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Al Husseini und der Holocaust : Die Wahrheit über Hitlers „Großmufti“

„Großmufti“ al Husseini traf Hitler zwar, war aber nicht sein Ideengeber. Bild: dpa

Der israelische Ministerpräsident hat die Palästinenser für den Völkermord an den Juden verantwortlich gemacht. Der „Großmufti“ al Husseini war ein Anhänger Hitlers. Aber redete er ihm auch den Holocaust ein?

          Der Erfinder des Holocausts war der „Großmufti“ Hadsch Amin al Husseini gewiss nicht, wie es der israelische Ministerpräsident Netanjahu behauptet hat. Der Führer des Palästinenseraufstands gegen die britische Mandatsmacht war aber ein glühender Bewunderer des nationalsozialistischen Deutschlands und Hitlers.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Husseini leitete von 1941 bis 1945 in Berlin das „Arabische Büro“, das beispielsweise über das Radio gegen die Briten und Franzosen hetzte. Im November 1941 empfing ihn Hitler in Berchtesgaden. Der skrupellose Agitator, der sich den Titel des Großmuftis von Jerusalem zugelegt hatte, pries dabei „Großdeutschland als Freund Nummer 1“ der Araber. Aus jener Zeit ist aus Damaskus der Slogan „Nein Monsieur, nein Mister, Allah im Himmel und Hitler auf Erden“ bezeugt. In Bagdad fädelte al Husseini im April 1941 einen Putsch ein, der deutschfreundliche Offiziere an die Macht hätte bringen sollen. Das Unternehmen scheiterte.

          Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann, galt die Sympathie der meisten Araber nicht den Westmächten, sondern Hitler-Deutschland. Das hatte drei Gründe. Zunächst galt das Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“. Die Araber fühlten sich seit dem Ersten Weltkrieg von den Briten und Franzosen verraten. Die hatten sie nicht in die Unabhängigkeit entlassen, sondern sich die Levante als Mandatsgebiete untertan gemacht. Bald darauf begünstigten sie die Einwanderung der Juden nach Palästina. Gegen die jüdische Einwanderung mobilisierten die Araber den Islam als Waffe, gegen Engländer und Franzosen kämpfen sie als arabische Nationalisten. So konnte ein Theologe und religiöser Agitator wie der Jerusalemer Bürger Hadsch Amin al Husseini den Widerstand gegen die Einwanderung der Juden anführen.

          Zweitens galten die Nationalsozialisten, die sich die Ausrottung der Juden zum Ziel gesetzt hatten, den Arabern als natürliche Bundesgenossen. Al Husseini lieferte ihnen aus Deutschland pseudowissenschaftliche Beweise für eine angebliche „jüdische Weltverschwörung“. Dass gerade die Verfolgung der Juden durch die Nazi-Diktatur die Migration nach Palästina verstärkt hatte, ließen sie außer Acht.

          Drittens sprach viele Araber das Machtgehabe der Nationalsozialisten und die Definition der deutschen Nation über die Rasse mehr an als die demokratischen Werte von Staaten wie Großbritannien und Frankreich, die sich als Willensnationen definierten. Zunächst hatten sich arabische Intellektuelle wie Shakib Arslan dem italienischen Faschismus nahe gefühlt. Der entsprach mit seinem korporativen System gesellschaftlicher Repräsentation und der Idealisierung der Geschichte mehr den Idealen der islamischen Rechten als es der deutsche Nationalsozialismus mit seinem dumpfen Rassismus und Antisemitismus tat. „Mein Kampf“ wurde aber rasch ins Arabische übersetzt und ist in der arabischen Welt bis heute, unter Auslassung der araberfeindlichen Passagen, erhältlich.

          Einige wenige Intellektuelle wie der indische Muslim Inayat Allah al Mashriqi fühlten sich von dem Konzept des „Übermenschen“ angezogen. Eine starke Wirkung auf neue Jugendbewegungen entfaltete aber in arabischen Gesellschaften die Hitlerjugend. Vor allem Jugendliche fühlten sich von den paramilitärischen Formen und Symbolen der faschistischen Organisationen und der Hitlerjugend angesprochen. In dieser Tradition steht noch heute im Libanon die Miliz der maronitischen Christen, die straff organisierte Phalange oder auch Kataib. Sie entstand im doppelten Kampf der Libanesen gegen Frankreich und gegen großsyrische Bestrebungen. Die wichtigsten Parteien, die von den Nationalsozialisten inspiriert wurden, sind die in den dreißiger Jahren in Beirut gegründete Syrische Sozial-Nationalistische Partei und die Liga der Nationalen Aktion, der Vorläufer der Baath-Partei.

          Großbritannien und Frankreich ließen den „Großmufti“ al Husseini, der in französischer Kriegsgefangenschaft geriet, 1945 trotz seiner Kollaboration mit Hitler-Deutschland nach Palästina zurückkehren. Der spätere PLO-Führer Arafat wurde vorübergehend sein Privatsekretär.

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          Quelle: F.A.Z.

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