https://www.faz.net/-hox-8632l

Wegen „Ehrenmordes“ : Türkei klagt Sürücü-Brüder an

  • Aktualisiert am

Hatun Sürücü stand kurz vor dem Abschluss einer Lehre als Elektroinstallateurin, als sie von einem ihrer Brüder in Berlin erschossen wurde. Bild: rbb

Vor zehn Jahren mussten zwei Brüder der jungen Türkin Hatun Sürücü noch wegen Mangels an Beweisen vom Mordvorwurf freigesprochen werden. Doch die Mühlen der Justiz mahlten weiter.

          1 Min.

          Mehr als zehn Jahre nach dem Mord an der jungen Türkin Hatun Sürücü in Berlin hat die Türkei Anklage gegen zwei weitere Brüder des Opfers erhoben. Die türkische Generalstaatsanwaltschaft in Istanbul habe Mutlu und Alpaslan Sürücü nach jahrelanger Untätigkeit nun angeklagt, berichtet die „Bild am Sonntag“. Das Berliner Landgericht hatte seinerzeit nur den jüngeren Bruder Ayhan wegen Mordes zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und sechs Monaten verurteilt. Er war im Juli 2014 direkt nach Verbüßung seiner Strafe in die Türkei abgeschoben worden und soll heute einen Imbissstand in Istanbul betreiben.

          Hatun Sürücü, die damals 23 Jahre alte Mutter eines kleinen Kindes, war am 7. Februar 2005 von ihrem Bruder an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof erschossen worden, weil ihre kurdisch-türkische Familie ihren Lebensstil ablehnte. Die Tat war einer der ersten Fälle von „Ehrenmord“, der in Deutschland bekannt wurde, und löste bundesweit Entsetzen aus. Sie führte zu einer politischen Debatte über Integration und einen besseren Schutz für Frauen.

          Zwei Brüder wegen Beweismangels freigesprochen

          Mutlu und Alpaslan Sürücü waren seinerzeit von der Berliner Justiz aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Als der Bundesgerichtshof die Freisprüche aufhob, hatten sich die Brüder bereits in die Türkei abgesetzt. Auch ein internationaler Haftbefehl führte dann nicht mehr weiter.

          Wie die „Bild am Sonntag“ weitere berichtet, wurde nun in einem Schreiben der türkischen Botschaft den deutschen Behörden mitgeteilt, dass „gegen die Betroffenen wegen der Begehung eines Mordes zum Nachteil eines Familienangehörigen am 10. März vor dem 10. Schwurgericht in Istanbul Anklage durch die Generalstaatsanwaltschaft Istanbul erhoben wurde“.

          Künast: Es gibt keine „Ehrenmorde“

          Der Berliner Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) wertete dies als eine „sehr gute Nachricht“. Er habe sich schon vor zwei Jahren dafür eingesetzt, dass die türkischen Behörden alle Unterlagen erhalten, um Anklage erheben zu können. 

          Anklage gegen zwei weitere Brüder wegen Mordes: Gedenkstein für Hatun Sürücü in Berlin
          Anklage gegen zwei weitere Brüder wegen Mordes: Gedenkstein für Hatun Sürücü in Berlin : Bild: dpa

          Renate Künast, die Vorsitzende des Bundestags-Rechtsausschusses teilte dazu mit: „Das ist nicht nur eine Nachricht des Respektes vor der Selbstbestimmung von Frauen über ihre Lebensweise. Tätern in Deutschland wird jetzt auch die Botschaft gesandt, dass sie sich dem Strafverfahren nicht entziehen können, indem sie sich in die Türkei absetzen. Es gibt keine so genannten Ehrenmorde – Mord ist Mord.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.