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FDP : Der Untergang

Im Office des Generalsekretärs in Berlin: Der Herr ganz links – Christian Lindner – ist weg. Die beiden anderen Herren – Friedrich A. von Hayek und Ralf Dahrendorf – sind noch da Bild: Baier, Julia

Die FDP hat versäumt, sich einer Debatte über Europa zu stellen: Aus Angst vor Machtverlust und aus Scheu vor Populismus. Jetzt zahlt sie den Preis der Feigheit.

          Liberale sind keine besonders mutigen Menschen. „Ich bin ein Feigling“, bekannte der große britische Philosoph Isaiah Berlin (1909 bis 1997). Ralf Dahrendorf (1929 bis 2009), der große deutsch-britische Liberale, deutete diese Feigheit, landläufig eine menschliche Schwäche, als einen Ausweis von Tugend, wertete hingegen das „romantische Heldentum“ als eine Form der „moralischen Tyrannei“: „Menschen sollten nicht danach beurteilt werden, ob sie bereit sind, ihr Leben zu riskieren, sondern danach, ob sie moralisch und politisch ihren klaren Kopf behielten, wenn andere ihn verloren haben.“ Ein klarer Kopf ist dem Liberalen wichtiger als die Tapferkeitsmedaille des Mutigen. Klugheit geht ihm vor Kühnheit, Weisheit vor Heroismus.

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Christian Lindner (geboren 1979) ist kein besonders mutiger Mann, nicht nur, weil er ein Liberaler, sondern auch, weil er ein Intellektueller ist. In der vergangenen Woche ist Lindner als Generalsekretär der FDP zurückgetreten; gerade einmal zwei Jahre hatte er das Amt inne. In seinem Arbeitszimmer im Thomas-Dehler-Haus in Berlin hängt ein Bild Ralf Dahrendorfs, ein Vorbild für ihn: Lindner hat es selbst gemalt. Sein Nachfolger wird es bald abhängen.

          Die Not der Partei

          Zur Erinnerung: Die FDP (eigentlich: Freie Demokratische Partei) ist eine deutsche Splitterpartei (aktuelle Sonntagsumfragewerte: drei Prozent), die sich früher einmal für Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft eingesetzt hat, seit langem aber nur noch am Erhalt der Macht (und der Regierungsfähigkeit) interessiert ist und gerade deshalb dramatisch Macht und Regierungsfähigkeit verliert. Anders gesagt: „Die FDP ist eine Partei in höchster Lebensgefahr“ (Gerhard Baum, FDP-Urgestein).

          „Partei in Lebensgefahr“: Gerhard Baum
          „Partei in Lebensgefahr“: Gerhard Baum : Bild: Fricke, Helmut

          In dieser Not der Partei demissioniert Lindner. Ohne Angabe von Gründen. Er macht künftig das, was Intellektuelle gerne machen, wenn sie den Job quittieren: sie promovieren. Thema (noch) unbekannt, Doktorvater ein Bonner Soziologe. Die Zurückgebliebenen werfen Lindner Schmutz nach und Feigheit vor, bezichtigen ihn der „Illoyalität“ und nennen seinen Weggang „Fahnenflucht“. Das Wort hat in Deutschland Tradition. Noch in den letzten Kriegsmonaten 1945, als der größte Tor gemerkt haben musste, dass die Schlacht verloren war, wurde als Fahnenflüchtiger vor das Standgericht gezerrt, wer aus seinem Wissen Konsequenzen zog.

          Intellektuelle Obdachlosigkeit

          Ist die Schlacht für die FDP verloren? Es sieht ganz danach aus. Das Personal ist verbraucht: Die Uralten (Generation Genscher) und die ziemlich Alten (Generation Westerwelle) sind entmachtet, die Jungen (Generation Rösler) sind gefühlte Ewigkeitsjahre an der Macht, könnten es aber trotzdem nicht, und die noch Jüngeren (Generation Justin Bieber) sind aus Versehen bei den Piraten gelandet oder protestieren bei Occupy vor dem Turm der Europäischen Zentralbank und unter dem Zeichen des wankenden Euro.

          Die FDP aber hat die Euro-Krise verschlafen. Sie hat nichts daraus gemacht. Es ist ein Verrat am Liberalismus. Dass die Euro-Krise für die Partei eine große Chance gewesen wäre, ohne dass sie sich dafür als populistischer oder gar nationalistischer Krisengewinnler hätte schämen müssen, hat die FDP nicht bemerkt. Dass sie es nicht gewagt hat, in der Krise die Nation zur Selbstverständigung über Europa zu bewegen, ist nicht gute liberale Feigheit, sondern mediokre Peinlichkeit. Zwei Drittel der Deutschen trauen den deutschen Rettungseuropäern nicht, wollen aber gute Europäer sein. In ihrer intellektuellen Obdachlosigkeit wurden sie von der FDP nicht getröstet. Ihre Ratlosigkeit wurde stets nur mit der Alternativlosigkeit einer rastlos dahin treibenden Politik (von EFSF über ESM bis zur Haftungs- und Fiskalunion) konfrontiert. Den Kairos hat die FDP nicht ergriffen; den Bürger hat sie allein gelassen. Einen besseren Test auf die Tauglichkeit liberaler Tradition wird es nicht geben. So eine Chance bekommt man nur einmal im Leben.

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