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Übergriffe in Köln : Die Frage der Zufälligkeit

Ermittlungen nach den Übergriffen in Köln: Haben die Täter miteinander kommuniziert und sich verabredet? Bild: dpa

Bald nach den Exzessen in der Kölner Silvesternacht kamen Mutmaßungen auf, die Täter seien organisiert vorgegangen. Nun gibt es konkrete Hinweise.

          Kaum waren die Ausmaße der Gewalttätigkeiten der Kölner Silvesternacht bekannt geworden, da stellte sich die Frage: War das organisiert? Wenn ja: von wem? Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hatte zu Beginn der vorigen Woche, als das Thema im politischen Berlin angekommen war, von einer „völlig neuen Dimension organisierter Kriminalität“ gesprochen. Er hatte, so hieß es später, den Begriff allerdings nicht im technischen Sinne gewählt.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Organisierte Kriminalität als fachlicher Terminus ist präzise definiert, bezeichnet die „von Gewinn- oder Machtstreben bestimmte planmäßige Begehung von Straftaten“, wenn mehr als zwei Beteiligte „auf längere oder unbestimmte Dauer arbeitsteilig“ zusammenarbeiten und dabei gewerbliche oder geschäftsähnliche Strukturen verwenden, Gewalt oder andere zur Einschüchterung geeignete Mittel verwenden, Einfluss nehmen auf Politik, Massenmedien, die öffentliche Verwaltung, die Justiz oder die Wirtschaft.

          Man sehe keine Organisierte Kriminalität

          Auch wenn der wesentliche Teil der Aufklärung der Taten den Behörden des Landes Nordrhein-Westfalen obliegt, so hat sich inzwischen das Bundeskriminalamt eingeschaltet. Unter Befragung aller Landeskriminalämter versucht das BKA ein Bild davon zu bekommen, ob und in welchem Ausmaß die Vorfälle abgesprochen und koordiniert waren. Er wolle nicht von Organisierter Kriminalität sprechen, schilderte BKA-Präsident Holger Münch am Dienstag erste Erkenntnisse. Diese habe „nochmal eine andere Qualität“. Da handele es sich um „geschlossene“ und „hierarchische Gruppierungen“, sagte er dem RBB. „Das sehen wir auf den ersten Blick hier nicht.“ Doch erkenne man, dass die Täter miteinander kommuniziert und sich verabredet hätten. In der Regel finde so etwas über soziale Netzwerke statt, sagte Münch. „Was wir sehen, ist dass Täter aus dem regionalen und überregionalen Raum zu Werke waren.“

          Maas, ein Volljurist, der mit den Begrifflichkeiten seines Ressorts sicher umgeht, hatte mit seiner Wortwahl wohl ein frühes Zeichen setzen wollen dafür, dass es sich hier nicht um eine zufällige Begegnung von vielen Tätern gehandelt habe. Am Wochenende hatte er in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ vorsichtiger formuliert: „Wenn sich eine solche Horde trifft, um Straftaten zu begehen, scheint das in irgendeiner Form geplant worden zu sein. Niemand kann mir erzählen, dass das nicht abgestimmt oder vorbereitet wurde.“

          Ähnlich hatte sich schon am Mittwoch vergangener Woche der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) geäußert. Seine Lebenserfahrung sage ihm, „dass die sich da nicht immer unbedingt zufällig getroffen haben.“ Am Montag präzisierte Jäger seine Einschätzung im Innenausschuss des Landtags in Düsseldorf. Demnach entwickelte sich die Lage am Silvesterabend stufenweise. Er glaube, dass in einem gruppendynamischen Prozess in Verbindung mit Alkohol und krimineller Energie von einigen Hemmschwellen gefallen seien.

          Vorgehen der Straftäter vorrangig sexuell motiviert

          Der Bericht seines Hauses, den Jäger am Montag dem Landtag vorlegte, lässt auch in der Frage, ob und wie sich die Täter organisierten, noch vieles offen. So sind sich die Ermittler noch immer nicht darüber im Klaren, ob hinter den sexuell motivierten Massenübergriffen auf Frauen eine oder mehrere von einander unabhängig agierende Gruppen steckten. Der Umstand, dass es in mehreren deutschen Städten wie Stuttgart, Düsseldorf oder Hamburg zu sexuellen Übergriffen kam, lasse eher darauf schließen, „dass die Delikte nicht zeitgleich oder hierarchisch organisatorisch vorgeplant wurden“, so der Bericht.

          Art und Anzahl der körperlichen Übergriffe wiesen jedenfalls darauf hin, „dass das kriminelle Vorgehen der Straftäter zumindest offenbar vorrangig sexuell motiviert und nicht immer sogleich auf die Erlangung von Diebesgut ausgerichtet war.“ Die Gewalttaten müssen nach Einschätzung des nordrhein-westfälischen Innenministeriums insbesondere klar von sogenannten Antanzdelikten unterschieden werden. Tatsächlich wählen sich Trickdiebe, die als „Antänzer“ unterwegs sind, vernehmlich (betrunkene) Männer als leichte Opfer aus.

          Am 8. Januar hat die „Arbeitsgemeinschaft Kripo“ im Auftrag der Innenressorts von Bund und Ländern beschlossen, das in Deutschland neue Kriminalitätsphänomen „sexuell motivierte Massenübergriffe auf Frauen“ zu analysieren. Auch Erkenntnisse aus dem Ausland sollen einbezogen werden, heißt es in Jägers Bericht. „So liegen dem Bundeskriminalamt Erkenntnisse dazu vor, dass in arabischen Ländern ein Modus Operandi bekannt ist, der als ,taharrush gamea‘ (gemeinschaftliche sexuelle Belästigung in Menschenmengen) bezeichnet wird. Darüber wurde zum Beispiel anlässlich der ägyptischen Revolution von den Medien berichtet.“

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