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Massaker in Baga : Nigerias islamistische Hausguerrilla

  • -Aktualisiert am

Spuren des Kampfes? Ein junges Mädchen zwischen verbrannten Ruinen in Baga Bild: AP

Die Sekte Boko Haram hat sich zu einem Albtraum für die nigerianische Regierung entwickelt. Wie viele Menschen bei den jüngsten Kämpfen im Norden des Landes getötet wurden, ist unklar.

          Baga ist ein typisches Saheldorf, ein Ort ohne Geschichte: eine Ansammlung von Lehmhütten, Subsistenzwirtschaft, eine hohe Analphabetenrate. Baga liegt auf einer Halbinsel im Tschadsee, die Menschen leben wie zu Urzeiten vom Fischfang. Die Grenze zwischen Nigeria und Tschad verläuft an dieser Stelle mitten durch den See, doch das kümmert weder die tschadischen noch die nigerianischen Fischer.

          Thomas Scheen †

          Politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi.

          Bis in die Regionalstadt Dikwa an der Nationalstraße A 3 sind es von Baga aus mehr als 150 Kilometer auf sandigen Pisten. Die Fahrt kann zwei Tage dauern. Wenn es regnet, gibt es überhaupt kein Durchkommen. Baga ist ein Ort, den niemand freiwillig besucht. Was sich am vergangenen Wochenende in diesem gottverlassenen Nest abgespielt hat, war auch am Montag immer noch nicht klar.

          Fest steht nur, dass bei einer gründlich misslungenen Militäraktion gegen mutmaßliche Kämpfer der radikal-islamistischen Sekte Boko Haram sehr viele Menschen in Baga gestorben sind. Die Angaben schwanken zwischen 20 und 200 Toten – Zivilisten, Soldaten und Radikale.

          Hunderte Hütten wurden zerstört

          Die nigerianische Armee, nicht eben bekannt für ihre Zimperlichkeit, hatte am Freitag nach einem Hinweis die Moschee des Ortes umstellt, in der sie bewaffnete Mitglieder der Sekte vermutete. Die Umzingelten setzten sich mit Schnellfeuergewehren, Panzerfäusten und Granatwerfern zur Wehr, während die Armee draußen auf alles feuerte, was sich bewegte.

          Hunderte Hütten wurden zerstört, der Markt ging in Flammen auf. Die Bewohner flüchteten in die Sümpfe. Erst am Sonntagnachmittag hatte sich die Lage so weit beruhigt, dass der Gouverneur des Bundesstaates den Ort inspizierten konnte.

          Solche blutigen Militäraktionen gegen echte oder vermeintliche Stützpunkte von Boko Haram sind inzwischen zwar Alltag im Norden Nigerias, insbesondere im Bundesstaat Borno, woher die Sekte stammt. Baga fällt aber schon deshalb aus dem Rahmen, weil sich Sektenmitglieder und Sicherheitskräfte noch nie zuvor mit so schweren Waffen bekämpft haben.

          Albtraum für die Regierung

          Die zweite Auffälligkeit ist, dass der Angriff auf Baga rund 24 Stunden nach der Freilassung der siebenköpfigen französischen Familie Moulin-Fournier erfolgte, die im Februar angeblich von Boko Haram in Kamerun entführt und über die Grenze nach Nigeria verschleppt worden war.

          Die Familie war am Donnerstagabend an der nigerianisch-kamerunischen Grenze, die 80 Kilometer südlich von Baga verläuft, unter bislang ungeklärten Umständen freigelassen worden. Die französische Regierung hatte bestritten, ein Lösegeld bezahlt zu haben. Ob die nigerianische Regierung dies ebenfalls von sich behaupten kann, ist allerdings zweifelhaft.

          War die Armee in Baga den Geiselnehmern der französischen Familie auf der Spur? In der nigerianischen Hauptstadt Abuja war dazu am Montag keine Antwort zu erhalten. Boko Haram, was so viel heißt wie „Bildung ist Sünde“, hat sich zu einem veritablen Albtraum für die nigerianische Regierung entwickelt.

          Staat hat kaum noch Kontrolle

          Das Land mit seinen geschätzten 160 Millionen Einwohnern hat Südafrika inzwischen als größte Volkswirtschaft südlich der Sahara abgelöst und wirbt aggressiv um Auslandsinvestitionen. Gleichzeitig aber sind weite Teile des Landes, darunter der muslimische Norden, der Kontrolle des Staates weitgehend entglitten.

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