https://www.faz.net/-gpf-9ze6r

Geschlossene Grenzen : Pyrrhussieg der Corona-Musterschüler

  • -Aktualisiert am

Versiegelt: Nur eigene Staatsbürger dürfen wie hier am Flughafen Brisbane nach Australien einreisen. Bild: EPA

Taiwan, Hongkong, Australien und Neuseeland haben das Virus mit am besten bezwungen. Um den Erfolg zu sichern, schotten sich die Länder ab. Genau das könnte ihre Volkswirtschaften in den Abgrund treiben. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Das Coronavirus hat auch offene Gesellschaften zu Schließungen bewogen. Die meisten Länder haben die Freizügigkeit im Inland eingeschränkt und sich radikal abgekoppelt; Grenzen durften nur noch für unbedingt notwendige Reisen überschritten werden. Wann aber können solche Beschränkungen aufgehoben werden? Die Antwort ist besonders schwierig für die Spitzenreiter, die die Ausbreitung des Coronavirus sehr wirksam bekämpft haben. Denn für ihre Volkswirtschaften erweist sich der Erfolg als Pyrrhussieg: Andauernde Grenzschließungen dürften ihnen gravierenden, vermutlich irreversiblen Schaden zufügen. Ausgerechnet die Musterländer könnten gar am Beginn eines verlorenen Jahrzehnts stehen.

          Australien, Hongkong, Neuseeland und Taiwan sind vier Länder, die besonders viel Lob für ihren Umgang mit der Krise eingeheimst haben. Taiwan verzeichnete weniger als 500 Fälle und sechs Todesopfer. Auch Hongkong hat das Virus wirksam bekämpft und nur vier Opfer zu beklagen. In einer regulären Grippesaison ist die Zahl der registrierten Todesfälle in Hongkong etwa neunzig Mal so hoch. Sowohl Australien als auch Neuseeland liegen nicht weit dahinter und werden für ihren erfolgreichen Kampf gegen das Virus gepriesen. Die Freunde könnte von kurzer Dauer sein. Die vier Länder blenden aus, dass sie ihr Wirtschaftsmodell in Rekordzeit zerstören.

          Prof. Dr. Heribert Dieter forscht am Asia Global Institute der University of Hong Kong und an der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik.

          Das zeigt sich sehr deutlich bei der Betrachtung Australiens. Anfang April hat Premierminister Scott Morrison 2,1 Millionen Menschen mit befristeten Visa aufgefordert, das Land zu verlassen. Er sagte zwar, es sei „schön, in guten Zeiten Besucher in Australien zu haben“, forderte sie jedoch zur Heimkehr auf. Seine Regierung unterstützt ausländische Studenten in keiner Weise, und es ist schwer vorstellbar, dass chinesische oder indische Eltern künftig bereit sein werden, beträchtliche Summen für die Ausbildung ihrer Kinder in einem Land zu bezahlen, das in einer turbulenten Zeit einen unverblümten Egoismus an den Tag legt.

          Dabei ist der Export von Bildungsdienstleistungen für Australien kein kleines Zubrot. In den zwölf Monaten bis Juni 2019 betrug der Umsatz australischer Universitäten mit internationalen Studenten 37,6 Milliarden australische Dollar (rund 22,5 Milliarden Euro). Wenn diese Studenten das Land verlassen müssen oder nicht willens sein werden, nach Australien zurückzukehren, wird die Wirtschaft des Landes in den kommenden drei Jahren Schätzungen zufolge einen Verlust von etwa 36 Milliarden Euro erleiden. Der Kollateralschaden durch die Schließung der Grenze ist vermutlich noch deutlich größer. So werden beispielsweise die Immobilienbewertungen sinken, wenn viele Menschen mit befristeten Visa Australien verlassen werden.

          Arglos glücklich in der Isolation

          Dennoch ist Scott Morrison der populärste Premierminister, den Australien seit Jahren gesehen hat. Eine Ende April 2020 durchgeführte Umfrage zeigt, dass Morrison eine persönliche Zustimmungsrate von 68 Prozent hat, der höchste Wert, den ein australischer Premierminister seit einem Jahrzehnt erreicht hat. Offenbar sind die australischen Bürger mit der selbst auferlegten Isolation des Landes zufrieden und machen sich entweder nichts aus den wirtschaftlichen Folgen oder können sich diese nicht vorstellen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Christian Sewing und Martin Zielke (rechts)

          Nach Zielkes Rückzug : Sewing, übernehmen Sie!

          Es darf bezweifelt werden, dass die Commerzbank den Weg aus ihrer schwersten Krise alleine findet. Und so dürfte es mit Blick auf den Chef der Deutschen Bank bald heißen: Herr Sewing, übernehmen Sie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.