https://www.faz.net/-gpf-9yj87

Früherer Spitzendiplomat : Nordkoreanischer Überläufer erringt Mandat in Seoul

Thae Yong-ho nach der Verkündung des Wahlergebnisses Bild: AFP

Er war stellvertretender Botschafter Kim Jong-uns in London. 2016 flüchtete er mit seiner Familie. Nun gewann Thae Yong-ho einen Parlamentssitz in Südkorea – ausgerechnet in Seouls Partyhochburg Gangnam.

          2 Min.

          Thae Yong-ho, ein früherer Spitzendiplomat Nordkoreas, hat bei der Wahl in Südkorea ein Direktmandat und damit einen Sitz im Parlament gewonnen. Er ist nicht irgendein Diplomat und es ist auch nicht irgendein Wahlkreis: Thae war stellvertretender Botschafter des Regimes in London und setzte sich 2016 in einer Nacht- und Nebelaktion mit seiner Familie nach Südkorea ab. Damit ist er einer der ranghöchsten übergelaufenen Nordkoreaner.

          Dass der frühere Spitzendiplomat der verarmten Diktatur nun ausgerechnet ein Direktmandat in Seouls Party- und Ausgehmeile errungen hat, dürften manche als ironische Wendung einer beispiellosen politischen Odyssee sehen. Der Stadtteil wurde 2012 durch den Song „Gangnam Style“ des südkoreanischen Rappers Psy weltbekannt, gilt als teures Pflaster für Individualisten, Neureiche und Partygänger, und ist damit so etwas wie ein Gegenentwurf zur kollektivistischen nordkoreanischen Gesellschaft.

          Kritik an Moons Politik

          Thae gewann den Wahlbezirk für die konservative Oppositionspartei Vereinte Zukunftspartei (UFP) mit 58,4 Prozent der Stimmen. Die Partei kritisiert die Versöhnungspolitik von Südkoreas Präsidenten Moon Jae-in. Moons Politik, so Thae Yong-ho während des Wahlkampfes, sei ein „zentrales Hindernis“ für eine effektive Wiedervereinigung und gehe „in die falsche Richtung“. Damit gemeint sind beispielsweise die Bestrebungen der südkoreanischen Führung, geschlossene Tourismusprojekte oder die stillgelegte Industriezone Kaesong wiederzubeleben. Diese innerkoreanischen Projekte stoppte Seoul wegen Pjöngjangs Atom- und Raketentests.

          Zuletzt ließ Kim abermals Raketen testen, auf politische Entspannung zwischen dem Norden und Süden deutet derzeit nichts hin. Das liegt allerdings auch an den Folgen der Corona-Pandemie: Nordkorea hat die Grenzen ins Ausland, nach China und Russland, weitgehend gesperrt. Nach Südkorea sind ohnehin keine legalen Grenzübergänge möglich.

          F.A.Z.-Newsletter für Deutschland

          Jeden Morgen ordnen unsere Redakteure die wichtigsten Themen des Tages ein. Relevant, aktuell und unterhaltsam.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Der neu gewählte Parlamentarier, der im Juli 60 Jahre alt wird, sang nach der Verkündung des Wahlergebnisses die südkoreanische Nationalhymne und zeigte sich gerührt: „Heute ist ein sehr historischer Tag nicht nur für mich, sondern auch für die koreanische Geschichte“, sagte Thae der Nachrichtenagentur AFP. Sein Wahlsieg werde den Menschen und der Führung in Nordkorea Hoffnung geben und die „wahre Natur freier Demokratie in Südkorea“ demonstrieren.

          Er ist der zweite ranghohe Nordkoreaner in der südkoreanischen Nationalversammlung. 2012 war Cho Myung-chul, ein Ökonom aus Pjöngjang, 16 Jahre nach seiner Flucht aus Nordkorea ins Parlament gewählt worden. Er war während seiner Zeit als Professor im Nachbarland China geflüchtet.

          Thae lebt unter Polizeischutz

          Thae war bis 2016 stellvertretender Botschafter Nordkoreas in London. Desillusioniert von Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un setzte er sich im August des Jahres gemeinsam mit seiner Familie nach Südkorea ab, wo er heute unter Polizeischutz lebt. Offenbar kam er damit damals auch seiner Rückberufung nach Nordkorea zuvor.

          In den vergangenen Jahren hat er sich zusehends als harscher Kritiker des Kim-Regimes in Pjöngjang hervorgetan, auch weil er die Selbstherrlichkeit des regierenden Familienclans persönlich erleben musste: Als Diplomat hatte er die Aufgabe, einen Besuch von Kim Jong-chol, des Bruders des Diktators, vorzubereiten. Kim, der auf Staatskosten und mit großer Entourage reiste, wollte damals unter anderem ein Konzert des britischen Gitarristen Eric Clapton besuchen.

          Im vergangenen Jahr im November war Thae auf Einladung einer deutschen Nichtregierungsorganisation in Berlin, um über die Menschenrechtssituation in Nordkorea zu berichten.

          Wahlkampfauftritt in Seouls Partyviertel Gangnam

          Laut aktuellen Angaben der südkoreanischen Regierung sind in den vergangenen Jahrzehnten rund 33.000 Nordkoreaner in den Süden geflohen, 2019 waren es etwas mehr als 1000. Die meisten Flüchtlinge sind Frauen, unter anderem deshalb, da sie teilweise schutzlos sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind.

          Prominente Überläufer wie Thae sind allerdings sehr selten, weil es sich als Mitglied der politischen und ökonomischen Elite vergleichsweise gut leben lässt. Nordkoreas Staatsmedien bezeichneten Thae mehrfach als „menschlichen Abschaum“ und bezichtigten ihn der Spionage für Südkorea. Zur aktuellen Wahl gab es bislang noch keine Reaktion aus Pjöngjang.

          Weitere Themen

          Aufklärungsarbeit auf politischem Glatteis

          Ibiza-Ausschuss : Aufklärungsarbeit auf politischem Glatteis

          In Wien wirft die Opposition der ÖVP vor, deren Seilschaften hätten nach dem „Ibiza“-Skandal wichtige Informationen zurückgehalten. Die Ermittler sorgen sich derweil um die falsche Oligarchennichte.

          Topmeldungen

          Michael Zahn hat sich mit Äußerungen zur Wohnungspolitik in Berlin nicht überall beliebt gemacht.

          Deutsche-Wohnen-Chef Zahn : Der unbeliebte Vermieter

          Nach 14 Jahren hat die deutsche Hauptstadt wieder einen Dax-Konzern. Michael Zahn ist der Mann, der ihn führt. Doch viele Berliner sind auf den Immobilienmanager nicht gut zu sprechen.
          Die Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters Wirecard im bayrischen Aschheim.

          Marktmanipulation : Bafin zeigt Wirecard an

          Nach den Vorwürfen wegen Marktmanipulation gegen den Zahlungsdienstleister hat nun die Finanzaufsicht Bafin Anzeige erstattet. Die Geschäftsräume des Unternehmens in Bayern wurden untersucht. Die Vorwürfe richten sich gegen Vorstände.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.