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Gauck in Griechenland : Im Takt des Protokolls

Kennen sich schon: Griechenlands Präsident Papoulias und Bundespräsident Gauck 2013 in Berlin Bild: dpa

Auf seiner Griechenlandreise wird Bundespräsident Gauck mit unangenehmen Fragen konfrontiert werden – etwa wann Deutschland seine Schulden aus der Nazizeit zu begleichen gedenke.

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          Bundespräsidenten können sich ihre Reiseziele nur selten aussuchen, sie werden in der Regel vom Protokoll vorgeschlagen. Je länger der vorige Besuch eines deutschen Staatsoberhauptes in einem Land zurückliegt, desto weiter rückt eine Reise dorthin auf der Liste präsidialer Pflichttermine nach oben.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Der unbestechliche Takt des Protokolls gab auch vor, dass nach Theodor Heuss (1956, es war der erste Staatsbesuch eines deutschen Bundespräsidenten überhaupt, gefolgt von einer überlangen Pause), Richard von Weizsäcker (1987) und Johannes Rau (2000) wieder einmal ein Bundespräsident nach Griechenland reisen müsse.

          Ob Joachim Gauck die Reise angetreten hätte, dürfte er sich seine Ziele aussuchen, ist angesichts der immer noch überdurchschnittlich hohen Temperatur des griechisch-deutschen Verhältnisses fragwürdig. Aufenthalte deutscher Spitzenpolitiker in Athen sind seit einigen Jahren eine heikle Angelegenheit.

          Einfach werden die Tage für Gauck nicht

          Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im Oktober 2012 in die ihr zum Ruhme weiträumig abgesperrte und mit mehreren zehntausend Demonstranten sowie Polizisten geschmückte Hauptstadt der Griechen reiste, erinnerten die Sicherheitsvorkehrungen an einen Truppenbesuch in Afghanistan. Im Juli vergangenen Jahres, als Merkels Nebenbuhmann Wolfgang Schäuble kam, zeigten die Demonstranten dann allerdings schon geringeren Eifer, und wenn von Mittwoch bis Freitag nun der Bundespräsident die Wiege der Eurokrise besucht, dürfte noch weniger Aufhebens darum gemacht werden.

          Einfach werden die Tage für Gauck dennoch nicht. Außer Staatspräsident Karolos Papoulias und Regierungschef Antonis Samaras soll er am Donnerstag im „Grand Bretagne“, dem nur einen Steinwurf vom zentralen Syntagma-Platz entfernt gelegenen feinsten Hotel der Stadt, auch Oppositionsführer Alexis Tsipras treffen, jenen Mann also, der Berlins Politik am lautesten für Griechenlands Krise verantwortlich macht.

          Die Ablehnung der Troika hält die Nation zusammen

          Vielleicht wird der prospektive griechische Ministerpräsident dem Gast aus Deutschland bei dieser Gelegenheit auch vom neuesten Vorstoß seiner Partei berichten. Laut einem Bericht der Athener Tageszeitung „To Vima“ will das heterogene Linksbündnis Syriza, zu dessen gemäßigtem Flügel Tsipras gerechnet wird, von der EU Entschädigungen wegen der Folgen der Krise in Griechenland fordern. Der Planungsstab der Partei habe bereits eine Klageschrift ausgearbeitet, hieß es. Möglich ist aber auch, dass Tsipras ein anderes Lieblingsprojekt nicht allein seiner Partei zur Sprache bringt.

          Denn so zerstritten die Griechen sind – seit Juni 2012 sind 14 neue Parteien entstanden –, es gibt auch etwas, was die Nation und ihre gewählten Repräsentanten noch zusammenhält: die Ablehnung der Troika und Deutschlands sowie die Forderung nach deutschen Ausgleichszahlungen für die Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg. Dabei geht nicht nur um Reparationsforderungen im eigentlichen Sinne, die von internationalen Gerichten mehrfach zurückgewiesen wurden, da Privatpersonen nicht als Opfer von Kriegshandlungen Schadenersatz fordern dürfen und ein Staat nicht über einen anderen zu Gericht sitzen darf.

          „Schuld des Reiches gegenüber Griechenland“

          Anders steht es mit einer Griechenland vom Deutschen Reich während des Krieges auferlegten Zwangsanleihe, die nie zurückgezahlt wurde. Noch Anfang 1945 wurde die sich aus der Zwangsanleihe ergebende „Schuld des Reiches gegenüber Griechenland“ von der Reichsbank auf 476 Millionen Mark beziffert. Der deutsche Historiker Hagen Fleischer nennt es „absurd“, dass das NS-Regime eine finanzielle Schuld anerkannt habe, die von der Bundesrepublik negiert werde. Freilich weiß auch Fleischer, dass Gauck den Griechen in dieser Angelegenheit selbst dann nichts versprechen könnte, wenn er das ähnlich sähe.

          Der in Athen lehrende deutsche Historiker schlägt stattdessen bescheidenere Projekte vor, eine deutsch-griechische Schulbuchkommission zum Beispiel: „Im besten Falle erwähnen deutsche Schulbücher nämlich nur, dass die Wehrmacht im April 1941 in Griechenland einmarschierte und 1944 wieder abzog. Was in der Zwischenzeit geschah, erfahren die Schüler nicht.“

          Gauck besucht einen Ort des Verbrechens

          In der Zwischenzeit geschahen unter anderem Massaker, die deutsche Besatzungstruppen an griechischen Zivilisten verübten. Auch auf dem Balkan galt der „Sühnebefehl“, laut dem für jeden verwundeten deutschen Soldaten 50, für jeden getöteten 100 Einheimische zu erschießen seien. Orte, in deren Nähe sich ein Überfall ereignete, wurden niedergebrannt. Der Befehl war ebenso verbrecherisch wie militärisch kontraproduktiv, denn er trieb die Überlebenden erst recht zu den Partisanen.

          Einen Ort solcher Verbrechen, das Dorf Ligiades bei Ioannina, wird am Freitag auch der Bundespräsident besuchen. In Ligiades töteten deutsche Soldaten im Oktober 1943 in einer „Vergeltungsaktion“ mehr als 90 Zivilisten. Gauck wird an der Gedenkstätte für die Opfer eine Rede halten und einen Kranz niederlegen. Damit schließt sich ein Kreis, denn auch Theodor Heuss legte 1956 Kränze nieder: einen am Grab des unbekannten Soldaten, einen am deutschen Soldatenfriedhof bei Athen. Für einen Besuch an einem der Orte deutscher Massaker war es damals noch zu früh – für alle Beteiligten.

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