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Papst schweigt zum Zölibat : Missionare statt verheiratete Priester

Wandermissionare statt verheiratete Priester: Papst Franziskus während seiner wöchentlichen Generalaudienz Bild: dpa

Wird der Papst Ausnahmen vom Zölibat erlauben? Die Erwartungen an sein Schreiben zur Amazonien-Synode waren hoch. Doch Franziskus blieb eine klare Antwort schuldig.

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          Der berühmt-berüchtigte Paragraph 111 hat es nicht geschafft. Es war der Abschnitt des Schlussdokuments der Amazonien-Synode vom Oktober 2019, der in aller Welt – und zumal in Deutschland – die größte Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Darin ging es um Ausnahmen vom Zölibat für Priester. Eine Mehrheit der Synodenteilnehmer empfahl dem Papst, verheiratete Männer, die schon als Ständige Diakone tätig sind, zu Priestern zu weihen. Welches Machtwort würde Papst Franziskus in diesem bisweilen überhitzt geführten Streit sprechen? Was würde er übernehmen oder zurückweisen in seinem „Nachsynodalen Apostolischen Schreiben“, das den Empfehlungen einer Bischofssynode erst das Gewicht päpstlicher Lehre gibt?

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Am Mittwochmittag ist das mit Spannung erwartete Schreiben des Papstes mit dem Titel „Querida Amazonia“ (Geliebtes Amazonien) nun veröffentlicht worden. Eine klare Antwort auf die Frage von Paragraph 111 sucht man vergeblich – sofern man das Ausbleiben einer Antwort nicht auch als eine solche verstehen will. Jedenfalls ist von dem ominösen Paragraphen aus dem Schlussdokument der Synode, von dem es von alarmierter Seite geheißen hatte, er werde sich wörtlich in dem Papstschreiben wiederfinden, kaum eine Spur zu finden.

          Mehrheit für verheiratete Priester

          Das gesamte Schlussdokument war zum Abschluss der Sondersynode zum Amazonasgebiet am 25. Oktober im Vatikan von einer großen Mehrheit der 185 stimmberechtigten Synodenteilnehmer angenommen worden. Insgesamt hatten fast 300 Teilnehmer während drei Wochen über „Neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie“ debattiert – bei ungezählten Sitzungen in verschiedenen Sprachgruppen zu kirchlichen, sozialen und ökologischen Themen.

          Doch am Ende schien es fast ausschließlich um die Frage von Paragraph 111 zu gehen. Darin heißt es: „Viele kirchliche Gemeinden im Amazonasgebiet haben enorme Schwierigkeiten, Zugang zur Eucharistie zu erlangen. Manchmal vergehen nicht nur Monate, sondern sogar Jahre, bevor ein Priester wieder in die Gemeinde kommt, um Eucharistie zu feiern, das Sakrament der Versöhnung oder die Krankensalbung zu spenden. (...) In Anbetracht dessen...schlagen wir vor, dass...geeignete und in der Gemeinde anerkannte Männer zu Priestern geweiht werden können.

          Diese sollten das Amt des ständigen Diakons wirksam wahrgenommen und eine angemessene Ausbildung zum Priesteramt erhalten haben, aber auch mit ihrer legitimen, stabilen Familie zusammenleben.“  In den entlegenen Gebieten Amazoniens sollten „geeignete und in der Gemeinde anerkannte Männer“ – auf Lateinisch heißen sie „viri probati“ – zu Priestern geweiht werden und gleichzeitig „mit ihren legitimen, stabilen Familien zusammenleben“, also verheiratet und Familienväter sein. Auf diese Empfehlung, den Zölibat zunächst in einer Art regional begrenztem Testlauf aufzuheben, um das Thema anschließend womöglich auch „auf weltkirchlicher Ebene zu behandeln“, wie es in dem Paragraphen weiter heißt, geht Papst Franziskus auf den 50 Seiten seines Schreibens mit keinem Wort direkt ein.

          Stattdessen stellt Franziskus die Rolle von Wandermissionaren und Ordensleuten in den Vordergrund und fordert die Bischöfe der Region dazu auf, mehr Priesteranwärter dazu zu bewegen, ihrer „missionarischen Berufung“ im Amazonasgebiet zu folgen. Insgesamt löst Franziskus in seinem Schreiben, in welchem stattdessen Fragen zur sozialen Gerechtigkeit und zur Migration, zum Naturschutz und zur Ökologie, zur Inkulturation und zum Dialog mit den religiösen Vorstellungen der Indigenen im Vordergrund stehen, den Zölibat-Streit in einer luftigen Dialektik auf. Angesichts „scheinbar entgegengesetzter kirchlicher Herangehensweisen“ fordert der Papst dazu auf, als „wahre Antwort“ die widerstreitenden Lösungsansätze „zu überwinden und andere, vielleicht ungeahnte, bessere Wege zu finden“.

          Päpstliche Dialektik

          Der Konflikt werde damit „auf einer höheren Ebene überwunden, wo sich jede der beiden Seiten mit der jeweils anderen zu etwas Neuem verbindet, aber dennoch sich selbst treu bleibt“. Franziskus nennt diese Lösung beziehungsweise diesen Ausweg ein „Überfließen“, um „das Größere zu erkennen, das Gott uns schenken will“. Konkreter und auch ausführlicher nimmt Franziskus dagegen zu einer anderen wichtigen Frage der Amazonien-Synode Stellung: der Rolle von Frauen in der Weltkirche.

          Man kann aus dem Paragraphen 103 des Schreibens von Franziskus zwar keine Zustimmung für eine Zulassung von Frauen zum Diakonat herauslesen, wie sie die Amazonien-Synode gefordert hat, aber zumindest eine Aufforderung, Frauen stärker an der Leitung von Gemeinden zu beteiligen. Zum Thema Frauendiakonat hatte Franziskus 2016 eine Studienkommission ins Leben gerufen. Das Ergebnis der Kommission ist bislang noch nicht veröffentlicht.

          Im Schlussdokument der Amazonien-Synode heißt es zu dem Thema: „Bei den vielfältigen Beratungen im Amazonas-Raum wurde die grundlegende Rolle anerkannt und hervorgehoben, die Ordensfrauen und andere Frauen in der Kirche Amazoniens und deren Gemeinden durch ihre vielfältigen Dienste wahrnehmen. Eine große Anzahl von Konsultationen forderte, den ständigen Diakonat für Frauen einzurichten.“ Auch in diesem Fall hat Franziskus die Empfehlung der Amazonien-Synode nicht beherzigt.

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