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Streit um Flüchtlinge in Freital : Wenn die Saat des Hasses aufgeht

  • -Aktualisiert am

Seit Wochen herrscht in Freital eine angespannte Atmosphäre: So muss die Polizei auch in der Nacht eine Unterkunft von Asylbewerbern schützen. (Archivbild Ende Juni) Bild: dpa

Im sächsischen Freital explodiert das Auto eines Politikers der Linkspartei, der sich für Flüchtlinge einsetzt. Ein Anschlag? Der Fraktionschef spricht von „Todesdrohungen und Hass“.

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          Es ist noch keine zwei Wochen her, da äußerte Michael Richter offen Skepsis und eine böse Vorahnung. Gerade hatten die Stadtverwaltung Freital, die „Organisation für Weltoffenheit und Toleranz Freital und Umgebung“ sowie die Initiative „Freital wehrt sich. Nein zum Heim“ eine Art Friedensvereinbarung geschlossen, die vorsah, die seit Tagen andauernden Demonstrationen vor dem als Asylbewerberheim genutzten einstigen Hotel „Leonardo“ zu „minimieren, um alten und neuen Anwohnern die nötige Ruhe zu gönnen und die Heimleitung zu entlasten“.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Richter, Fraktionsvorsitzender der Partei die Linke im Freitaler Stadtrat, bezweifelte, dass die Vereinbarung etwas bringen würde. Er traue der Abmachung nicht, sagte er damals dem MDR, und dass er davor gewarnt habe, sich mit „Nazis“ an einen Tisch zu setzen. Diese würden auf inoffiziellen Kanälen im Internet irgendetwas planen.

          Am Montagmorgen gegen 0.45 Uhr gab es auf der Dresdner Straße im Freitaler Stadtteil Deuben eine Detonation, und als Richter, aufgeweckt von dem Lärm, aus dem Fenster seiner Wohnung schaute, sah er schwarze Rauchwolken aus seinem Auto steigen. Eine Explosion hatte seinen 14 Jahre alten VW Golf völlig zerstört sowie ein weiteres Fahrzeug stark beschädigt.

          Am Montag untersuchten Kriminaltechniker das Wrack, die Polizei ermittelt in alle Richtungen; Personen seien nicht verletzt worden, einen Sprengstoffanschlag schlossen die Beamten nicht aus. Das Operative Abwehrzentrum, Sachsens Spezialeinheit gegen Extremismus, prüfte am Montag die Übernahme der Ermittlungen. Richter selbst vermutet die Täter im Lager der Asylgegner. Bereits wenige Minuten nach der Explosion soll die sogenannte „Bürgerwehr Freital/360“ den mutmaßlichen Anschlag auf ihrer Facebookseite gemeldet haben; am Montag waren dort nur dunkle Fotos von einem Autowrack, das abgeschleppt wird, sowie der Satz „Nein, wir waren es nicht“ zu finden.

          Richter setzt sich seit Jahresbeginn, als erste Pläne für das Asylheim in Freital öffentlich wurden und der Widerstand schnell wuchs, klar und deutlich für Toleranz gegenüber Flüchtlingen ein, und er organisierte auch die Pro-Asyl-Demonstrationen vor dem einstigen Hotel mit. Er ist damit zu einer Art Lieblingszielscheibe der Asylgegner geworden, erhielt bereits mehrfach massive Morddrohungen. Besonders vor der Oberbürgermeisterwahl in Freital Anfang Juni, bei der er für die Linkspartei kandidierte, fand er oft entsprechende Pamphlete im Briefkasten, und auch im Internet wird er regelrecht verfolgt, wird jede seiner Äußerungen zumeist hasserfüllt kommentiert.

          „Todesdrohungen und Hass“

          Vielleicht liegt es an einem gewissen Gewöhnungseffekt, dass sich Richter am Montagmorgen zwar entsetzt zeigte, dann aber zunächst ein neues Auto kaufen ging. Am Nachmittag sagte er auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz in Freital, dass der Anschlag auf sein Auto nur die „Spitze des Eisbergs“ sei und dass nicht nur er Todesdrohungen, Ablehnung und Hass zu spüren bekomme, sondern viele Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzten. Da breche sich gerade eine aufgeheizte Stimmung Bahn, der rechte Terror sei zurück in Sachsen. „Ich sage Ihnen aber auch ganz klar: Ich werde mich davon nicht einschüchtern lassen“, sagte Richter. „Wir können die Straße nicht denen überlassen, die offen Hass gegen Menschen propagieren.“

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