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Schadensbilanz Rheinland-Pfalz : „Ein kolossales, apokalyptisches Ausmaß“

  • -Aktualisiert am

Was das Wasser übrig ließ: Flutreste in Ahrweiler Bild: Reuters

128 Tote, 62 zerstörte Brücken im Kreis Ahrweiler und noch immer völlig abgeschnittene Gebiete. Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz zieht eine erste Bilanz.

          3 Min.

          Erste Zahlen verdeutlichen, wie immens die Infrastruktur von der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands getroffen wurde. Im rheinland-pfälzischen Kreis Ahrweiler wurden 62 Brücken vollständig zerstört und 13 weitere schwer beschädigt. 14 von 16 Schulen im Ahrtal können nicht mehr benutzt werden, 19 Kitas sind zerstört. Auch die Straßen- und Eisenbahnlinien wurden weggespült. Das sagte der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) am Donnerstag bei einer gemeinsamen Sondersitzung der Ausschüsse für Inneres, Klima und Finanzen im rheinland-pfälzischen Landtag. Die Schäden hätten ein „kolossales, apokalyptisches Ausmaß“, die Dimension der Katastrophe sei für Rheinland-Pfalz, aber auch darüber hinaus „völlig neu“, sagte Lewentz.

          Julian Staib
          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Bei der Katastrophe sind nach Angaben von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) in Rheinland-Pfalz 128 Menschen ums Leben gekommen, mehr als 760 wurden verletzt, 155 werden noch vermisst. Die Rettungskräfte haben inzwischen die Hoffnung weitgehend aufgegeben, Vermisste noch lebend bergen zu können. In der Region sind weiterhin viele Menschen von der Versorgung mit Trinkwasser, Strom und Gas sowie von einer Telefonverbindung abgeschnitten. „Diese Katastrophe wird unser Land auf lange Zeit prägen“, sagte Dreyer am Donnerstag. Der Wiederaufbau werde langwierig werden und sehr viel Geld kosten. Dafür sei eine „nationale Kraftanstrengung“ notwendig.

          Die Landesregierung stellt den betroffenen Menschen maximal 3500 Euro Soforthilfen pro Haushalt zur Verfügung, die ohne eine Bedürftigkeitsprüfung ausgezahlt werden sollen. Zudem stellt das Land zusammen mit dem Bund 200 Millionen Euro für den Wiederaufbau zur Verfügung. Allein auf dem zentralen Spendenkonto des Landes sind nach Angaben Dreyers 8,57 Millionen Euro eingegangen. Das Geld soll ebenfalls über die Kreise und Kommunen an die Betroffenen gehen.

          Dreyer wiederholte ihre Aussage, das Land sei beim Thema Hochwasser eigentlich gut aufgestellt. „Doch kein Damm konnte diese Flutwelle aufhalten“, das Wasser sei „wie ein Tsunami“ gekommen, so Dreyer. Die Szenen vor Ort überstiegen das, „was selbst erfahrenste Retter je gesehen haben“. Lewentz verwies im Landtag darauf, dass es etwa durch den Deutschen Wetterdienst Warnungen vor extrem ergiebigem Dauerregen und hohen Pegelständen gegeben habe. Die Warnung der Bevölkerung sei aufgrund der kommunalen Selbstverwaltung „Pflichtaufgabe“ der Kommunen. Lewentz’ Angaben nach sind etwa über die App Katwarn Warnungen vor der Katastrophe erfolgt, auch gebe es viele Berichte über Sirenen in der Region, die angegangen seien. Doch hätten eventuell manche Menschen die Warnungen falsch eingeschätzt oder gar nicht wahrgenommen. Es gebe in dem Bereich „viele Dinge, die neu justiert werden müssen“, so Lewentz. Aufgrund des Hochwassers sei später die Kommunikation „zusammengeklappt“, viele Gebäude, auf denen Sirenen installiert gewesen seien, „gibt es heute nicht mehr“, so Lewentz. Er bezeichnete die Belastung der Einsatzkräfte als weiterhin enorm. Stand Mittwoch seien 1050 Polizisten, mehr als 850 Soldaten sowie rund 3500 Brand- und Katastrophenschützer aus dem gesamten Bundesgebiet im Einsatz gewesen.

          Klima- und Umweltschutzministerin Anne Spiegel (Grüne) verwies am Donnerstag im Landtag darauf, dass bei großen Flüssen mittlerweile eine Hochwasservorhersage recht präzise möglich sei, nicht aber bei kleinen Flüssen wie der Ahr oder gar bei Bächen. Spiegel bezeichnete die Katastrophe als Ereignis „weit jenseits eines hundertjährigen Hochwassers“, selbst Bäche und kleinste Flüsse, die normalerweise einen Pegelstand von einem Meter oder weniger hätten, seien auf sechs bis sieben Meter und mehr angeschwollen. „Ein Schutz vor solch verheerenden Wassermengen ist nicht möglich“, sagte Spiegel.

          Ihren Angaben nach wurden im Ahrtal mehrere Kläranlagen beschädigt oder eventuell ganz zerstört, etwa jene in Sinzig. Auch das Abwasserwerk der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler ist nach Angaben der Stadt stark beschädigt. An vielen Orten wurden neben den Trinkwasserrohren auch die Abwasserrohre zerstört. Die verbliebene Kanalisation ist vielerorts mit Schlamm verstopft. Vor Ort stinken das Wasser der Ahr und der Schlamm, den die Fluten in den Gebäuden und der Landschaft hinterlassen haben, erkennbar nach Kraftstoff. Vielerorts wurden in überspülten Häusern die Öltanks geflutet, auch Tankstellen sowie Produktionsstätten von Unternehmen wurden zerstört. So sollen nach Angaben der örtlichen Wasser- und Naturschutzbehörde Giftstoffe, Heizöl und Chemikalien ins Wasser gelangt sein. Das Technische Hilfswerk hat nun an mehreren Orten entlang der Ahr Anlagen zur Aufbereitung von Trinkwasser aufgebaut.

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