doch irgendwann war das (West-)Fernsehen auch da. Und Millionen konnten sehen, wie kräftige Herren jungen Frauen Transparente aus den Händen rissen und sie verhafteten. Die Menschen forderten Freiheit. Und auch wenn stets das Damoklesschwert polizeilicher oder gar militärischer Gewalt über allem schwebte: Die Bürger waren auf der Straße – und blieben dort. Sie nahmen ihr Recht auf Selbstbestimmung wahr, das übrigens auch die DDR der Form nach anerkannt hatte.

          Musste es so kommen? Wenn heute betont, wird, die Wiedervereinigung habe niemand vorausgesehen und niemand voraussehen können, so wird vergessen: Die Vollendung der deutschen Einheit war Staatsziel der Bundesrepublik Deutschland. Als Provisorium gegründet, lautete die alte Präambel des Grundgesetzes: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, seine nationale und staatliche Einheit zu wahren und als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat das Deutsche Volk. . ., um dem staatlichen Leben für eine Übergangszeit eine neue Ordnung zu geben, kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beschlossen. Es hat auch für jene Deutschen gehandelt, denen mitzuwirken versagt war. Das gesamte Deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.“

          Bärbel Reinke am Brandenburger Tor (Oktober 2019) Öffnen

          Diese Aufforderung richtete sich auch an die staatlichen Organe. Die Präambel lässt natürlich offen, auf welchem Weg die Wiedervereinigung zu erreichen sei. Und es war mehr als verständlich, dass das Ziel der Einheit, die nach dem Krieg als selbstverständlich galt, in der Hoch-Zeit des Kalten Krieges in den Hintergrund rückte. Schließlich war nicht nur Deutschland geteilt – die innerdeutsche Grenze trennte zwei atomwaffenstarrende Blöcke.

          Ohne Zweifel war die DDR ein Staat

          Und doch gab es zu allen Zeiten Frauen und Männer, die den Glauben an die Einheit nicht verloren hatten und den Verfassungsauftrag ernst nahmen. Sogar nach dem Grundlagenvertrag zwischen Bundesrepublik und DDR aus dem Jahr 1972. In ihm ist gleich zu Anfang davon die Rede, dass die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik „normale gutnachbarliche Beziehungen“ zueinander auf der Grundlage der Gleichberechtigung „entwickeln“.

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