Automobilindustrie in der Krise : VW startet erste Demontagelinie in Zwickau

In Zwickau will Volkswagen jedes Jahr bis zu 15.000 Fahrzeuge auseinanderbauen. Die Fahrzeugproduktion droht hingegen 2031 auszulaufen.
Das Motto der Veranstaltung „Beginn der Demontage“ dürfte dem einen oder anderen im Volkswagen-Werk in Zwickau kalte Schauer über den Rücken jagen. Denn der traditionsreiche Automobilstandort in Südwestsachsen, an dem Modelle wie die elektrischen Kompaktwagen ID.3 und Cupra Born sowie der Audi Q4 vom Band laufen, ist wegen der VW-Krise von der Schließung bedroht. Die Eröffnung der konzernweit ersten Demontagelinie von VW ist aber eine gute Nachricht für das Werk. Das ließ sich am Mittwoch auch VW-Vorstand Thomas Schäfer nicht entgehen, der im Konzern für die Marke Volkswagen verantwortlich ist. „Ab heute bauen wir in Zwickau Autos nicht nur zusammen, sondern auch wieder auseinander, mit derselben industriellen Präzision“, sagte Schäfer.
Für Volkswagen ist es ein Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft, die auch wegen wachsender regulatorischer Anforderungen an die Industrie an Bedeutung gewinnt. Von 2030 an will VW in Zwickau jedes Jahr mehr als 15.000 Fahrzeuge zerlegen, um Originalserienteile für den Handel und Rohstoffe für die Produktion zu gewinnen. Für das Werk in Zwickau ist der Einstieg in die Demontage eine Perspektive in schwierigen Zeiten. Bis zu 1000 Arbeitsplätze könnten in den nächsten Jahren neu entstehen. Für den ersten Schritt plant VW mit etwa hundert Mitarbeitern in der Demontage. Sie sollen im nächsten Jahr etwas mehr als 4000 Fahrzeuge auseinanderbauen.
Auch der sächsische Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) gratulierte zur Eröffnung. Von den 90 Millionen Euro, die VW in das Gesamtprojekt am Standort investieren will, steuert der Freistaat rund zehn Millionen bei. „Hier zeigt sich, wie Volkswagen, seine Beschäftigten und der Freistaat Sachsen gemeinsam an tragfähigen Lösungen für die Zukunft der Automobilindustrie arbeiten“, sagte der Minister. Die Zukunft der Produktion mit derzeit rund 8000 Beschäftigten im Werk in Zwickau ist dagegen ungewiss. „Die Kreislaufwirtschaft ist für uns wichtig, unser Hauptstandbein ist aber die Fahrzeugproduktion, und da müssen wir über die Zukunft reden“, sagte Panter in Richtung Wolfsburg.
„Wir schauen in einen Abgrund“
Volkswagen steckt in der Krise und will die Produktion an vier deutschen Standorten schon in wenigen Jahren auslaufen lassen. In Zwickau könnte 2031 Schluss sein. Die Auslastung des Werks liegt schon länger deutlich unterhalb der Produktionskapazität von jährlich bis zu 360.000 Elektrofahrzeugen. „Wir schauen in einen Abgrund“, sagte der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) am Montag bei einem Treffen mit Vertretern des Netzwerks Automobilzulieferer Sachsen und der Initiative Transformationsnetzwerk Automobilregion Südwestsachsen in Zwickau. Erst in der vergangenen Woche hatte die Staatskanzlei den Druck auf Volkswagen erhöht, in der Automobilproduktion Perspektiven für Zwickau zu schaffen.
Kretschmer hat dafür ein eigenes Konzept vorgelegt. Er schlägt vor, dass eine neue Gesellschaft das Werk in Zwickau übernimmt. Volkswagen würde die Kontrolle behalten. Eine Produktion zu wettbewerbsfähigen Kosten soll durch Zugeständnisse der Beschäftigten erreicht werden. Die Gewerkschaft IG Metall nahm das Engagement des Ministerpräsidenten für den Standort in der vergangenen Woche positiv auf. Jede Einmischung der Politik in die Tarifautonomie lehnte sie aber nachdrücklich ab.
Den Start der Demontagelinie in Zwickau wertete die IG Metall als „richtiges Signal, dass VW nun endlich mit dem Einstieg in die Kreislaufwirtschaft in Zwickau loslegt“. Die Eröffnung hätte man sich allerdings früher und in größerer Dimension mit mehr Arbeitsplätzen gewünscht, sagte Jan Otto, der Bezirksleiter der IG Metall für Berlin, Brandenburg und Sachsen. „Das Volkswagen-Management steht weiter in der Verantwortung, nicht nur die Demontagelinie rasch auszubauen“, sagte er. Mit einer dauerhaften Auslastung des Autowerkes müsse auch die Beschäftigung in der Produktion nachhaltig gesichert werden.
Erfahrung mit Kreislaufwirtschaft
Angaben zu den Umsatz- und Ergebniserwartungen im Geschäft mit der Kreislaufwirtschaft machte Volkswagen am Tag vor der Veröffentlichung der jüngsten Quartalszahlen nicht. Die Frage nach der Wirtschaftlichkeit des Geschäftsfelds beantwortete Andreas Walingen als verantwortlicher Manager zumindest indirekt: „Es muss wirtschaftlich sein, denn alles, was bei Volkswagen im Moment freigegeben wird, muss einer intensiven Befragung standhalten“, sagte er.
Die Überführung des Demontageprozesses von einem Werkstattsetting in einen seriellen Prozess wurde schneller als geplant umgesetzt. „Zwickau liefert“, sagte Danny Auerswald, der Sprecher der Geschäftsführung von VW Sachsen. Bei der Umsetzung des Projekts habe man alle Synergien zwischen Fahrzeugbau und Fahrzeugdemontage bei der Einrüstung und der Prozessgestaltung genutzt. „Der Effizienzgedanke ist uns aus der Großserie nicht neu“, sagte Auerswald.
Das Thema Kreislaufwirtschaft ist dem Standort ebenfalls vertraut. Schon der VEB Sachsenring Kraftfahrzeug- und Motorenwerk Zwickau, der an dem Standort den Trabant produzierte, nutzte für die Außenhaut des „Trabbi“ aus Duroplast auch Sekundärrohstoffe, darunter Baumwollabfälle aus der damaligen Sowjetunion. Die neue Demontagelinie steht in der Halle 23, in der zuletzt das Anlaufmanagement untergebracht war. Das Anlaufmanagement verantwortet bei Serienanläufen den Übergang von der Entwicklung über die Vorserie bis hin zur Serienproduktion im Werk.





