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: Leserbriefe vom 28. Januar 2021

  • Aktualisiert am

Das Verlegeschiff „Audacia“ des Offshore-Dienstleisters Allseas im Jahr 2019, als es in der Ostsee vor der Insel Rügen Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2 verlegt hat. Bild: dpa

Nord Stream 2 +++ Fremde Federn: Michail Chodorkowskij +++ Interview mit Armin Laschet +++ Gender-Sprache im Duden +++ Versagen beim Impfen der Alten

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          Die Russen – rationale Geschäftsleute

          In seinem Kommentar „Weder Sanktionen noch Gift“ (F.A.Z. vom 22. Januar) zur Resolution des EU-Parlaments, nach der die Mitgliedstaaten für den Abbruch des Nord-Stream-2-Projekts Sorge tragen sollten, stellt Berthold Kohler die Frage: „Betrachtet die SPD die eindeutige Willensäußerung der europäischen Abgeordneten zum umstrittensten Projekt der europäischen Energiepolitik auch als ,schräg‘ und ,befremdlich‘?“ Das muss naturgemäß die SPD beantworten – aber die Antwort sollte ein deutliches „Ja!“ sein. In der Kakophonie der Institutionen der Europäischen Union droht das Europäische Parlament zu einem Resolutionenparlament abzusinken, das durch publikumswirksame Einzelinterventionen Einfluss auf die Exekutive zu nehmen versucht. Konkret in der Frage des Nord-Stream-2-Projekts fragt man sich, woher eigentlich die Vorstellung kommt, dass sich schwerwiegende, irreversible Eingriffe in langfristige Wirtschaftsbeziehungen als kurzfristig einsetzbares und ad hoc auswählbares Protestinstrument eignen. Glaubt man, einen Putin damit zu beeindrucken, der sein Erdgas jederzeit nach China verkaufen kann? Es bleibt das Geheimnis des Europäischen Parlaments und des Kommentators der F.A.Z., warum man glaubt, dass die als rationale Geschäftsleute renommierten Russen die gegenseitigen Abhängigkeiten nicht realistisch ausrechnen können, die sich durch solche Brüche sicher nicht ändern. Warum sollte es die beste Strategie zur Reduzierung der Abhängigkeit von russischen Lieferungen sein, die Reserven des Westens so schnell wie möglich aufzubrauchen? Den Wunsch der osteuropäischen Durchleitungsstaaten, weiterhin anstrengungsfreie Monopoleinkommen einstreichen zu können, kann man nachfühlen. Berechtigt ist dieser Wunsch deswegen nicht und auch nicht gesund, weil man sich die berühmte Holländische Krankheit ins Haus holt. Unterstützung und Wirtschaftsförderung der Peripherie- und Anrainerstaaten darf nicht durch künstliche, langfristige Strukturverzerrungen erfolgen. Die wirksame Antwort auf die russischen Übergriffe sollte in der Stärkung der inneren Strukturen der Nachbarländer liegen und, in diesem Punkt ist die Forderung des EU-Parlaments in der Sache richtig, in gezielten Sanktionen gegen die handelnden Personen. Friedrich Wolf, Essen

           

          Der Kreml – offen vertragsbrüchig

          In der F.A.Z. vom 23. Januar gab es gegensätzliche Stellungnahmen zur Politik gegenüber dem Putin-Regime. Während Michail Chodorkowskij als Opfer politischer Verfolgung fordert, diesem alle zwischenstaatliche Zusammenarbeit zu verweigern („Keine Kumpanei mit Banditen“), plädiert der neue CDU-Vorsitzende Armin Laschet in seinem Interview („Auch mit Friedrich Merz“) für ein partnerschaftliches Verhältnis. Zwar sei die russische Seite „in vielen Belangen ein Gegner“, doch bei „wichtigen Themen“ brauche Deutschland „die Kooperation und das Engagement Russlands“. Wenn man sich zu einem derartigen Vorgehen entschließt, muss man sehr genau wissen, was man von der anderen Seite zu erwarten hat und wie damit umzugehen ist. In ähnlicher Weise wie die antidemokratischen Kräfte im Deutschen Reich nach dem Ersten Weltkrieg verfolgt die gegenwärtige Führung im Kreml eine revisionistische Politik: Sie will den Zerfall der Sowjetunion, nach ihrer Ansicht die „größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts“, unbedingt rückgängig machen und sucht dabei die frühere Machtposition in Europa und darüber hinaus wiederzugewinnen. Ein vorrangiges Ziel ist dabei die „Heimholung“ der Ukraine. Dieser wird die Qualität einer Nation bestritten, weil sie seit jeher zu Russland gehört habe. Ausgehend von dieser Überzeugung, hat man keine völkerrechtlichen Bedenken gehabt, die internationalen Verträge zu brechen, in denen man der Ukraine als Gegenleistung für die Übergabe der auf ihrem Boden stationierten sowjetischen Kernwaffen die Unverletzlichkeit ihrer Existenz und ihres Territoriums zugesichert hatte, wie etwa die durch die „grünen Männchen“ herbeigeführte Annexion der Krim und die Gewaltakte in der östlichen Ukraine gezeigt haben. Zwar führten die dabei geweckten Widerstände nur zu einem Teilerfolg, doch lässt das Verhalten bei der Durchführung der Minsker Vereinbarungen erkennen, dass die russische Seite das gesteckte Ziel nicht aufgegeben hat. Demgemäß wird die Stabilisierung der Ukraine so weit wie möglich verhindert, und es ist zu erwarten, dass die Attacke bei nächster Gelegenheit fortgesetzt wird.

          Als Bereich wechselseitig vorteilhafter deutsch-russischer Kooperation nennt Laschet die Gasleitung Nord Stream 2, die nach seiner Ansicht ein bloß wirtschaftliches Projekt ohne politische Bedeutung ist. Nicht nur in Kiew, sondern auch in den westeuropäischen Hauptstädten und in Washington sieht man das ganz anders: Der Transport der Gaslieferungen in den Westen, vor allem nach Deutschland, über Nord Stream 2 macht Russland unabhängig von den Leitungen durch die Ukraine und beseitigt damit einen wichtigen Grund für eine gewisse Zurückhaltung ihr gegenüber. Laschet macht gegen diese Gefahrenerwartung geltend, man habe „in den Verträgen Vorkehrungen getroffen, um die Interessen der Ukraine zu wahren“, und das sei „auch gegenüber Russland sehr deutlich gemacht worden“, doch fällt es schwer zu glauben, dass sich die Führung im Kreml davon beeindrucken lässt, nachdem sie den weltweiten Makel der offenen Vertragsbrüchigkeit nicht gescheut hat, um sich gegen die Ukraine zu wenden. Zudem geht es bei Nord Stream 2 nicht allein um die Unabhängigkeit der Ukraine. Dadurch, dass sich Deutschland noch mehr als bislang auf russisches Gas verlässt, öffnet es sich verstärkter Einflussnahme. Das hätte die dem Regime in Moskau durchaus erwünschte Nebenwirkung, dass zwischen Deutschland und seine Partner im Westen, die EU und die Vereinigten Staaten, ein Keil getrieben wird. Können wir das alles wollen? Dr. Gerhard Wettig, Kommen

           

          Was ein Deutschlehrer sich fragt

          Peter Eisenberg ist herzlich zu danken für seine sprachwissenschaftlich unverbrämten Ausführungen (F.A.Z. vom 8. Januar). Sie demaskieren die dem unsäglichen Genderwahn anheimgefallenen Claqueure auf treffende Weise. Allen Warnungen zum Trotz mutet die Verwendung der deutschen Sprache mittlerweile wie ein sinkendes Schiff an, dessen Unrettbarkeit allenfalls noch diejenigen kopfschüttelnd verfolgen dürfen, die es rechtzeitig auf eines der wenigen Rettungsboote geschafft haben; gleichwohl ist zu befürchten, dass auch sie durch den Sog mit in die Tiefe gerissen werden, wenn dem sprachlichen Stumpfsinn nicht sehr bald Einhalt geboten wird. Gewiss wird es der Sprache und ihren Sprechern gelingen, so manchen Unsinn zu überwinden, doch scheint es einmal mehr in diese merkwürdige Zeit zu passen, dass es eine unverbesserliche und vor allem laute Minderheit gibt, die Kritik an der eigenen Vorgehensweise beiseitewischt und der schweigenden Mehrheit munter „alternative Fakten“ serviert. Dahinter steckt ein nahezu totalitaristischer Anspruch, der nun sogar noch hoffähig gemacht werden soll, indem selbst der Duden vor ihm auf die Knie geht und vermeintlich gendergerechte Anpassungen vornehmen will.

          Nach dieser alarmierenden Meldung geht einem Deutschlehrer nun die Frage durch den Kopf, was da als Nächstes auf uns und insbesondere auf die Schüler zukommt. Es steckt einem ja nicht nur die bis heute als unausgereift einzustufende Rechtschreibreform in den Knochen; seit einigen Jahren leidet die Rechtschreib(un)sicherheit zusätzlich unter den verheerenden Auswirkungen der Methode „Schreiben nach Gehör“, von der man inzwischen zwar abrückt, die aber wie ein Mühlstein um die Hälse ganzer Schülergenerationen hängt, was einem kaum wiedergutzumachenden Eingriff in das orthographische Bewusstsein gleicht. Wenn vor diesem Hintergrund fortan auch noch alles „durchgegendert“ werden soll, dann empfehle ich vorsorglich einen Verzicht auf die Bewertung der Rechtschreib- und Grammatikleistung aller Schüler, um deren diesbezügliche Frustration nicht noch weiter voranzutreiben. Wie sähe denn ein behutsamer Korrekturvorschlag am Rand des mühsam zu Papier gebrachten Aufsatzes überhaupt aus? Vielleicht in etwa so: „Das hast du fein gemacht, aber viele der von dir eingefügten Gendersterne stehen noch nicht dort, wo sie eigentlich hingehören, was zu Punktabzügen führt.“ – Also keine Eins mit Sternchen. Oder nur mit Sternchen eine Eins? Es ist absurd, diesen Gedanken fortzuführen, denn die sogenannte gendergerechte Sprache schadet gerade denjenigen, die ihr am wenigsten entgegenzusetzen haben: den Kindern. Man male sich aus, was auf die neue Genderausgabe des Dudens folgt. Womöglich bekommen wir demnächst ein generelles Leseverbot für Texte auferlegt, die von der Sprachpolizei als nicht gendergerecht angesehen und mithin verboten werden. Oder unsere Literatur wird bis zur Unkenntlichkeit verhunzt, damit sie den fragwürdigen Ansprüchen einer verbissenen Gruppierung genügt, die am Ende nur noch aussortiert und das genaue Gegenteil von dem bewirkt, was sie eigentlich will. Jens Holland, Hannover

           

          Am deutschen Ende

          Zur Leitglosse „Weder Sanktionen noch Gift“ (F.A.Z. vom 22. Januar): Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei? Wie so oft ist Populärmusik irreführend. Auch Nord Stream 2 hat zwei Enden, und über das westliche herrscht die Bundesrepublik Deutschland. Wieso tun alle so, als sei unsere Verfügungsgewalt beendet, sobald das Bauwerk steht? Natürlich sollte es zu Ende gebaut werden, so kurz vor Fertigstellung. Was man dann damit macht, kann die Politik täglich neu entscheiden. Das ändert aber nichts daran, dass ich lieber Erdgas als Fracking-Gas verheizen möchte. Dr. Mathias Bieberbach, Hannover

           

          Unfähig

          Besten Dank für Reinhard Müllers schonungslose Leitglosse „Schutzpflicht und Schuld“ (F.A.Z. vom 26. Januar). Erschreckend, wie unfähig die hessische Verwaltung ist, die Impfung zu organisieren. Dabei mangelt es weder an Geld noch an Zeit. Anmeldung über Telefon? Endlosschleife. Anmeldung über Internet? Endlosschleife. Abgesehen davon ist die elektronische Anmeldung für Bürger über 80 Jahre, auf die es angeblich ankommt, schwierig. Ich bin mehrfach gescheitert. Zuletzt hat mir das Internet stets geantwortet, mein Passwort sei falsch. Mein Passwort ist aber nicht falsch. Mein Fazit: Ich überlasse „meine“ Dosis gerne der jüngeren Generation – einem jungen Ehepaar mit Kindern, einer jungen Lehrerin/Lehrer – jedenfalls einem Bürger, bei dem die Dosis wesentlich sinnvoller genutzt werden kann als bei mir. Dr. Martin Heidenhain, Eppstein

           

          Vergeblich

          Zu „Schutzpflicht und Schuld“ von Reinhard Müller (F.A.Z. vom 26. Januar): Unserem Alter entsprechend gehören mein Mann und ich bei der Corona-Schutzimpfung mit 81 und 82 Jahren zur höchsten Prioritätsstufe. Obwohl wir intensiv, das heißt tagelang über Online und Telefon, versucht hatten, Termine zu ergattern, sind wir leider – aber doch immerhin – nur bis zur Registrierung vorgedrungen. Uns ist bekannt, dass in Hessen derzeit mangels Impfstoff keine Termine vergeben werden. Zwecks Vermeidung eines erneuten „Runs“ auf Termine mit stundenlangem Hängen in der Warteschleife und zusammenbrechendem Online-Portal wäre es doch sinnvoll, für die bereits vorhandenen Vorgangskennungen Termine in der zeitlichen Reihenfolge der Registrierungen zu buchen und diese dann per Post oder online den Bürgern zuzustellen. Alle Daten und Adressen sind bekannt (Wahlunterlagen, Maskenanspruch und so weiter werden ja auch versandt). Dieses Vorgehen würde jedenfalls zu einer erheblichen Entzerrung führen. Die Gefahr, dass dann von vielen eine Terminänderung gewünscht würde, sehe ich nicht, da der Lockdown alle Menschen zu Präsenz vor Ort anhält. Wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie diese Anregung mit Dynamik verfolgen könnten. In jedem Fall würde ein solches Vorgehen die gute Kommunikation befördern und die Ärger-, Zorn- und Frustschwelle deutlich senken. Elske Maurer und Jürgen Maurer, Heusenstamm

           

          Verantwortungslos

          Zum Thema der fortgesetzten Schulschließungen in der Pandemie: Die Selbstverständlichkeit, mit der politisch die Zukunft einer ganzen Schülergeneration aufs Spiel gesetzt wird, macht einen fassungslos. Man muss kein Hellseher sein, um vorherzusagen, dass ein weiteres Schuljahr dem Infektionsschutz zum Opfer fallen wird – zumindest inhaltlich. Stattdessen: Versetzung und gute Noten für alle, Leistungsgedanke ade – was für ein armseliges Verständnis vom Wert schulischer Bildung. Regelbetrieb an Schulen ist systemrelevant, alternativlos und darf nicht länger eingeschränkt bleiben, weil er die Grundlage unseres Wohlstandes bildet – Infektionsgefahr hin oder her. Um des bedingungslosen Schutzes von Risikokollektiven willen der vom Virus kaum bedrohten jungen Generation in ökonomischer, gesundheitlicher und intellektueller Hinsicht schier unbegrenzte Hypotheken aufzubürden, ist zwar einfach, aber in höchstem Maße unsolidarisch und gesellschaftlich verantwortungslos. Dr. Christine Eisemann, Mainz

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