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Wahlkampf in Italien : Jetzt streiten sie auch noch über Corona

Der frühere Innenminister Matteo Salvini, Chef der rechtsnationalen Lega, sieht den Versuch der Instrumentalisierung der Pandemie für den Wahlkampf. Bild: EPA

Weil die Sozialdemokraten einen Mikrobiologen nominieren, wirft Salvini ihnen vor, die Pandemie zu instrumentalisieren. Die Sozialdemokraten unterstellen ihm im Gegenzug Verbindungen zur Impfgegnerbewegung.

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          Bei der Kampagne für die vorgezogenen Parlamentswahlen in Italien ist unversehens das Thema Corona in den Vordergrund gerückt. Grund ist die Nominierung des 67 Jahre alten Mikrobiologen Andrea Crisanti aus Padua durch die sozialdemokratische Partito Democratico (PD). Crisanti wurde von PD-Chef Enrico Letta als Spitzenkandidat für einen Sitz im Senat für den Auslandswahlkreis in der Region Europa nominiert. Crisanti hatte sich während der Pandemie bei zahlreichen Fernsehauftritten stets für strenge Maßnahmen und Einschränkungen des öffentlichen Lebens zur Eindämmung der Pandemie ausgesprochen.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der frühere Innenminister Matteo Salvini, Chef der rechtsnationalen Lega, kritisierte die Nominierung Crisantis durch den PD als Versuch der Instrumentalisierung der Pandemie für den Wahlkampf. Crisanti warf Salvini umgekehrt vor, mit dem Lega-Chef an der Macht während der Hochzeit der Pandemie in den Jahren 2020 und 2021 „hätten wir heute 300.000 Covid-Opfer zu beklagen statt 140.000“.

          „Verbindungen des rechten Lagers zur Impfgegnerbewegung“

          Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Rom wurden bis zum 17. August aber nicht, wie von Crisanti angegeben, 140.000 Todesfälle im Zusammenhang mit einer Coronainfektion registriert, sondern 174.000. Wie in Deutschland wird aber auch in Italien nicht unterschieden, ob ein Patient ursächlich einer Infektion mit dem Coronavirus erlegen ist oder ob er im Zusammenhang mit einer Behandlung in einem Krankenhaus lediglich positiv auf das Virus getestet wurde.

          PD-Chef Enrico Letta
          PD-Chef Enrico Letta : Bild: AP

          Salvini wies die Behauptung Crisantis als haltlos sowie als respektlos gegenüber den Angehörigen der Opfer zurück. Salvini bezeichnete den Mikrobiologen als „Fernsehvirologen“ und als „Mückenexperten“. Als einen „Fachmann für Mücken“ hatte Giorgio Palù, emeritierter Professor für Virologie von der Universität Padua, seinen Hochschulkollegen Crisanti beschrieben, weil sich dieser viele Jahre der Erforschung von Krankheiten gewidmet hatte, die durch Stechmücken übertragen werden.

          Auch PD-Chef Letta wies die Kritik Salvinis an der Nominierung Crisantis als PD-Kandidat zurück. „Die zahlreichen Reaktionen auf die Kandidatur Crisantis machen die Verbindungen des rechten Lagers zur Impfgegnerbewegung ,No Vax‘ deutlich“, sagte Letta und bekräftigte: „Professor Crisanti hat recht. Hätten Matteo Salvini und Giorgia Meloni 2020 regiert, wie viele Tausende Tote zusätzlich hätten wir zu beklagen gehabt?“

          Gesundheitsminister Roberto Speranza, der eine kleine Linkspartei führt und das Ressort seit September 2019 führt, bezeichnete die wieder aufgebrochene Debatte über die Pandemiemaßnahmen als „Indikator für das Risiko,“ welches das Land im Falle eines Wahlsiegs des Rechtsbündnisses unter Führung von Salvini und Meloni eingehen würde. „Die Art und Weise, wie sie das Thema des Rechts auf Gesundheit und die jüngste Gesundheitsgeschichte Italiens angehen, wie sie Bolsonaro und Le Pen, Putin und Orbán zuzwinkern, ist eine Vorausschau darauf, wie sie unser Land ins Verderben führen würden“, sagte Speranza der Tageszeitung „Corriere della Sera“ vom Donnerstag.

          Der Minister zeigte sich zuversichtlich, dass die Parteien der Linken den Vorsprung des Rechtsbündnisses bis zu den Wahlen noch aufholen würden. „Der Ausgang der Wahlen ist völlig offen, 40 Prozent der Italiener haben sich noch nicht entschieden, wen sie wählen werden“, sagte Speranza. Die Linke könne gerade mit dem Thema Gesundheitspolitik viele unentschlossene Wähler gewinnen. „Wir verteidigen die allgemeine Gesundheitsversorgung, das Recht eines jeden, unabhängig von seiner wirtschaftlichen Lage behandelt zu werden. Die Rechten überall auf der Welt wollen stattdessen ein System, das auf privaten Versicherungen und auf Kreditkarten basiert“, sagte Speranza.

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