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Macron in der TV-Debatte : Der Klassenstreber überzeugt die Franzosen

24 Prozent der Franzosen fanden, dass Emmanuel Macron in der ersten Fernsehdebatte am meisten überzeugte. Bild: Reuters

Erst mit dem Burkini wurde die erste Fernsehdebatte im französischen Wahlkampf spannend: Le Pen attackierte ihren neuen Lieblingsgegner Macron – und erklärte, nicht Merkels Vizekanzlerin werden zu wollen.

          Mit der Fernsehdebatte der fünf wichtigsten Kandidaten hat der Wahlkampf in Frankreich endlich richtig begonnen. Emmanuel Macron hatte am meisten zu verlieren – und hat sich am besten behauptet. 24 Prozent der Fernsehzuschauer, hat das Umfrageinstitut Opinionway am Ende der fast dreieinhalb Stunden langen Diskussion ermittelt, fanden Macron am überzeugendsten. François Fillon und Marine Le Pen lagen in dieser Befragung mit 19 Prozent gleichauf. Jean-Luc Mélenchon, der Linkspopulist mit dem meisten Witz, überzeugte 15 Prozent. Der sozialistische Kandidat Benoît Hamon bildete das Schlusslicht mit zehn Prozent.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der Achtungserfolg für Macron war dabei nicht selbstverständlich. Zunächst schien es, als habe der jüngste und unerfahrenste der Kandidaten die Rolle des Klassenstrebers gewählt. Brav beantwortete er die Fragen der Moderatoren, den Kopf vor Aufregung leicht wippend, wie ein beflissener Musterschüler. Vom „Erneuerungswillen“, den der 39 Jahre alte Präsidentenanwärter verheißt, war dabei nichts zu spüren. Er erläuterte, er wolle „die Gesichter und die Gewohnheiten erneuern“, die Ideen erwähnte er nicht.

          Erst der Burkini, die islamisch geprägte Badetracht, die schon im vergangenen Sommer die Nation aufgebracht hatte, riss die Debatte aus der angestrengten Klassenzimmeratmosphäre. Macron zeigte, dass er unter verbalem Beschuss zur Bestform aufläuft. „Vor ein paar Jahren gab es keine Burkinis an unseren Stränden. Ich weiß, Sie sind dafür, Monsieur Macron“, griff Marine Le Pen ihren mutmaßlichen Kontrahenten für die entscheidende Stichwahl am 7. Mai an. „Madame Le Pen, ich brauche keinen Bauchredner!“, konterte Macron und warf der Rechtspopulistin vor, in die von den Islamisten gestellte Falle zu gehen. „Sie spalten die Gesellschaft!“, hielt er ihr vor.  Das war das erste von mehreren verbalen Scharmützeln zwischen Macron und Le Pen, die wie eine Übung für das entscheidende Fernsehduell zwischen den beiden Wahlgängen wirkten.

          Le Pen hat in dem früheren Investmentbanker ihren Lieblingsgegner ausgemacht. Er gilt für sie als Repräsentant der internationalen Finanzoligarchie, der die Interessen des französischen Volkes an das Großkapital und die EU verraten hat. „Ich will Präsidentin der Französischen Republik werden, aber ich strebe nicht danach, eine Region der EU zu verwalten. Ich will nicht Vizekanzlerin von Frau Merkel werden“,  sagte Le Pen und ließ anklingen, dass sie Macron verdächtigt, genau diese Rolle einnehmen zu wollen. Tatsächlich blieb Macron ziemlich schwammig, als er sich zur Flüchtlingskrise und zur künftigen Einwanderungspolitik äußern sollte. Das lag auch daran, dass ihn der Republikaner François Fillon scharf für seine Lobesworte auf Angela Merkels Flüchtlingspolitik gerügt hatte.

          Fillon gesteht Fehler ein – „aber wer hat keine?“

          Fillon gab klar zu verstehen, dass er eine restriktive Aufnahmepolitik fortsetzen will und die zurückliegenden Entscheidungen der Bundesregierung in der Flüchtlingsfrage missbilligt. Macron sagte, er wolle ein „starkes Europa“ und „gut gesicherte Grenzen“,  aber auch den europäischen Werten gerecht werden. „Sie haben ein unglaubliches Talent, Sie schaffen es, sieben Minuten lang zu reden und ich bin nicht in der Lage, Ihre Gedanken zusammenzufassen. Sie haben nichts gesagt, nur hohle Worte“, kritisierte Le Pen den Umfragefavoriten. Die Rechtspopulistin bleibt eine gefährliche Gegnerin, weil sie es versteht, die Schwächen ihres Herausforderers zu enthüllen und sich als Anwältin der einfachen Leute zu gerieren.

          Die fünf aussichtsreichsten Kandidaten im französischen Präsidentschaftswahlkampf bei der ersten TV-Debatte

          Nachdem die zurückliegenden Wochen fast ausschließlich von den Korruptionsaffären um Fillon geprägt waren, war es beinahe wohltuend, dass der Skandal nur kurz zur Sprache kam. Die Moderatoren schreckten ganz offensichtlich zurück, das Thema anzuschneiden. Mélenchon war es schließlich, der sich über diese „gazellenartige Schamhaftigkeit“ wunderte und eine VI. Republik fordert, um für immer mit den Sitten der „republikanischen Monarchie“ abzuschließen. Fillon gestand am Schluss nochmals „Fehler“ ein, relativierte diese jedoch sofort mit dem Beisatz: „Aber wer hat keine?“

          Fillon zeigte, dass mit ihm noch zu rechnen ist. Gerade bei älteren Leuten dürfte seine gelassene, erfahrene Darstellung der französischen Herausforderungen gut ankommen. Hamon hingegen scheint sich gänzlich von der Hoffnung verabschieden zu müssen, noch einen Durchbruch erzielen zu können. Sein linker Rivale Mélenchon ist einfach der bessere politische Showmaster. Zehn Millionen Franzosen schauten der Fernsehdebatte zu, die eine Premiere im französischen Wahlkampf darstellte. Der Privatsender TF1 hatte den Regisseur von „The Voice“ mit der Sendeleitung beauftragt. Zwei weitere Debatten sollen noch folgen, dann allerdings mit allen elf Kandidaten.

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