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Mit der Europawahl : Kann Schottland ein Zeichen gegen den Brexit setzen?

  • -Aktualisiert am

Die „Bollocks to Brexit“-Sticker der Gruppe „Glasgow Loves EU“ sind besonders beliebt. Bild: jant.

Unverhofft nimmt das Vereinigte Königreich an der Europawahl teil. Im pro-europäischen Schottland hoffen Aktivisten, eine Botschaft nach Westminster schicken zu können. Gleichzeitig droht ein neues Unabhängigkeitsreferendum.

          „Wie es in Zukunft weitergeht, weiß keiner”, erklärt der Stadtführer in Glasgow und blickt mit theatralischer Mimik in die Runde. Er spricht von Irn-Bru, dem pappsüßen schottischen Nationalgetränk. Die Schotten trinken es lieber als Coca-Cola, das sonst überall auf der Welt der marktführende Softdrink ist. Zumindest noch: Im vergangenen Jahr hat Irn-Bru das Rezept geändert und den Zuckeranteil des Softdrinks drastisch reduziert und durch einen Austauschstoff ersetzt, um nicht unter die neu eingeführte Zuckersteuer zu fallen. Seitdem, so beschweren sich viele Irn-Bru-Fans, schmecke ihnen das Getränk nicht mehr so gut wie vorher. Restbestände werden für das zehnfache des ursprünglichen Preises gehandelt, 50.000 Menschen haben eine Petition unterzeichnet, die eine Rückkehr zum alten Rezept fordert, und bis heute monieren Kommentatoren auf Social Media den fehlenden Zucker. Ob das reicht, damit Irn-Bru die alte Variante wieder auf den Markt bringt, ist ungewiss.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Im Kampf gegen Dinge, die man eigentlich gar nicht wollte und deren Ausgang ungewiss ist, kennt man sich derzeit aus in Schottland. Denn 2016 haben die Schotten mehrheitlich für einen Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union gestimmt. Nur 38 Prozent wollten hier den Brexit. Die pro-europäische Mehrheit unterlag in der landesweiten Abstimmung. Klarheit, wie das Verhältnis der Briten zur EU künftig aussehen soll, gibt es noch immer nicht.

          Manchen Schotten kommt es deshalb gelegen, dass der Austritt sich verzögert und das Vereinigte Königreich anders als geplant am Donnerstag an den Europawahlen teilnimmt. Sie hoffen auf ein starkes Abschneiden der „Remain“-Parteien. So wollen sie ein Zeichen für Europa setzen und die Regierung in London zu einem zweiten Brexit-Referendum oder gar gleich einer Rücknahme des Brexit-Gesuchs bewegen. Einen weiteren Ausweg bietet die Schottische Nationalpartei SNP an: Schottland könnte sich nun doch vom Vereinigten Königreich lossagen und als unabhängiges Land um eine Wiederaufnahme in die EU bitten. Eigentlich war ein solches Unabhängigkeitsbegehren 2014 knapp gescheitert – auch deshalb, weil viele Schotten in Sorge waren, dass der Wiedereintritt in die EU sich verzögern oder gar scheitern könnte. Eine bittere Ironie für diejenigen, die damals um ihre Vorteile der EU-Mitgliedschaft gebangt hatten.

          Die „Remain“-Spalte füllt sich

          Die Gruppe „Glasgow Loves EU“ setzt auf die Europawahlen. Schon seit vergangenem Sommer sind die Aktivisten zunächst monatlich, inzwischen wöchentlich samstags in der Haupteinkaufsstraße der größten Stadt Schottlands unterwegs, um für die Europäische Union zu werben. In diesen Tagen wollen sie vor allem für die Europawahl und die „Remain“-Parteien mobilisieren. Auf den Flyern, die sie dabei haben, listen sie auf, welche Parteien ihre Forderung nach einem zweiten Brexit-Referendum unterstützen. Auf dem „Brexitometer“ können die Passanten zudem mit einem Sticker markieren, ob sie bei der Europawahl eine „Remain“- oder eine „Leave“-Partei wählen wollen.

          Zumindest darauf sieht es schnell nach einem Erfolg aus: die „Remain“-Spalte füllt sich, die „Leave“-Spalte bleibt leer. Gerade junge Passanten halten oft an und bitten um einen der neongelben Sticker mit der Aufschrift „Bollocks to Brexit“ – ein sehr derber Ausdruck dafür, dass der Brexit Unsinn ist. Ein Junge kommt vorbei, um sich zu versichern, dass es Menschen gibt, die am Donnerstag in seinem Sinne für eine „Remain“-Partei stimmen werden. Er heißt Corey und ist 15, deshalb darf er selbst noch nicht wählen. 

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