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Corona in Frankreich : Hat Macron die Wette verloren?

Emmanuel Macron zwischen Olivier Veran (r.) und dem Leiter der Intensivstation Dr. Jan Hayon am 17. März im Krankenhaus von Poissy-Saint-Germain Bild: AP

Der französische Präsident beharrte darauf, nicht auf seinen Wissenschaftsrat zu hören und auf einen Lockdown zu verzichten. Doch die Corona-Lage hat sich dramatisch verschlimmert. Nun droht eine Ausgangssperre.

          3 Min.

          Die Nervosität der französischen Staatsspitze angesichts der steigenden Infektionszahlen ist spürbar. Premierminister Jean Castex hat am Donnerstag kurzfristig eine für 18 Uhr angekündigte Pressekonferenz auf 19 Uhr verlegt, als würde eine Stunde Zeitgewinn einen Unterschied machen. Bei einem neuen Höchststand von 38.500 Neuinfektionen in den vergangenen 24 Stunden sieht sich die Regierung zum Handeln gezwungen. 71 Prozent der Neuinfektionen gehen auf die ansteckendere britische Virusmutante zurück.  „Die Situation im Großraum Paris ist nicht unter Kontrolle“, warnte der Direktor des staatlichen Krankenhausverbandes in der Hauptstadt AP-HP, Martin Hirsch. Auf den Intensivstationen in der Ile-de-France werden mit 1161 Patienten so viele Kranke behandelt wie seit dem 8. Mai 2020 nicht mehr.

          Michaela Wiegel
          (mic.), Politik

          Während der zweiten Infektionswelle im November hatte die Höchstzahl 1138 in der Hauptstadtregion betragen. Die Inzidenz in der Hauptstadtregion hat die Grenze von 400 pro 100.000 Einwohner überschritten, die der Premierminister für Ausgangssperren am Wochenende gesetzt hatte. An der Côte d’Azur, in Nizza, Dünkirchen und im Département Pas-de-Calais dürfen die Bewohner ihr Haus am Wochenende bereits seit dem 26. Februar nur für eine Stunde oder aus triftigem Grund verlassen.

          Mangel an zuverlässigen Fallzahlen

          Ähnliche Beschränkungen drohen jetzt auch in der Hauptstadtregion, wobei fraglich ist, ob damit das Infektionsgeschehen unter Kontrolle gebracht werden kann. Der IT-Ingenieur Guillaume Rozier, dessen Covid-Tracker als Referenz bei der Zahlenauswertung in der Pandemie gilt, hat keine deutliche Veränderung durch die Wochenendbeschränkungen nachweisen können. Das liege aber auch am Mangel an zuverlässigen Fallzahlen aus den betroffenen Regionen.

          Überall im Land ist die Inzidenz in allen Altersklassen angestiegen, nur die älteren Franzosen über 80 Jahren bleiben von der Entwicklung verschont. In dieser Altersklasse ist die Impfquote am höchsten. In der zurückliegenden Woche haben sich pro Tag im Durchschnitt 24.200 Franzosen infiziert. Das entspricht einem Anstieg von 14,2 Prozent zum Vorwochenvergleich. Die Zahl der Corona-Patienten auf den Intensivstationen im ganzen Land hat in der zurückliegenden Woche um acht Prozent zugenommen.

          „Fast eine neue Epidemie“

          Präsident Emmanuel Macron ringt offensichtlich mit sich, „sein Volk ein drittes Mal einzusperren“, wie es ein Abgeordneter der Regierungspartei in der Zeitung „L’Opinion“ formuliert. Im Radiosender France Info ließ der Präsident verlautbaren, er setze künftig auf „innovative Maßnahmen“, wobei nicht erläutert wurde, was er damit meinte. Am Vortag hatte er bei einem Besuch im Krankenhaus von Poissy-Saint-Germain vieldeutig gesagt: „Wir werden da sein, um Entscheidungen zu treffen, die wir treffen müssen.“

          Ende Januar entschied Macron entgegen allen Erwartungen, auf einen Lockdown zu verzichten, obwohl sein Wissenschaftsrat ihm dazu geraten hatte, um die Ausbreitung der Virusvarianten einzudämmen. In der Regierungspartei wurde das als „Nein zur Wissenschaftsdiktatur“ gefeiert. Doch jetzt erweisen sich die wissenschaftlichen Berechnungsmodelle als korrekt. „Durch die Varianten hat sich die Lage geändert. Das ist fast eine neue Epidemie, die begonnen hat“, sagte Regierungssprecher Gabriel Attal. Ein Eingeständnis, dass der Präsident seine gewagte Wette verloren habe, kam ihm aber nicht über die Lippen. „Jede Woche, die wir nicht im Lockdown verbringen, ist eine gewonnene Woche“, sagte er. Es stehe bereits fest, dass die Schulen und Kindergärten nicht geschlossen würden.

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          Die Impfkampagne, die eigentlich beschleunigt werden sollte, tritt seit der Aussetzung des Impfstoffs von Astra Zeneca auf der Stelle. Premierminister Castex hat bereits angekündigt, dass er sich „sofort“ mit dem Präparat des schwedisch-britischen Unternehmens impfen lassen werde. Aber nur noch 20 Prozent der Franzosen vertrauen laut einer jüngsten Umfrage des Instituts Elabe für den Fernsehsender BFM-TV dem Impfstoff. 58 Prozent geben an, kein Vertrauen in Astra Zeneca zu haben.

          60 Prozent finden die Impfkampagne zu langsam

          Dem Präparat Pfizer/Biontech vertrauen 52 Prozent, nur 14 Prozent äußern Misstrauen. Die Regierung steht auch beim Impfmanagement in der Kritik. 60 Prozent der Franzosen geben in einer jüngsten Umfrage Kekst CNC an, dass die Impfkampagne zu langsam sei. Dabei können in Frankreich seit Mitte März bereits auch Apotheken die Impfungen vornehmen, die Hausärzte sind schon zuvor damit betraut worden.

          Die überraschende Entscheidung Macrons, die Impfungen mit Astra Zeneca auszusetzen, wird ihm von vielen vorgeworfen. Die Zeitung „Libération“ erinnerte daran, wie sich Macron im vergangenen Mai überheblich über Donald Trump mokiert habe, der schon damals alle Mittel für Impfstoffe mobilisierte. Der Franzose riet den Journalisten damals, ruhig zu bleiben, denn es sei nicht „seriös“, für Ende 2020 mit Impfstoffen zu rechnen. Er versprach damals „mit viel Organisation und Methode“ die Impfetappe vorzubereiten. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung fehlt es an „Organisation und Methode“ im Vergleich zu Großbritannien, Israel und Amerika. In Frankreich werden im Tagesdurchschnitt 216.000 Dosen verimpft. 42 Prozent der über 75 Jahre alten Franzosen habe eine erste Impfung erhalten.

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