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Aufarbeitung der Euro-Krise : Barrosos Weisheit und Merkels Tränen

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso: Ein Strippenzieher zweifellos – aber ein Merkel-Vetrauter? Bild: dpa

Die Geschichtsschreibung zur Euro-Krise hat begonnen, und Kommissionspräsident Barroso will besonders gut dastehen. Einen „Plan Z“ für den Austritt Griechenlands gab es aber nicht wirklich.

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          Weil die Euro-Krise angeblich vorbei ist, scheint nun ihre historische Aufarbeitung zu beginnen. Zwar wird es noch dauern, bis die zentralen Akteure ihre Memoiren veröffentlichen. Fast alle von ihnen sind noch aktiv und haben dafür weder Zeit noch Lust. Und immer noch gilt: Die Währungsunion und ihre Wackelkandidaten – Staaten wie Banken – bleiben ein heikles Sujet, über das Politiker lieber nicht leichtfertig plappern. Manchen Beteiligten scheint es freilich wichtig zu sein, der Öffentlichkeit möglichst früh eine Deutung der eigenen Rolle in der Krise zukommen zu lassen. Dazu muss man nicht zwangsläufig selbst ein Buch schreiben, man kann sich auch mit jenen offenherzig unterhalten, die ein solches Buch als Beobachter von außen schreiben wollen.

          Werner Mussler
          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Das hat erkennbar der Präsident der EU-Kommission, José Manuel Barroso, getan. In einem Buch des Brüsseler Bürochefs der „Financial Times“, Peter Spiegel, das demnächst erscheinen und derzeit in einer Artikelserie der britischen Finanzzeitung quasi vorabgedruckt wird, kommt Barroso auffallend gut weg. Vor allem als derjenige, der in den verschiedenen Stadien der Krise den jeweiligen griechischen Regierungsverantwortlichen Vernunft gepredigt und so verhindert hat, dass die anderen Kreditgeber endgültig die Geduld mit den Griechen verloren. Dass Barroso selbst die wichtigste Quelle für Spiegels Buch war, gilt in Brüssel als offenes Geheimnis.

          Wahrscheinlich spielte der in Athen schon immer gut vernetzte Portugiese Barroso tatsächlich eine wichtige Rolle als Griechen-Versteher und -Aufpasser. Auf sehr dünnes Eis begibt sich Spiegel aber, wenn er Barroso als eine der engsten Vertrauenspersonen der Bundeskanzlerin beschreibt. Das Vertrauen Angela Merkels habe sich Barroso erworben, als er Mitte 2012 – ganz im Sinne der Kanzlerin – in der Kommission einen Geheimplan habe ausarbeiten lassen, der im äußersten Notfall den Austritt Griechenlands aus dem Euro ermöglicht hätte. Als Merkel im Juni 2012 nach der Existenz eines solchen Planes fragte, bot Barroso laut Spiegel an, ihr diesen zu zeigen. Merkel habe aber geantwortet, sein Wort, dass dieser „Plan Z“ existiere, reiche ihr aus. Sie wolle ihn gar nicht haben, weil sie sonst womöglich gezwungen wäre, darüber auch dem Deutschen Bundestag Auskunft zu erteilen.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel
          Bundeskanzlerin Angela Merkel : Bild: AFP

          Das ist eine mindestens verzerrte Darstellung. Dass Merkel und Barroso in der Krise als harmonisches Duo auftraten, wäre wirklich etwas Neues. In Wahrheit nahm die Kanzlerin den Kommissionschef in der Krise als geschäftigen Luftikus wahr, der sich vor allem in den Krisenstaaten als Retter in Szene zu setzen versuchte. Barroso selbst fand diese Einschätzung ungerecht, weil er ja den Regierungen dieser Länder einen Reform- und Sparkurs nahegelegt habe. So oder so: Für Merkel waren auf dem Höhepunkt der Krise andere Mit- und Gegenspieler wichtiger als Barroso: Frankreichs damaliger Staatspräsident Nicolas Sarkozy, EZB-Präsident Mario Draghi, IWF-Direktorin Christine Lagarde, Ratspräsident Herman Van Rompuy sowie der damalige Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker.

          Und der „Plan Z“ zum „Grexit“? Auch Spiegel weiß nicht, ob er im Juni 2012 tatsächlich in Barrosos Schublade lag. Gesehen hat er ihn genauso wenig wie Angela Merkel. Fest steht: Ernsthaft politisch erwogen wurde der griechische Euro-Austritt in Brüssel nie. Zu keinem Zeitpunkt habe sich die Eurogruppen-Arbeitsgruppe, der die Finanzstaatssekretäre der Eurostaaten angehören und die unter dem Vorsitz des Österreichers Thomas Wieser die Treffen der Finanzminister vorbereiten, mit solchen Planspielen beschäftigt, heißt es in der Eurogruppe. Fest steht aber wohl auch: In ganz kleinen Zirkeln von Fachleuten wurde im ersten Halbjahr 2012 schon darüber nachgedacht, wie sich ein griechischer Euroaustritt im Extremfall organisieren ließe.

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