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„DB hinkt hinterher“ : Macht Platz für Fahrräder im ICE!

  • -Aktualisiert am

Ein Fahrrad wird in einem ICE-4-Zug verstaut. Bild: dpa

Die DB hat einen Trend verschlafen: Immer mehr Reisende wollen ihre Fahrräder mitnehmen. Beim Umbau der ICE-3-Züge wurde das nicht berücksichtigt. Ein Gastbeitrag.

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          Der Fahrradtourismus in der EU boomt seit mehr als zwei Jahrzehnten, die jährliche Zuwachsrate beträgt zwanzig Prozent. Durch den Transport der Radler, zum Beispiel zu ihrem Tourstart, könnte die DB viel Geld verdienen – wenn sie es wollte und die notwendige Transportkapazität anbieten würde.

          Die Wettbewerber der DB haben sich längst auf den Radtransport eingestellt. So muss man bei vielen Airlines, etwa bei der Lufthansa, heute nicht mehr die Pedale vom Fahrrad abschrauben, die Räder abmontieren, den Lenker umstellen und das Rad verpacken, sondern kann sein Fahrrad, so wie es ist, als großes Gepäckstück einchecken und bekommt es auch so zurück. Auch Flixbus hat die Fahrradmitnahme in den Bussen ermöglicht. Innerhalb von drei Jahren stieg die Anzahl der im Flixbus transportierten Fahrräder von 15.000 auf mehr als 100.000 pro Jahr.

          Anders als die DB, haben die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) die Zeichen der Zeit erkannt. Die neuen Railjets und auch die schon in Betrieb befindlichen Züge wurden kurzfristig umgestaltet, sodass man in Österreich sein Fahrrad in allen Zügen der ÖBB mitnehmen kann. 

          Michael Cramer ist ein Politiker der Grünen und war von 2004 bis 2019 Mitglied des Europäischen Parlaments. Dort leitete er von 2014 bis 2017 den Verkehrsausschuss.

          Bei der DB ist die Fahrradmitnahme im Fernverkehr nur in den IC- und EC-Zügen problemlos möglich, obwohl deren Türen schmaler und die Treppenstufen zahlreicher und höher sind als im ICE. Allerdings gibt es in Ferienzeiten oft nicht genügend Stellplätze, weshalb man sehr frühzeitig buchen muss.

          Die Bahn ignorierte den Bundesrat

          Schwierig wird es, wenn man sein Fahrrad im ICE mitnehmen möchte, weil es Transportkapazitäten nur in homöopathischen Dosen gibt. Nach dem Beschluss des Europäischen Parlaments zugunsten der Fahrradmitnahme in allen Zügen hatte der Bundesrat 2008 die DB aufgefordert, bei neuen Fernzügen die Fahrradmitnahme zu ermöglichen und sie in vorhandenen ICE-Zügen bei Redesign-Maßnahmen zu berücksichtigen. Das führte dann immerhin dazu, dass 2012 der neue ICE 4 mit acht Fahrradstellplätzen vorgestellt wurde. Der Zug ist seit 2017 im Einsatz. Und auch in den neuen ECx-Zügen sowie in den von der ÖBB übernommenen Doppelstockzügen wird die Fahrradmitnahme möglich sein.

          Aber bei den Redesign-Maßnahmen für den ICE 3 hat die DB, die zu hundert Prozent im Eigentum des Bundes ist, den Bundesratsbeschluss einfach ignoriert. Auf der Pressekonferenz 2017 beantwortete der im DB-Vorstand für den Fernverkehr zuständige Bertold Huber die Frage eines Journalisten nach den Gründen für den Boykott des Bundesratsbeschlusses mit der Behauptung, das Eisenbahnbundesamt (EBA) habe eine Nachrüstung verboten. Das war allerdings nicht der Fall. Denn das EBA hatte schon Monate vor der Pressekonferenz der DB mitgeteilt, dass es für die Fahrradmitnahme bei der Nachrüstung kein Problem geben würde. 

          Die DB sucht nicht nach Wegen, das Problem zu lösen, sondern nach Vorwänden, hier nichts ändern zu müssen. Sie argumentiert, dass weder die Gangbreite vor den Abteilen noch die Breite der Abteiltüren für die Radelnden akzeptabel wäre. Und auch auf die dann womöglich fehlenden Sitzplätze verweist sie.

          Platz für Koffer fehlt auch

          Als ob das Bahnfahren heute immer komfortabel wäre! In überfüllten ICE-3-Zügen beispielsweise müssen viele Fahrgäste oft stundenlang stehen, für Koffer gibt es durchweg nicht genügend Stauraum. Auch hier müsste die Bahn flexibler reagieren und unter Einbeziehung von Fahrradstellplätzen für Verbesserung sorgen.

          Wenn die DB es wollte, gäbe es einfache und schnell zu realisierende Lösungen. Ein Beispiel: Im ICE von Hagen nach Berlin gibt es kein Fahrradabteil, obwohl die Türen breiter und die Treppenstufen flacher sind als in IC und EC. Nachdem man eingestiegen ist, befindet sich in der 1. Klasse direkt hinter einer breiten Tür ein Abteil mit vier Sitzplätzen. Es hat eine Größe von 2,20 x 1,40 Meter und hätte Platz für vier Fahrräder. Dieser Platz könnte im Winter auch für Skiausrüstungen genutzt werden.

          Wenn dort – wie in den R-Zügen – Klappsitze installiert würden, ginge kein Sitzplatz verloren, falls kein Fahrrad reserviert wurde. Da die 1. Klasse nur sehr selten ausgebucht ist, wäre diese Lösung unproblematisch. Durchschnittlich sind die ICE-Züge nur zu 56% ausgelastet. Die Fahrradmitnahme wäre nicht nur für die boomende Zahl von Radtouristen von Vorteil, sondern finanziell auch für die hoch verschuldete DB.

          Es kommt manchmal vor, dass die DB pragmatische Lösungen findet. Als ein ICE 4 mit Fahrradmitnahme durch einen ICE 3 ohne Fahrradmitnahme ersetzt werden musste, hat sie flexibel reagiert.  Mehrere Abteile wurden quasi umgewidmet und für die reservierten Fahrräder genutzt.

          Bei einer Grundsanierung, die erst zu einem Drittel abgeschlossen ist, sollte die DB in der Lage sein, Fahrradstellplätze zu schaffen. Sonst wird es in den nächsten 30 Jahren in 40 Prozent der ICE-Züge keine Fahrradmitnahme geben. Darüber würden sich die Radtouristen ärgern, Flixbus und die Airlines aber freuen.

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