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Capital Region : Gott segne unsere Einwanderer

Einheimische statt Touristenrummel: Der Fischmarkt am Potomac River in Washington. Bild: Mark Henley/VISUM

Die Capital Region besteht nicht nur aus Kongress und Weißem Haus. Sie ist auch die Heimat wunderbar weltoffener Menschen, die ihre eigene Sicht der Dinge haben: Begegnungen mit einem anderen Amerika in Washington, Maryland und Virginia.

          Der demokratischste Ort in der Hauptstadt der ältesten Demokratie des amerikanischen Doppelkontinents ist der alte Fischmarkt am Ufer des Potomac River, eine Ansammlung patinöser Verkaufsstände mit blinkenden Kirmeslichtern, dampfenden Suppentöpfen und gargantuesken Sinnesfreudentheken. Hier liegen in schönster, fangfrischster Eintracht Makrelenhaie neben Meeräschen, Venusmuscheln neben Froschschenkeln, Tintenfische neben Thunfischen. Und hier trifft sich ebenso einträchtig ganz Washington zum Einkauf oder Imbiss, schlürft Austern, knackt Königskrabben, löffelt Clam Chowder, Schwarze und Weiße, Millionäre und Millionärspersonal, oberste Richter und einfachste Arbeiter, Anhänger der Redskins und Fans der Giants, sogar Republikaner und Demokraten, bei Hummer und Languste brüderlich und schwesterlich vereint, was in Zeiten der nationalen Zerrissenheit einem Wunder gleichkommt, das nur noch hier geschieht, an diesem Ort egalitären Genusses, an dem Amerika so ist, wie es einmal war.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Ein Wunder ist es auch, dass es den Fischmarkt überhaupt noch gibt. Denn er liegt mitten im größten urbanen Entwicklungsprojekt der amerikanischen Hauptstadt seit dem Bau der National Mall, einer zweieinhalb Milliarden Dollar teuren Zeitenwende, die Washington zum Wasser öffnet und zur maritimen Stadt werden lässt. Aus dem vergessenen Ufer des Potomac, an dem jahrzehntelang nur der Fischmarkt und ein rachitischer Yachtclub dem Verfall trotzten, ist The Wharf geworden, ein neues Washington voller Leben und Betriebsamkeit, Promenaden und Piers, Bars und Restaurants, Hotels und Apartments, Musikclubs und einem Auditorium für 6000 Besucher.

          Black and proud

          The Wharf wurde erst im vergangenen Jahr eröffnet und ist sofort zur neuen guten Stube der Washingtonians geworden, die am Potomac keinen Touristenrummel wollen wie am Fisherman’s Wharf in San Francisco, sondern einen Ort für sich. Und so gibt es hier nicht nur den wider aller Investorenlogik unantastbaren Fischmarkt, sondern auch einen Fahrradladen und ein Yoga-Studio, eine Buchhandlung und ein Fachgeschäft für Bootsbedarf, einen italienischen Delikatessenhandel und eine Rum-Destillerie, auf deren Schornstein die pazifistische Aufforderung „Make Rum, not War“ prangt, wie zum Trotz in Zeiten des perpetuierten Kriegsgeheuls.

          Das National Museum of African American History and Culture in Washington.

          Washington ist im Wandel, was ein wenig untergeht im Lärm, der pausenlos aus dem Weißen Haus dringt. The Wharf hat die Stadt wieder ans Wasser gebracht und das 2016 eröffnete National Museum of African American History and Culture das Land ein wenig näher zu sich selbst. Es ist die jüngste Perle in der Kette großartiger Museen entlang der National Mall und eine einzige Hommage mit allen Mitteln moderner Museums-Multimedia an das schwarze Amerika. Voller Stolz und Optimismus, ohne Revanchismus oder Larmoyanz werden Schlüsselmomente der schwarzen Emanzipation dokumentiert, etwa Tommie Smith und John Carlos als lebensgroße Statuen, die bei den Olympischen Spielen in Mexiko 1968 als Protest gegen Rassismus mit gesenktem Kopf und gereckter Faust auf der Siegertreppe stehen, ein ganz einfaches und doch ungemein eindrückliches Bild.

          Natürlich fehlt auch Martin Luther Kings epochale Rede „I have a dream“ nicht, 1963 auf der National Mall gehalten, die damals ein einziges Menschenmeer war, wenngleich nicht ganz so voll wie bei der Amtseinführung des gegenwärtigen Präsidenten, als bekanntlich 325,7 Millionen Menschen anwesend waren, also sämtliche Amerikaner. Und niemand fasst die Botschaft dieses Museums so simpel und zugleich so endgültig zusammen wie der Soul-Sänger James Brown, dessen Satz uns noch lange begleiten wird in diesem stolzen Land: „I’m black and I’m proud.“

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